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Österreichischer Impftag 2021

„Andere Impfungen sind unter die Räder gekommen“

Gesundheitskonzept: Hände eines Arztes mit Nitrilhandschuhen neben Spritzen und einem Impfpass. Konzept für die Diskussion um die Impfpflicht.

Aktuell sind die Corona-Impfungen klarerweise das vorherrschende Thema. Das war auch beim heurigen Impftag so. Dort wurde gemahnt, dass man darüber aber nicht auf andere wichtige Impfungen vergessen dürfe.

„COVID-Impfstoffe und ihre Herausforderungen: erhofft – gefürchtet – verfügbar“ war das Motto des heurigen, virtuellen, Impftags. Im Vorfeld erinnerten Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Zentrums für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der MedUni Wien, Dr. Rudolf Schmitzberger, Leiter des Impfreferates der Österreichischen Ärztekammer, und Dr. Gerhard Kobinger, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Apothekerkammer, daran, an die Immunisierungen für andere Krankheiten zu denken und wichtige Auffrischungen nicht zu versäumen.

Die WHO hatte bereits festgestellt, dass seit der Pandemie die anderen Impfungen ins Hintertreffen geraten sind. Die Kinderimpfungen seien extrem zurückgegangen, sagt Wiedermann-Schmidt. Dabei wäre es wichtig, die Sechsfachimpfung oder die Masern-Mumps-Röteln zeitgerecht durchzuführen. „Denn es wird jetzt ein Jahr werden, wo die Öffnungen wieder stattfinden, und das bedeutet: Wenn Impflücken entstanden sind bei Groß und bei Klein, dann wird es eine Revanche geben vonseiten der Erreger, wenn wir nicht geschützt sind.“

Was die Influenza betrifft, haben wir einen untypischen Winter erlebt, in dem die Grippewelle ausblieb. Für Schmitzberger ist das nicht nur eine Auswirkung der Hygienestandards und Abstandsregeln in der Pandemie, sondern auch eine Folge des nationalen Gratisimpfprogramms: „Wir haben heuer dreimal so viel verimpft wie in der letzten Saison.“ Sein dringender Appell an Eltern lautet weiter: „Bitte lassen Sie sie Ihre Kindergartenkinder und Schulkinder absolut impfen, es gibt noch ausreichend Impfstoffe.“ Auch der nasale Grippeimpfstoff, der besonders gut wirksam sei, sei noch verfügbar. Schließlich seien Kinder hier nachgewiesenermaßen „Hauptanstecker“ und müssten daher gut geschützt werden. Der nasale Impfstoff könne dabei auch bis zum vollendeten 18. Lebensjahr eingesetzt werden.

Senioren zur Pneumokokken-Impfung

Doch jetzt noch grippeimpfen? Ja, das sei auf jeden Fall noch sinnvoll, so Kobinger, und Wiedermann-Schmidt ergänzt, eine Influenza-Welle könne „locker bis April noch bestehen“. Man schütze sich somit auch gegen die gefürchtete Doppelinfektion mit Grippe und Covid-19. „Das möchte ich eigentlich nicht, dass das jemand erleben muss“, so Wiedermann-Schmidt, „weil da wissen wir, dass die Verläufe extrem schwer sind und sehr problematisch sein können.“ An die älteren Semester hat Schmitzberger auch eine Botschaft: Sie mögen nicht auf die Pneumokokken-Impfung vergessen. „Wir konzentrieren uns jetzt momentan auf die Impfung gegen Covid, aber bitte vergessen Sie nicht die Impfung gegen Influenza und gegen Pneumokokken!“

Wenn nun gleichzeitig mehrere Immunisierungen anstehen, stellt sich die Frage nach dem zeitlichen Abstand dazwischen. „Vor und nach einer Corona-Impfung sollte nach der derzeitigen Empfehlung ein Abstand von mindestens 14 Tagen zu anderen Immunisierungen liegen, erklärte Wiedermann-Schmidt. Falls es zu Impfreaktionen kommen sollte, lassen sich diese dann besser voneinander abgrenzen. Sollte aber eine notwendige Impfung in diesem Zeitraum anfallen, könne man den Abstand aber auch verringern.

Die vom Hersteller angegebenen Abstände zwischen den beiden Corona-Impfdosen für die Grundimmunisierung sollten eingehalten werden, und beide Dosen sollten mit demselben Impfstoff durchgeführt werden, so die Vakzinologin. Sollte in Zukunft eine Auffrischung notwendig sein, würde man die Produkte auch wechseln können.

Doppelt so viele FSME-Fälle im Jahr 2020

Ein weiteres Sorgenkind ist die Schutzimpfung gegen FSME. Kobinger weist darauf hin, dass es im vergangenen Jahr doppelt so viele FSME-Fälle gegeben habe wie im Jahr davor. „Also die FSME ist anscheinend schon eine Impfung, die im Zuge der Pandemie unter die Räder gekommen ist.“ Man werde in diesem Jahr versuchen, die FSME-Impfung „wieder zu promoten und den Impfschutz sicherzustellen“. Den hätten nämlich nur etwas über 60 Prozent der Bevölkerung.

Impftag 2022: Save the Date

Der Österreichische Impftag ist eine Veranstaltung der Österreichischen Akademie der Ärzte mit der MedUni Wien, der Österreichischen Ärztekammer und der Österreichischen Apotherkammer. Der nächste findet am 22. Jänner 2022 statt.

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