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ÖGK-Chef liebäugelt mit Partnerschaft

Spitalsambulanzen: Buhrufe und Beifall für Kooperation mit Kassen

Die Sozialversicherung könnte doch eine nützliche Partnerschaft mit den Spitalsambulanzen eingehen. Dieser jüngste Vorschlag von Mag. Bernhard Wurzer, Generaldirektor der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), sorgt für Stirnrunzeln bei der Ärztekammer, die ihm prompt eine Abfuhr erteilt. Wohlwollend nickt hingegen Peter Hacker, Gesundheitsstadtrat in Wien, er freue sich schon auf konkrete Gespräche.

Die Frage sei, ob man nicht ganz neue Wege gehe, ließ ÖGK-Generaldirektor Bernhard Wurzer jüngst mit einem ungewöhnlichen Vorschlag aufhorchen. Konkret regte er in einem ORF-Bericht (ZIB 1 vom 01.03.2020) „Partnerschaften mit Spitalsambulanzen“ an. So sollen „vielleicht zusätzliche Ärzte“ über die Sozialversicherung finanziert werden, um damit das Service der Ambulanzen zu verbessern beziehungsweise ein Service anzubieten, „das es in der Ambulanz heute nicht gibt“, um „für die Menschen eine Versorgung rund um die Uhr“ sicherzustellen. Als Beispiele nennt Wurzer Vorsorge- und Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen. Die ÖGK könne sich dafür an den Kosten für zusätzliche Spitalsärzte beteiligen. Schließlich brächte den Spitalsbetreibern eine Entlastung von Ambulanzen finanziell gesehen gar nicht so viel, sie gehe sogar gegen null, wird Wurzer in dem Bericht dann indirekt zitiert. Und weiter: Das Gebäude gebe es ohnehin, das Personal müsse auch bereitstehen. Der Vorteil für die Kassen: Freiwerdende Ressourcen für andere Investitionen im niedergelassenen Bereich, wo es keine Ambulanzen gibt, und die Patienten bekämen ein flexibleres Angebot auch zu Tagesrandzeiten.

„Schon jetzt fehlen Spitalsärzte“

Als „unüberlegt, nicht durchdacht und wirtschaftlich höchst fragwürdig“ klassifizierte Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), den Vorstoß tags darauf in einer Aussendung. „Der gesamte Gesundheitsbereich gehört finanziert und medizinische Leistungen dort erbracht, wo sie im Sinne einer optimalen, flächendeckenden Patientenversorgung am sinnvollsten sind“, betont Szekeres.
Schärfer reagiert Dr. Harald Mayer, ÖÄK-Vizepräsident und Bundeskurienobmann der angestellten Ärzte: Wurzers Aussagen seien „vollkommen realitätsfern“ und würden die Rolle von Spitälern „komplett ignorieren“. Die Ambulanzen seien bereits jetzt massiv überlastet, die Spitalsärzte würden am Limit arbeiten. „Und das nicht zuletzt deswegen, weil viele Patienten aus Mangel an einem Angebot im niedergelassenen Bereich die Spitäler für Bagatellfälle aufsuchen“, analysiert Mayer. Spitalsambulanzen sollten nur jene Aufgaben erfüllen, die auch sinnvoll seien und im niedergelassenen Bereich nicht erbracht werden können. Der Vorschlag, an den Tagesrandzeiten Untersuchungen in der Ambulanz zu erhalten, sei nicht durchführbar. Grund: „Schon jetzt fehlen Spitalsärzte.“
Zudem seien die Spitäler der teuerste Faktor in der Gesundheitsversorgung, ergänzt Mayer, weswegen die Idee Wurzers auch „ökonomisch komplett widersinnig“ sei. Damit würden nur die Kosten für die Länder, die hauptsächlich die Spitäler finanzieren, in die Höhe treiben. Mayer vermutet hier eine „Verschiebung des Defizits“ und fordert: „Bitte spielen Sie nicht mit den Geldern zulasten der Patienten.“

Nicht den Niedergelassenen-Bereich „erodieren“

Dr. Johannes Steinhart, ÖÄK-Vizepräsident und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, attestiert Wurzer gar „mangelhaftes Fachwissen“. Dieser habe „immer noch nicht verstanden, wie das österreichische Gesundheitssystem funktioniert“. Es gehe nicht darum, den niedergelassenen Bereich zu „erodieren“ und so der ÖGK Einsparungen zu verschaffen, sondern der Bevölkerung eine flächendeckend hochwertige, zuverlässige und nachhaltige Gesundheitsversorgung zur Verfügung zu stellen, erklärt Steinhart.
Das werde nur mit Investitionen wie der versprochenen „Patientenmilliarde“ gelingen, heißt es in der Aussendung weiter, keinesfalls aber mit „abenteuerlichen und durchsichtigen Rechentricks“. Die Verantwortlichen sollten sich überlegen, ob ein ÖGK-Generaldirektor, „der öffentlich derart undurchdachte Ideen äußert, noch tragbar ist“, legt Steinhart noch ein Schäuferl nach.

Stadtrat Hacker: „Sehr interessant“

„Sehr interessant und begrüßenswert“ findet hingegen der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) den „Vorschlag des Chefs der Österreichischen Gesundheitskassa“, bei der Finanzierung und inhaltlichen Ausrichtung der Spitalsambulanzen in Zukunft eng zusammenzuarbeiten. Die Bereitschaft, die Ambulanzen als Teil des ambulanten Versorgungssystems zu erkennen, sieht Hacker in einer Aussendung als großen Schritt zur Verbesserung des Gesundheitssystems: „Ich freue mich auf die konkreten Gespräche, die nun aus meiner Sicht beginnen können.“

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