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COVID-19-Pandemie

Gesundheitspass: Long Covid im 5-Punkte-Plan der niedergelassenen Ärzte

3D-Rendering von Poolball Nummer 5.

Noch ist sie nicht ausgestanden, die Corona-Krise, macht sich Dr. Johannes Steinhart, Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), angesichts „ständig neuer Mutationen“ von SARS-CoV-2 keine Illusionen. Ein 5-Punkte-Plan, vorgestellt mit Kollegen verschiedener Fachdisziplinen, soll daher die Gesundheitsversorgung fit für die Zukunft machen. Dabei dürfe weder auf das Herz noch auf Krebsvorsorge vergessen werden. Aber auch Long Covid, an dem mehr als 60 Prozent der COVID-19-Hospitalisierten leiden und das bei zirka 15 Prozent auch nach leichteren Verläufen auftreten kann, rückt immer mehr in den Fokus der Ärzte – dafür brauche es jedoch Kassenleistungen.

Wie sich die Mutationen auswirken, sei noch nicht absehbar, betont Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), und die nächste Pandemie komme in unserer globalisierten Welt ganz sicher – früher oder später: „Vielleicht ist sie nur einen Interkontinental-Flug von Österreich entfernt.“ Daher müsse „unsere Gesundheitsversorgung fit für die Zukunft“ werden. Vor allem würden die sogenannten „Kollateralschäden“, die Steinhart als Folgen durch Nichtbeanspruchung ärztlicher Leistungen während der Lockdowns definiert, für ernste Gesundheitsprobleme sorgen.

Viele der „Kollateralschäden“ sind laut Steinhart auch durch Ängste der Patienten ausgelöst worden. Es müsse ihnen vermittelt werden, dass sie „gefahrlos“ die Einrichtungen besuchen könnten, appelliert Steinhart, selbst niedergelassener Facharzt, im Rahmen einer Pressekonferenz am 06.05.2021 mit Kolleginnen und Kollegen, die einen Vorsorgemedizin-Schwerpunkt in ihren Praxen haben.

Kardiologie: Deutlich schlechtere Blutfett-, Zucker- und Blutdruckwerte

Eine davon ist Prof. Dr. Bonni Syeda, stv. Obfrau der Fachgruppe Innere Medizin der Wiener Ärztekammer. Die Kardiologin mit Gruppenpraxis in Wien sieht immer mehr Patienten, die deutlich schlechtere Blutfett-, Blutzucker- und Blutdruckwerte aufweisen als vor einem Jahr und führt dies auf „besonders verbreitete und folgeschweren Kollateralschäden der Pandemie“ wie Gewichtszunahme, einerseits durch Bewegungsmangel, aber auch durch veränderte Ernährungsgewohnheiten zurück.

Damit steige das Risiko von Diabetes-Folgeschäden deutlich an, generell könnten erhöhte Blutfett-, Blutzucker- sowie Blutdruckwerte u.a. Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen. Um solche Langzeitfolgen zu vermeiden, sei es daher essenziell, „dass wir die Menschen rechtzeitig zurück in die ärztliche Betreuung holen“. Weiters müssten kardiologische Krankheitsbilder wie etwa eine Herzschwäche oder eine Aortenklappenstenose regelmäßig kontrolliert werden, da daraus resultierende Ausbuchtungen platzen könnten, warnt Syeda: „Weil solche Krankheiten ohne Verlaufskontrollen tödlich enden können, sind regelmäßige Arztbesuche notwendig, um das Fortschreiten der Erkrankung rechtzeitig zu erkennen und gegebenenfalls Therapien einzuleiten.“

Was das Vorhofflimmern betrifft, habe eine dänische Studie gezeigt, dass im Jahr 2020 bei nur halb so vielen Menschen diese häufigste Herzrhythmusstörung diagnostiziert worden sei wie 2019, da die Menschen nicht regelmäßig zum Arzt gegangen sind. Jetzt gebe es viele mit Vorhofflimmern, „die das nicht wüssten“. Aber ohne entsprechende Therapie steige das Risiko für einen Schlaganfall, erinnert Syeda.

Mehr Kassenleistungen statt Besuche in Spitalsambulanzen

Aus gesundheitspolitischer Sicht würde sie sich wünschen, dass bestimmte Untersuchungen nicht nur in Spitalsambulanzen, sondern auch in der Praxis durchgeführt werden könnten. Als Beispiel aus der Kardiologie nennt sie die Herzschrittmacher-Überprüfung: „Diese Patienten müssen trotz Pandemie unnötigerweise Ambulanzen aufsuchen, obwohl die Kapazitäten in den Spitälern am Limit sind“, gibt die Kardiologin zu bedenken, auch bekämen Patienten derzeit keinen Termin in manchen Spitalsambulanzen. Die Lösung: Seitens der Kassenärzte wären aber diese und andere Untersuchungen – wie etwa auch in der Rheumatologie, Diabetologie, Nephrologie – auch im niedergelassenen Bereich möglich, wenn sie als Kassenleistung angeboten werden könnten.

Handlungsbedarf bei Long Covid

Das sollte auch im Fall von Long Covid gelten, also Folgeerscheinungen, die viele auch Wochen oder sogar Monate nach einer COVID-19-Erkrankung auftreten können. Einer Lancet-Publikation zufolge mit mehr als 1.700 Covid-Hospitalisierten verspüren 63 Prozent der Patienten nach einem halben Jahr nach wie vor Symptome. Bei milden Verläufen seien es immer noch rund 15 Prozent, die nach drei Monaten an Symptomen leiden würden, berichtet Syeda: „Bei mittlerweile über 600.000 Covid-Erkrankten (alle Altersgruppen, Anm. d. Red.) in Österreich besteht somit Handlungsbedarf, damit die Betreuung dieser Patienten auch als Kassenleistung möglich ist.“ Bei Verdacht auf Long Covid sollte man sich unbedingt untersuchen lassen – das gelte natürlich auch für Kinder, bekräftigt Syeda auf Nachfrage der Redaktion.

Das sei nicht in allen Bereichen der Fall, erinnert Syeda an fehlende Kassenleistungen wie NT-proBNP-Bestimmung bei Verdacht auf eine Herzmuskelentzündung oder an die Deckelungen bei Herzultraschall. Von Deckelungen, also nur eine bestimmte Anzahl von Untersuchungen wird bezahlt, seien nicht nur Kardiologen, sondern auch Pulmologen betroffen, „so lässt sich eine adäquate Betreuung der Long-Covid-Patienten im Kassenbereich nicht umsetzen“.

Radiologie: Rückgänge der Mammografien

Von „dramatischen“ Einbrüchen bei radiologischen Untersuchungen während der Covid-Krise berichtet Univ.-Doz. Dr. Franz Frühwald, FA für Radiologie und Nuklearmedizin, Stv. Vorsitzender der Bundesfachgruppe Radiologie der ÖÄK: Demnach betrugen die Rückgänge bei radiologischen Untersuchungen im ersten Lockdown rund 90 Prozent, bei Mammografien liegen die Rückgänge 2020 versus 2019 bei knapp einem Fünftel (18 Prozent): „Das hat natürlich ernste gesundheitliche Konsequenzen, weil Krankheiten bzw. deren Verschlechterung nicht entdeckt wurden und deshalb angemessene Therapien unterblieben“, appelliert der Radiologe, erforderliche bildgebende Untersuchungen „unbedingt baldigst“ nachzuholen.

Nach wie vor sei Brustkrebs die Krebs-Todesursache Nummer eins bei Frauen. Der Rückgang der Mammografien im ersten Corona-Jahr um ein Fünftel (versus 2019) bedeute hochgerechnet, dass 150 mögliche Brustkrebs-Nachweise unterblieben seien: „Diese nicht entdeckten Tumore wachsen weiter, manche könnten dadurch ein kaum behandelbares Stadium erreichen.“ Frühwald appelliert auch, die Intervalle für Nachuntersuchungen bei sonstigen Tumoren einzuhalten bzw. „ehestmöglich“ nachzuholen.

Auch Frühwald thematisiert Long Covid und rät unbedingt dazu, bei Atembeschwerden nach einem Covid-Infekt unbedingt eine Lungen-Röntgen durchführen zu lassen – und „beim geringsten Verdacht“ eine Lungen-CT zum Nachweis minimaler Veränderungen: „Nur eine sofortige Behandlung verringert oder vermeidet Spätschäden.“

Teils 90 Prozent weniger Darmspiegelungen

Zu den häufigsten und gefährlichsten Krebserkrankungen zähle der Dickdarmkrebs, spricht Dr. Friedrich Anton Weiser, Chirurg mit Gruppenpraxis für Chirurgie mit Schwerpunkt Endoskopie in Wien, Obmann der Fachgruppe Chirurgie der Ärztekammer für Wien, eine weitere wichtige Vorsorge-Untersuchung an. Vor der Einführung der Koloskopie sei jeder zweite Neuerkrankte an den Folgen dieser Krebserkrankung gestorben. Durch konsequente Inanspruchnahme der Darmspiegelung sind laut Weiser 90 Prozent dieser Todesfälle vermeidbar, „was sie zur effizientesten Methode der Früherkennung und Vorsorge macht“.

Bereits nach zehn Jahren würde ein bundesweites Koloskopie-Programm die jährliche Krankheitshäufigkeit um fast 1.600 Patienten mit der Diagnose von Darmkrebs in einem fortgeschrittenen Stadium verringern. „Der Lockdown, aber auch andere Phasen der Pandemie haben auch für die Darmkrebs-Vorsorge massive Rückschläge bedeutet“, berichtet Weiser. Alleine in seiner Gruppenpraxis seien etwa 800 bis 900 weniger Koloskopien (zirka 90 Prozent) durchgeführt worden: „Von diesen nicht untersuchten Menschen hätten hochgerechnet 200 Patientinnen und Patienten Polypen gehabt, wovon sich 40 Prozent früher oder später in einen Tumor umgewandelt hätten.“

Weiser zitiert dazu auch eine Studie der MedUni Wien, die demnächst veröffentlicht wird. Diese zeige, dass zwischen 2019 und 2020 die Anzahl der bei Koloskopien entdeckten fortgeschrittenen Karzinome und weit fortgeschrittene Adenome mit einem höheren Entartungsrisiko gleichgeblieben wäre. Das könne nur durch einen Rückgang bei den Untersuchungen erklärt werden, schlussfolgert Weiser, es gebe also, bedingt durch die in der Corona-Krise nicht durchgeführten Darmspiegelungen eine Reihe von Patienten mit Darmkrebs, die nicht davon wüssten.

Video- oder Telefon-Konsultation als Kassenleistung

Dass die Menschen den Untersuchungen ferngeblieben seien, habe zu einem enormen Rückstau bei den Untersuchungen geführt, ist Weiser überzeugt, dieser könne nur langsam abgebaut werden. „Die Empfehlung des ersten Lockdown, den Besuch von Arztpraxen möglichst zu meiden, sollte in vergleichbaren Situationen nicht wiederholt werden“, betont der Chirurg, „dann wird das Gesundheitssystem hoffentlich in der Lage sein, ausreichend Schutzmaterialien für einen sicheren Ordinationsbetrieb zur Verfügung zu stellen.“ Auch sollte die Möglichkeit bestehen, dass Patienten als Kassenleistung per Telefon oder Video ihre Beschwerden schildern und individuell beraten werden bzw. möglichst schnell oder erst etwas später – je nach Situation – einen Termin für eine Koloskopie bekommen.

Insgesamt zeige sich sehr deutlich, übernimmt abschließend Niedergelassenen-Bundeskurienobmann Steinhart wieder das Wort, „dass wir die Vorsorgemedizin auf einen noch breitere und strukturiertere Grundlage stellen müssen, als dies bisher der Fall ist“. Erreicht werden soll das durch einen 5-Punkte-Plan (siehe Kasten): Gesundheitspass mit Erinnerungssystem, Sicherheitsreserve in den wichtigsten Bereichen, Digitalisierung als Unterstützung, Umdenken bei den Gesundheitsbudgets – und „dringend nötig“ ein moderner Leistungskatalog.

Moderner Leistungskatalog wird präsentiert

Dieser soll in den kommenden Wochen vorgestellt werden, kündigt Steinhart an. Von der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) erwartet sich die Ärztekammer außerdem, dass sie die Möglichkeiten der Vorsorgemedizin in breiten Kampagnen bewirbt und Patienten „ermutigt“, die während der Corona-Krise nicht wahrgenommenen Arzttermine möglichst schnell nachzuholen.

Entscheidend sei auch eines: „Gesundheit sollte endlich als wichtiges Investitions- und Wachstumssegment unserer Gesellschaft aufgefasst werden, so wie viele andere Bereiche auch, und nicht als Exerzierfeld für die in der Politik verbreiteten Einsparungs- und Austeritäts-Fantasien“, sagt Steinhart und zitiert ein im Auftrag der Ärztekammer von „Peter Hajek – Public Opinion Strategies“ erstelltes „Gesundheitsbarometer“. Demnach plädierten im März 63 Prozent der Befragten dafür, mehr zu investieren. Die Frage war: „Sollte man in den nächsten Jahren mehr, weniger oder gleich viel in das Gesundheitssystem investieren?“

Verbesserungsvorschläge der Patienten

Verbesserungspotenziale sehen die Befragten etwa in folgenden Bereichen: 80 Prozent im Pflegebereich, 60 Prozent in Form von mehr Kassenstellen im niedergelassenen Bereich, 56 Prozent im Spitalsbereich, 56 Prozent in der medizinischen Digitalisierung, 48 Prozent bei den Intensivbetten. Das decke sich „sehr deutlich“ mit den Einschätzungen der Ärztekammer „und entspricht auch unseren Konzepten und Forderungen an die Politik“, resümiert Steinhart.

Der 5-Punkte-Plan

  • Ein neuer Gesundheitspass für alle Bereiche der Vorsorge- und Früherkennungsmedizin mit Erinnerungssystematik. Möglichst viele Menschen sollen vom Nutzen solcher Programme profitieren.
  • Eine Sicherheitsreserve in den wichtigsten Bereichen der Gesundheitsversorgung. Ein enger geknüpftes Sicherheitsnetz bedeutet u.a. mehr Intensivbetten, mehr Ärzte, mehr Pflegepersonen, ausreichend Ausstattung mit Sicherheitsmaterial etc.
  • Ausbau der Digitalisierung als sinnvolle Unterstützung für Arzt und Patient. Bewährte Beispiele sind elektronisch übermittelte Rezepte, Krankschreibung per Telefon oder E-Mail, Online-Konsultationen von Ärzten, elektronischer Impfpass etc.
  • Eine Trendumkehr bei den Gesundheitsbudgets: Investitionen statt Dämpfungspfade. Gesundheit sollte als Wachstumssegment aufgefasst werden und öffentliche Gesundheitsausgaben als sinnvolle Investitionen zum Nutzen der Bevölkerung.
  • Dringend nötig ist ein moderner Leistungskatalog: Eine zeitgemäße Aufstellung aller Leistungen, die in Arztpraxen tatsächlich geleistet werden können und auch sollten. Er ist eine Basis für die Verhandlungen mit der ÖGK über einen neuen Honorarkatalog. Dieser Leistungskatalog wird in den kommenden Wochen vorgestellt.

1 New-onset atrial fibrillation: incidence, characteristics, and related events following a national COVID-19 lockdown of 5.6 million people – PubMed (nih.gov)

2 6-month consequences of COVID-19 in patients discharged from hospital: a cohort study – PubMed (nih.gov)

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