Wie Überversorgung in der Palliativmedizin schadet
Bei unheilbaren Erkrankungen wird oft zu viel und zu lange behandelt – auch wenn die Evidenz dagegenspricht, sagt Mag. DDr. Alexander Lang (Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Steyr). Der Palliativmediziner und Klinikleiter über die Frage, was Patientinnen und Patienten in der palliativen Versorgung – und deren Behandlungsteams – wirklich brauchen.

In welchen Situationen sind aus Ihrer Sicht Überversorgung in der Palliativversorgung häufig?
Alexander Lang: Überversorgung tritt dann häufig auf, wenn kurative Therapieansätze zu spät aufgegeben werden oder die Kommunikation über mögliche Therapieziele und Prognosen für Patientinnen und Patienten unklar bleibt.
Wie äußert sich das konkret?
Beispiele gibt es viele – etwa die Anordnung von Medikamenten, deren Benefit erst nach Jahren zu erwarten ist, obwohl der Patient nur noch eine Lebenserwartung von wenigen Monaten hat. Oder Medikamente mit starken Nebenwirkungen. Kurzum, das Fortführen von Medikamenten ohne Relevanz für die Symptomkontrolle oder Lebensqualität.
Auch unnötige Diagnostik bzw. invasive Maßnahmen ohne therapeutische Konsequenzen zählen dazu: das MRT, um das Fortschreiten der Erkrankung bildgebend zu beweisen, obwohl die Patientin aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands ohnehin keine Tumortherapien mehr erhalten würde und das klinische Bild ausreichend wäre. Auch Bildgebung auf „Wunsch“ bzw. „Druck“ des Patienten ohne weitere Konsequenz fällt mir dazu ein sowie routinemäßige Laborkontrollen ohne therapeutische Notwendigkeit.
Die Praxis wird also anders gelebt als die Empfehlungen?
Alle Empfehlungen weisen immer darauf hin, dass wir bei Tumorerkrankungen nicht zu lange therapieren sollen. Wir tun es in Österreich trotzdem, das sagen die Daten – und wir sind damit auch nicht allein, es passiert auf der ganzen Welt. Das Thema ist schwierig und komplex, aber ich bin zuversichtlich, dass wir immer besser werden.
Was sind die Folgen unnötiger Maßnahmen für Patient:innen, Angehörige und Teams?
Viele Therapien haben mit zunehmendem Fortschreiten der palliativen Erkrankung auch mehr Nebenwirkungen – das führt teilweise dazu, dass die betroffenen Patientinnen und Patienten mehr Zeit im Krankenhaus verbringen müssen. Aber allein schon die Therapie selbst bedingt oft Krankenhausaufenthalte und kostet damit Zeit. Zeit, die wahrscheinlich zu Hause besser verbracht werden könnte – oder genutzt werden könnte, um noch Dinge zu tun, die das Leben lebenswert machen.
Kommen dadurch wichtige Prozesse zu kurz?
Viele Menschen neigen dazu, sich unter Therapie noch sehr viel Hoffnung zu machen – was manche davon abhält, sich über die ihnen verbleidende Lebenszeit Gedanken zu machen. Aber das Leben ist oft wie ein Kartenhaus – es wird immer wieder eine Karte herausgezogen und auf einmal ist es die Karte, die das Kartenhaus zum Einsturz bringt. Oft ist die Zeitspanne am Lebensende sehr kurz.
Das ist einerseits wunderbar für die Patientin bzw. den Patienten, trotz Erkrankung lange und gut leben zu können. Anderseits habe ich oft den Eindruck, es fehlt dann die Zeit für den Abschied und das Realisieren des letzten Lebensabschnitts. Vor allem bei Angehörigen erlebt man das oft: das Gefühl, es würde zum Schluss zu schnell gehen.
Welche Faktoren führen dazu, dass es Ärztinnen und Ärzten schwer fällt, unnötige Therapien zu beenden oder überflüssige Diagnostik zu unterlassen?
Ich glaube, man muss zwei Gruppen von Ärztinnen und Ärzten unterscheiden – einerseits diejenigen, die als Palliativmediziner auf Palliativstationen, bei mobilen Palliativteams oder Hospizen arbeiten. Diese Gruppe ist es gewohnt, gemeinsam mit den anvertrauten Patientinnen und Patienten zu entscheiden, unnötige Therapien zu beenden und Untersuchungen ohne sinnvolle Konsequenzen zu unterlassen. Diese Entscheidungen und Gespräche sind sozusagen täglicher Bestandteil der Arbeit.
Die andere Gruppe sind Kolleginnen und Kollegen, die mehr auf der kurativen Seite zu Hause sind. Diese Ärztinnen und Ärzte betreuen Patientinnen und Patienten teilweise über viele Jahre, sind gemeinsam durch schwierige Situationen gegangen. Sie haben über die Zeit die engsten Familienangehörigen kennen gelernt, sie wissen, wie der Hund heißt. Diese persönliche Beziehung, die sich zwangsweise über die Jahre aufbaut, macht es auch schwer, schlussendlich zu sagen: „Es tut mir leid, wir haben keine Therapieoptionen mehr.“ Es ist oft leichter, doch noch eine Therapie zu versuchen, auch wenn man selbst als Behandler wenig Hoffnung mehr hat.
Und manchmal sind es einfach Gründe wie Zeitnot – weil es tragischerweise leichter ist, eine weitere Therapie zu verordnen als sich eine Stunde mit dem Patienten in Ruhe hinzusetzen und zu besprechen, warum es keine Therapieoptionen mehr gibt. Und natürlich gilt es auch, den Druck, den Wunsch nach Therapien durch die Patienten und ihre Familien auszuhalten.
Angehörige mit falschen Erwartungen tragen zur Überversorgung bei. Können Sie dies bestätigen?
Ja, das ist sicher eine Tatsache. Gründe dafür gibt es viele – Patientinnen und Patienten, die ihren Angehörigen lange verschweigen, wie weit fortgeschritten ihre Erkrankung schon ist. Daraufhin sind die Angehörigen völlig überfordert und fordern aus Verzweiflung Tumortherapien, wenn diese nicht mehr indiziert sind. Oder es gibt Angehörige, die sich an jeden Strohhalm aus dem Internet klammern und den Patienten von Arzt zu Arzt, von Krankenhaus zu Krankenhaus bringen, um alles zu versuchen. Je massiver Angehörige Druck aufbauen – sowohl auf die Patientinnen und Patienten selbst als auch die behandelnden Teams – desto eher kommt es zur Überversorgung.
Wodurch gelingen schwierige Gespräche (*) – mit Patient:innen, mit Angehörigen, im Team?
Durch Vorbereitung. Manche Faktoren lassen sich für uns kaum steuern: seit Jahren bestehende interfamiliäre Konflikte, stigmatisierende Diagnosen, Sprachbarrieren oder unterschiedliche kulturelle Hintergründe beeinflussen und erschweren solche Gespräche. Andere Dinge sind unsere Aufgabe als Behandlungsteam: sich ausreichend Zeit für diese Gespräche nehmen, sicherzustellen, vorher alle nötigen Informationen einzuholen. Ein gemeinsames Ziel für das Gespräch zu haben bzw. sich vor dem Gespräch im Team kurz abzusprechen, die Rollen zu verteilen wie etwa Moderation und Dokumentation. In Gesprächsführung ausgebildet sein. Die Patientenperspektive einholen. Pausen zulassen und aushalten. Unsicherheiten zulassen, aber klar und deutlich bleiben.
Sie haben Broschüren von „Gemeinsam gut entscheiden“ bestellt. Wie haben Sie die Broschüren konkret eingesetzt?
Wir waren als Team der Palliative Care Abteilung am Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Kirchdorf Steyr ganz angetan von der Broschüre. Endlich hatten wir etwas in der Hand, das wir unseren eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu lesen geben konnten – aber vor allem auch unseren Patientinnen und Patienten zukommen lassen konnten. Die Broschüre sehe ich als sinnvoll für alle beteiligten Personenkreise, von den Angehörigen bis zum ehrenamtlichen Mitarbeiter auf der Palliativstation.
Die fünf Top-Punkte regen auch zur gemeinsamen Diskussion an – und erreichen damit, dass wir uns mit diesen Fragen beschäftigen, dazugehörige Evidenz wahrnehmen und schlussendlich das erreichen, was uns alle verbindet: das menschenmöglich Beste für die uns anvertrauten Patientinnen und Patienten zu erreichen.
Mag. DDr. Alexander Lang
Seit April 2025 ist Mag. DDr. Alexander Lang Ärztlicher Direktor des Pyhrn-Eisenwurzen Klinikums in Steyr. Er studierte Biologie/Zoologie und Medizin, ist seit 2010 am Klinikum tätig und absolvierte Ausbildungen in Allgemeinmedizin, Innerer Medizin, Gastroenterologie und Hepatologie sowie Palliativmedizin. Von 2020 bis 2025 leitete er den Bereich Palliative Care. Zudem wirkt er als Lehrbeauftragter an der Medizinischen Fakultät der Johannes-Kepler-Universität in Linz und an der Fachhochschule für Gesundheitsberufe Oberösterreich.
Choosing Wisely Austria & Österreichische Palliativgesellschaft
Top-5-Negativ-Empfehlungen Palliativversorgung
Autorinnen: OÄ PD Dr. Gudrun Kreye MBA, Präsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft & Julia Harlfinger, MSc MSc BSc PgDip (Choosing Wisely Austria, Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation, Universität für Weiterbildung Krems)
Überversorgung am Lebensende bezeichnet Situationen, in denen Patient:innen Behandlungen erhalten, die voraussichtlich keinen klinisch bedeutsamen Nutzen bieten und potenziell mehr Schaden als Nutzen anrichten. Dies führt zu Nebenwirkungen und verzögert wichtige Gespräche über die Versorgung am Lebensende (Cherny et al., ESMO Open 2025).
Die Initiative Choosing Wisely Austria zeigt, dass solche unnötigen Maßnahmen im palliativen Kontext weiterhin verbreitet sind. Gemeinsam mit der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG) hat sie daher eine Liste mit fünf Handlungsempfehlungen entwickelt – praxisnah und evidenzbasiert.
Die Empfehlungen, priorisiert durch ein interdisziplinäres und multiprofessionelles OPG-Expert:innen-Panel, sollen Ärzt:innen dabei unterstützen, Überversorgung zu vermeiden und die Bedürfnisse schwerkranker und sterbender Menschen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen.
- Advance-Care-Planning-Gespräche NICHT aufschieben.
Gespräche über Ziele und Präferenzen frühzeitig führen – nicht erst in Krisensituationen. Dies führt zu besserer Übereinstimmung zwischen gewünschter und erhaltener Behandlung, weniger belastenden Interventionen am Lebensende. - Palliativversorgung NICHT verzögern, auch bei laufender zielgerichteter Therapie.
Frühe palliative Mitbetreuung verbessert Symptomkontrolle, Lebensqualität und Versorgungskoordination – und kann das Überleben verlängern. - Bei fortgeschrittener Demenz KEINE enterale Ernährung (PEG, nasogastrale Sonde) ohne klare Indikation.
Die Studienlage zeigt keinen Nutzen für Überleben oder Lebensqualität. Stattdessen: unterstützte orale Ernährung unter Wahrung von Würde und Komfort. - Palliative Sedierung NICHT mit Opioiden.
Die Sedierung soll mit geeigneten sedierenden Substanzen und unter fachlicher Expertise erfolgen – nicht durch Opioidgabe. Der Einsatz von Opioiden ist wichtig für die Behandlung von Schmerzen sowie Dyspnoe und kann bei Bedarf parallel erfolgen. - In der Sterbephase KEINE Maßnahmen ohne Lebensqualitäts-Relevanz.
Maßnahmen, die nicht der bestmöglichen Lebensqualität dienen, weder beginnen noch fortführen. Fokus: Symptomlinderung und Zuwendung.
Die vollständigen Literaturangaben zu diesen fünf Empfehlungen sind unter https://gemeinsam-gut-entscheiden.at/ verfügbar.
Kostenfreie Infomaterialien für Ärzt:innen und Laien
Im Rahmen von Choosing Wisely / Gemeinsam gut entscheiden stehen verschiedene Materialien zur Palliativversorgung (und weitere Themen) zur Verfügung.
Kostenfrei bestellbar sind handliche Broschüren in laiengerechter Sprache - praxisnahe Werkzeuge bzw. Kommunikationshilfen.
Für Ärzt:innen sowie weitere Gesundheitsberufe (einschließlich Personen in Ausbildung) stehen zudem Infoblätter zum Download bereit; sie werden durch Webtexte und wissenschaftliche Quellen ergänzt.
https://gemeinsam-gut-entscheiden.at/broschueren/empfehlungen-palliativversorgung/
Choosing Wisely Austria
Choosing Wisely ist eine internationale Initiative mit dem Ziel,
- diagnostische und therapeutische Überversorgung zu reduzieren und damit
- die Qualität der Patient:innenversorgung zu verbessern.
Seit 2017 ist die Initiative auch in Österreich etabliert (Choosing Wisely Austria / Gemeinsam gut entscheiden).
Wissenschaftliche Teams – vom Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation (Universität für Weiterbildung Krems) sowie vom Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung (Medizinische Universität Graz) – entwickeln gemeinsam mit österreichischen Fachgesellschaften praxisnahe, vertrauenswürdige und eingängige Top-Listen mit Negativempfehlungen („Do not dos“).
Einer der Schwerpunkte liegt in der Produktion von laienverständlichen Informationsmaterialien zur Förderung gemeinsamer Entscheidungen zwischen Ärzt:innen und Patient:innen.
- Björkhem-Bergman L. Overtreatment in end-of-life care: how can we do better? Acta Oncol. 2022;61(12):1435-1436.
- Cherny NI, Nortjé N, Kelly R, Zimmermann C, Jordan K, Kreye G, Le NS, Adelson KB. A taxonomy of the factors contributing to the overtreatment of cancer patients at the end of life. ESMO Open. 2025;10(1):104099.
- Prachanukool T, George N, Bowman J, Ito K, Ouchi K. Best Practices in End of Life and Palliative Care in the Emergency Department. Clin Geriatr Med. 2023;39(4):575-597.
- Schaden E, Dier H, Weixler D, Hasibeder W, Lenhart-Orator A, Roden C, Fruhwald S, Friesenecker B; ARGE Ethik in Anästhesie und Intensivmedizin der ÖGARI. Comfort Terminal Care auf der Intensivstation: Empfehlungen für die Praxis. Anaesthesiologie. 2024;73(3):177-185.
* Kommunikationstrainings für Gesundheitsberufe:
Das ÖPGK-Trainernetzwerk bietet interessierten Einrichtungen Impuls-Workshops und Kommunikationstrainings für Gesundheitsberufe (nach ÖPGK-tEACH-Standard) an. Informationen und Anmeldung unter: https://oepgk.at/schwerpunkte/gute-gespraechsqualitaet-im-gesundheitssystem/trainingsangebote-nach-each/
