Home / Politik / Direkte Geschäfte sorgen für Ärger bei den Apotheken

Direkte Geschäfte sorgen für Ärger bei den Apotheken

Seit einigen Jahren macht den Apotheken ein steigender Trend zu schaffen: Einige Hersteller liefern ihre Arzneimittel via Logistiker – ohne Großhandel. Dies führt zu diversen Problemen in der Praxis. (Pharmaceutical Tribune 16/2017)

Nicht alle Arzneimittel sind auch rasch in der Apotheke, wenn sie gebraucht werden. Besonders vor Feiertagen und an Wochenenden heißt es oft „Bitte warten“. Betroffen sind vor allem teurere Medikamente, die von den Herstellerfirmen lieber direkt in die Apotheken geliefert werden.
Nicht alle Arzneimittel sind auch rasch in der Apotheke, wenn sie gebraucht werden. Besonders vor Feiertagen und an Wochenenden heißt es oft „Bitte warten“. Betroffen sind vor allem teurere Medikamente, die von den Herstellerfirmen lieber direkt in die Apotheken geliefert werden.

Insbesondere betreffe das Hochpreismedikamente und Hightech-­Produkte, wo es noch keine Generika oder Biosimilars gibt, wie bestimmte TNF-­alpha-­Blocker, bestimmte Chemotherapeutika, Tyrosinkinase­-Hemmer, monoklonale Antikörper etc., berichtet Mag. pharm. Heinz Haberfeld, Landschafts-­Apotheke Baden bei Wien, von Problemen: verzögerte Lieferfähigkeit, zusätzlicher Verwaltungsaufwand, schlechtere Einkaufskonditionen durch die Monopolstellung der Firma. „Ich weiß schon von Liquiditätsproblemen einiger Apotheken“, so Haberfeld. Kein Wunder, bei relativ kurzen Zahlungszielen und Preisen oft von 5.000 Euro pro Produkt und mehreren Patienten.

Haberfeld: „Ich weiß schon von Liquiditätsproblemen einzelner Apotheken.“
Haberfeld: „Ich weiß schon von Liquiditätsproblemen einzelner Apotheken.“

„Bedenklich“ finde er zudem, dass die Firmen wissen wollen, wer der Verordner ist, manche hätten auch gerne den Patientennamen, „die schwärzen wir aber ein“. Das Argument der Unternehmen, das sei der Arzneimittelsicherheit bzw. Pharmakovigilanz geschuldet, ist für Haberfeld „an den Haaren herbeigezogen“. Es gebe ja ohnehin die gesetzliche Verpflichtung zur Meldung von Nebenwirkungen an die AGES Medizinmarktaufsicht. Auch Mag. Dr. Gerhard Kobinger, 2. Obmannstv. der Österreichischen Apothekerkammer, Präsident der Apothekerkammer Steiermark, weiß um Schwierigkeiten und bringt ein Beispiel aus der Praxis: „Ein Patient kommt Freitagnachmittag in die Apotheke und benötigt dringend ein rezeptpflichtiges Medikament z.B. nach einer Organtransplantation.“ Zugesagt wurde das Medikament für Samstagvormittag.

Kobinger: „Durch Kontrahierungszwang ein Notkontingent an Arzneimitteln rund um die Uhr sicherstellen.“
Kobinger: „Durch Kontrahierungszwang ein Notkontingent an Arzneimitteln rund um die Uhr sicherstellen.“

„Tatsächlich war das lebenswichtige Medikament erst am Dienstag in der Apotheke, weil am Montag ein Feiertag war!“, hebt Kobinger hervor. „Hätte der Patient nicht noch zufällig seine Medikamente für die drei Tage gehabt, hätte das fatale Folgen haben können. Wenn die Direktlieferfirmen am Freitagnachmittag Büroschluss haben, ist die Versorgung mit notwendigen Arzneimitteln nicht gewährleistet.“ Versorgungssicherheit könne hier nur der voll sortierte Großhandel bieten. Der Großhandel garantiere zudem auch ein vollständiges, herstellerneutral gestaltetes Sortiment an Arzneimitteln, „bei diesem System orientieren wir uns an der Nachfrage und den Bedürfnissen der Patienten, nicht an den Interessen einzelner Firmen“.

Ein möglicher Lösungsansatz wäre sowohl für Haberfeld als auch Kobinger ein „Kontrahierungszwang“ bzw. das „public service obligation“-­Prinzip, das in Deutschland bereits gesetzlich verankert ist: Der Erzeuger muss auch an den Vollgroßhandel liefern. „Eine Minimalvariante wäre, auf diesem Weg eine Art Notkontingent an Arzneimitteln für die Bevölkerung rund um die Uhr sicherzustellen“, schlägt Kobinger vor, „weil eine Patientenpass­-Nummer oder ein anonymisiertes Rezept kann ich auch dem Großhandel übermitteln, damit alles transparent und nachvollziehbar bleibt.“ Oder aber der Erzeuger verpflichte sich, dass binnen weniger Stunden geliefert werden könne. Das würde aber eine Adaptierung der Abläufe bei Erzeugern und ihren Logistik-­Partnern erfordern.

PHAGO: Apotheker „erbost oder frustriert “

Für den Verband der österreichischen Arzneimittel­-Vollgroßhändler PHAGO sei ein Kontrahierungszwang „sicherlich eine zufriedenstellende Lösung für alle“, stellt dazu PHAGO­-Generalsekretärin Dr. Monika Vögele fest. „Dann steht es dem Apotheker frei, ob er den Großhandel oder den Logistiker wählt. Wahlfreiheit ist immer besser als Monopolisierung.“ Das deutsche Modell ermögliche es, dass der Arzneimittel­Vollgroßhandel seinem gesetzlichen Versorgungsauftrag auch tatsächlich nachkommen kann. „Ein Lieferanspruch gegenüber der Industrie ist daher unser zentrales Anliegen“, so Vögele, „und wie ich aus zahlreichen Kontakten mit erbosten oder frustrierten Apothekern weiß, ist es auch für die Apothekerinnen und Apotheker an der Tara ein brennendes Thema.“

Vogele: „Ein Lieferanspruch gegenüber der Industrie ist unser zentrales Anliegen.“
Vogele: „Ein Lieferanspruch gegenüber der Industrie ist unser zentrales Anliegen.“

Das Problem liege vor allem darin, dass teure, hochspezialisierte Arzneimittel für den Patienten oft schlechter verfügbar seien als billige Arzneimittel. „Hat die Apotheke das verordnete 1­-Euro­-Generikum nicht lagernd, wird es meist noch am selben Tag vom Großhandel an die Apotheke zugestellt.“ Dieser Servicegrad werde bei Direktlieferungen nicht erreicht. „Uns berichten Apotheker vor allem von problematischen Fällen an Freitagen oder vor Feiertagen, was ja bei Spitalsentlassung recht häufig vorkommt“, führt Vögele ins Treffen. Der Großhandel stehe für Arzneimittelsicherheit und gewähr leiste „höchste Qualitätsstandards“, Temperaturvorgaben und Pharmakovigilanz seien selbstverständlich, entgegnet Vögele entsprechenden Argumenten der Firmen, die direkt beliefern.

Pharmig: „Keine Verzögerungen bekannt “

Die angesprochenen Probleme sieht der Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs nicht. „Uns sind keine zeitlichen Verzögerungen bei der direkten Belieferung durch Pharmalogistiker bekannt“, sagt Pharmig­Generalsekretär Dr. Jan Oliver Huber, „Pharmalogistiker sind wie auch der Großhandel bemüht, Apotheken schnellstmöglich mit notwendigen Arzneimitteln zu versorgen.“ Schließlich sei es „im ureigenen Interesse“ der Pharmafirmen, dass ihre Arzneimittel in ausreichender Menge in der Apotheke verfügbar sind.

Huber: „Uns sind keine zeitlichen Verzögerungen bei der direkten Belieferung durch Pharmalogistiker bekannt.“
Huber: „Uns sind keine zeitlichen Verzögerungen bei der direkten Belieferung durch Pharmalogistiker bekannt.“

Die Bekanntgabe von Verordnern oder Patienten könne im Rahmen von behördlich auferlegten Überwachungsprogrammen, z.B. aus Vigilanzgründen oder bei Seltenen Erkrankungen, erforderlich sein. Huber betont, dass Pharmaunternehmen generell frei darüber entscheiden könnten, auf welchem Weg sie ihre Arzneimittel für die Abgabe in der Apotheke bereitstellen. „In jedem Fall aber ist, laut Arzneimittelgesetz, dafür Sorge zu tragen, dass die Arzneimittelversorgung sichergestellt ist.“ Diese Verpflichtung gelte gleichermaßen für Pharmaunternehmen und Großhandel. Einen Kontrahierungszwang könne man daraus aber nicht ableiten.

LOGIN