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Oberhauser: Tabulos nachdenken

Dr. Sabine OberhauserDr. Sabine Oberhauser wünscht sich bessere Abläufe in der Versorgung von Patienten und eine Entlastung für Ärzte und Pflegekräfte. CliniCum sprach mit der neuen Gesundheitsministerin über ihre Vorhaben und die aktuelle Gefahr von Ebola.

  • Clinicum: Alois Stöger hat Ihnen bei der Amtsübergabe ein Buch eines Ihrer Vorgänger über die Geschichte der Sozialdemokratie und den Gründer und Arzt Viktor Adler geschenkt. Gleich zur Einleitung steht die damalige Forderung nach Arbeit, Bildung und Absicherung von Armut. Alles Themen, die heute wieder aktuell sind. Wie wichtig sind sie für Gesundheit?
  • Oberhauser: Man muss diese Dinge in der Wichtigkeit wieder hervorheben. Vor 100 Jahren hat der soziale Wohnbau begonnen und die Schulpflicht ist ausgeweitet worden. Diese Dinge haben wir heute längst, sie sind aber selbstverständlich geworden. Eine saubere und trockene Wohnung ist für ganz viele Menschen heute selbstverständlich und hat in der Wahrnehmung auch nicht mehr viel mit Gesundheit zu tun, sondern mit Komfort. Ich denke, wir müssen bei der Bildung ansetzen. Die Bildung ist nach wie vor am Gesundheitsstatus ablesbar. Klassisches Beispiel ist der Zahnstatus. Solche Gedanken prägen sozialdemokratische Gesundheitspolitik. Da geht es um die Frage, wie man Verhältnisse schafft, in denen gesundes Leben gut möglich ist.
  • Clinicum: Und wo genau wollen Sie da als Ministerin ansetzen?
  • Oberhauser: Da geht es sicher um die Zusammenarbeit verschiedener Partner. Wenn man weg von der Reparaturmedizin und hin zu einer Präventivmedizin will, muss man sich vernetzen. Mit dem Frauen- und Unterrichtsministerium arbeiten wir etwa in der Frauengesundheit und in der Frage der täglichen Bewegungsstunde zusammen, genauso bei der Frage von Schönheitsidealen und Körperbewusstsein junger Mädchen. Gesundheit als Querschnittsmaterie zu behandeln, wie das Alois Stöger begonnen hat, ist wichtig und muss mehr als ein Schlagwort sein.
  • Clinicum: Das bedeutet konkret?
  • Oberhauser: Wichtig sind mir die Kinder- und Jugendgesundheit sowie die Frauen- und Mädchengesundheit. Wirklich zentral ist aber sicher die Forcierung der Bildung.
  • Clinicum: Kommen wir zu den Strukturen im Gesundheitswesen selbst und bleiben beim Thema Bildung: Ärzteausbildung. Wir brauchen zunehmend junge Ärzte, viele wandern aber ins Ausland ab. Wie ist das zu stoppen?
  • Oberhauser: Wir haben gerade die neue Ärzteausbildung auf Schiene gebracht und werden mit entsprechenden Verordnungen eine klare Strukturierung der Ausbildung zum Allgemeinmediziner und Facharzt schaffen. Es braucht generell ein Studium, wo man rasch und gut die Ausbildungszeit absolvieren kann. Dann braucht es gute Bedingungen im klinisch- praktischen Jahr und im Turnus. Nicht zuletzt braucht es entsprechende Arbeitsbedingungen und Bezahlung.
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  • Clinicum: Wie sollen und können diese Arbeitsbedingungen aussehen, und wie beeinflussen Sie diese als Gesundheitsministerin?
  • Oberhauser: Ich denke, es braucht eine gute Kooperation zwischen den Berufsgruppen. Und es braucht im Hinblick auf den niedergelassenen Bereich ebenso Verbesserungen, wie wir sie auch mit der Lehrpraxis Neu schaffen, mit der man sechs Monate lang – angedacht ist eventuell eine schrittweise Erweiterung ansteigend auf bis zu zwölf Monaten – versucht, den Jungen ein bisschen die Scheu zu nehmen, in den niedergelassenen Bereich zu gehen. Das ist der Versuch, jungen Kollegen zu zeigen, dass in der Praxis zu arbeiten auch etwas Schönes sein kann. Auch mit den neuen Primärversorgungsformen wollen wir Raum für Kooperationsmöglichkeiten schaffen. Viele Ärzte sagen ja, dass sie gerne in multiprofessionellen Teams arbeiten würden, wie man es auch im Spital erlebt und lernt.
  • Clinicum: Sie haben es angesprochen – zu Arbeitsbedingungen gehört die Bezahlung. Derzeit wird gerade heftig darüber diskutiert im Hinblick auf die von der EU verlangte Senkung der Wochenarbeitszeit in Spitälern.
  • Oberhauser: Die Arbeitszeiten sind grundsätzlich ein Thema der Länder als Spitalsträger und des Sozialministeriums. Hier sind auch die Sozialpartner gefordert. Ein höheres Grundgehalt und weniger Überstunden haben die Gewerkschaften schon lange gefordert. Die ganzen Gehaltsschemata in den Spitälern sind aber aufgebaut auf Überstunden. Das müssen die Spitalsträger und Gewerkschaften klären. Hier spielen viele Dinge mit, die auch in den strukturellen Bereich gehen.
  • Clinicum: Welche sind das?
  • Oberhauser: Die Frage ist, ob etwa Spezialisierungen von Spitälern Entlastungen für das Personal ermöglichen. Es gibt aber auch medizinische Dinge, die beachtet werden müssen. Kurze Arbeitszeiten verhindern etwa, dass die Spitalsärzte in der Ausbildung und Fortbildung ihre OP-Zeiten und -Frequenzen zusammenbekommen. Das sollte man sich alles genau ansehen. Generell gilt für mich: Die Frage, wie man die Spitäler organisiert, müssen die Spitalsträger beantworten. Sie haben sicherzustellen, wie ihr Betrieb funktioniert und wie sie ihre Ärzte halten. Ärzte stimmen ja auch „mit den Füßen“ ab und gehen dorthin, wo die Arbeitsbedingungen und Entlohnung passen.
  • Clinicum: Sie haben beim Amtsantritt im Parlament gesagt, dass Zeit ein großes Thema ist in der Betreuung von Patienten und Sie hier Verbesserungen für medizinisches Personal und Patienten schaffen wollen. Wie soll das gehen?
  • Oberhauser: Da braucht es sicherlich mehr als nur eine Änderung des Honorierungssystems. Vor allem im niedergelassenen Bereich. Da muss man wirklich nachdenken. Ich bin in den Antrittsgesprächen in den vergangenen Wochen an die Sozialversicherung und die Ärzte herangetreten und habe festgehalten, dass es mein Wunsch ist, hier Lösungen zu finden. Sie sollen tabulos nachdenken, ob es ein System gibt, das weggeht von der Stricherlliste hin zu dem, was man wirklich braucht. Ich weiß, dass es schwer ist, Zeit zu honorieren. Vielleicht kann man da aber auch Modelle entwickeln, die man in den Primärversorgungszentren ausprobiert.
  • Clinicum: Wie könnte das genau funktionieren?
  • Oberhauser: Wie gesagt, hier sind Sozialversicherungen und Ärztekammer gefordert. Die Frage wird sein, wie man das Honorierungssystem strukturiert und auch, wie man welche Dinge dokumentiert. Muss man exzessiv dokumentieren oder geht es in Standards? Auch die Frage, wer was macht und wie die Zuständigkeiten des Spitalsbereiches aussehen, spielt da hinein. Oder: Kann man in der Pflege in allen ihren Ausstufungen Tätigkeiten herausfiltern? Kann es etwa für hauswirtschaftliche Tätigkeiten einen eigenen Nichtgesundheitsberuf geben. Mir ist wichtig, dass jeder das macht, wofür er ausgebildet ist. Das bringt auch Zeit. Hier ist von allen Seiten viel nachzudenken.
  • Clinicum: Was ist Ihr zeitlicher Rahmen für diesen Nachdenkprozess?
  • Oberhauser: Ich bin jetzt erst ein paar Wochen im Amt und habe erst Antrittsgespräche gemacht und Wünsche geäußert. Da muss man jetzt allen Seiten Zeit geben. Wünschen würde ich es mir so rasch wie möglich. Ich weiß aber, wie komplex gerade die Honorarordnung ist.
  • Clinicum: Eine letzte Frage noch zu einem aktuellen Gesundheitsthema: Ebola – wie ist Österreich gerüstet?
  • Oberhauser: Wir sind gut vorbereitet. Seit Ausbruch der Epidemie in Westafrika gibt es zumindest wöchentliche Gespräche mit Behörden und Experten. Es wurden verschiedene Maßnahmenpakete ausgearbeitet. Der Leitfaden für die Erstbeurteilung eines Patienten führt beispielsweise von der grundlegenden Frage, ob epidemiologische Kriterien – wie der kürzliche Aufenthalt in einem betroffenen Gebiet oder der Kontakt zu einem möglichen Ebola-Patienten – vorliegen, bis zur Isolation unter höchster Sicherheitsstufe bei großem Übertragungsrisiko. Auch für den Labornachweis einer möglichen Ebola- Erkrankung und die einzuhaltenden Meldewege an die unterschiedlichen Behörden bis hin zur WHO gibt es Ablaufpläne.
  • Clinicum: Wie groß sehen Sie die Gefahr?
  • Oberhauser: Ich versuche, die Kirche im Dorf zu lassen und die Menschen nicht zu verunsichern. Man kann zwar nicht ausschließen, dass auch in Österreich Fälle auftreten, wir sind aber, wie gesagt, gut vorbereitet. Wichtig ist, ein realistisches Szenario darzustellen. Demnach ist Ebola zwar natürlich eine Gefahr, die Wahrscheinlichkeit, an Grippe oder Masern zu erkranken, ist aber noch wesentlich höher. In Österreich besteht dann ein erhöhtes Risiko, wenn importierte Fälle nicht rasch identifiziert werden, die Versorgung von Patienten ohne geeignete Schutzmaßnahmen stattfindet oder wenn es zu ungeschütztem Kontakt mit Sekreten eines symptomatischen Patienten kommt.
  • Clinicum: Zentral ist also auch die Schulung des medizinischen Personals. Wie gut sind Ärzte und Spitäler vorbereitet?
  • Oberhauser: Das Wichtigste sind Schulungsmaßnahmen. Das Gesundheitspersonal muss wissen, wie man damit umgeht. Es gibt etwa zwei Fälle von Sekundärinfektionen in den USA und Spanien, die vermutlich durch Handhabungsfehler beim Ausziehen von Schutzanzügen passiert sind. Wenn man mit infektiösen Patienten zu tun hat, muss man echt geschult sein. Hier sind die Träger gefordert, ihre Beschäftigten zu schulen. Wir tun alles, um sie zu unterstützen.
  • Clinicum: Wie funktioniert die Information der Öffentlichkeit?
  • Oberhauser: Wir werden sicher aktiv und offen kommunizieren. Wir haben für alles Ablaufpläne und auch Abfragepläne, etwa für Hausärzte, die ebenfalls informiert sind. Wir binden auch die Ärztekammer und den Pflegeverband ein. Das Wichtigste ist aber, das Gesundheitspersonal zu informieren.