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Fette Jahre in Europa

AMSTERDAM – Im Jahr 2030 sollen bereits 90 % der Iren, 80 % der Spanier und 75 % der Briten adipös oder übergewichtig sein. Reichen angesichts solch erschreckender Prognosen Maßnahmen wie eine „Sonderkommission zur Bekämpfung von Fettsucht bei Kindern“ oder eine „globale Konvention zum Schutz und zur Förderung gesunder Ernährung“, wie sie von WHO und UNO gefordert werden? Oder brauchen wir strenge Gesetze, die ungesunde Ernährung ähnlich reglementieren wie das Rauchen?

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Essen als Krankmacher: Sollen Verpackungen mit ungesunden Kalorienbomben abschreckende Bilder aufgedruckt bekommen wie Warnbilder auf Zigarettenpackungen?

In fast allen europäischen Ländern werden Adipositas und Übergewicht in den nächsten 16 Jahren stark zunehmen, so die Ergebnisse einer Studie, die Dr. Laura Webber vom UK Health Forum in London auf dem EuroPREVENT Meeting der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in Amsterdam präsentierte. Mit einer Adipositasprävalenz von 47 % bei Frauen und Männern wird Irland die zweifelhafte Ehre des Spitzenplatzes vorhergesagt.

Am unteren Ende der Skala finden sich die niederländischen und belgischen Männer (nur 15 % mit einem BMI ≥ 30 kg/m2) und die rumänischen Frauen (nur 10 % adipös). In ihrem Modell berechneten die Forscher auch die voraussichtlichen Auswirkungen des Anstiegs der Adipositas auf chronische Erkrankungen. Die größte Zunahme bei koronaren Herzerkrankungen und Schlaganfällen wird in Lettland, der Türkei und Österreich erwartet. Die Adipositasepidemie war im Mai auch eines der Themen bei der 67. Weltgesundheitsversammlung in Genf.

WHO und UNO warnen

Dr. Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO, warnte eindringlich davor, dass sich ein Teil der Weltbevölkerung buchstäblich zu Tode esse. Besorgniserregend sei vor allem der Anstieg der Adipositas bei Kindern. Am stärksten ist dieser Trend derzeit in Entwicklungsländern zu beobachten. Eine neu gegründete Sonderkommission zur Bekämpfung von Fettsucht bei Kindern unter der Leitung des neuseeländischen Pädiaters Sir Peter Gluckman und der pakistanischen Kardiologin Sania Nishtar soll nun bis Anfang 2015 Empfehlungen ausarbeiten, wie dieser Entwicklung am besten entgegengesteuert werden kann.

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Dr. Margaret Chan

Die WHO-Chefin wies auch auf die hohen Folgekosten der Adipositasepidemie hin. Steigende Gesundheitskosten könnten für viele Menschen zur Armutsfalle werden: „Wenn das Wirtschaftswachstum nicht mit entsprechenden Erhöhungen der nationalen Gesundheitsausgaben einhergeht, wird es eine wachsende Zahl reicher Länder voll von armen Menschen geben.“

Adipositas gefährlicher als Rauchen?

Der UNO-Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, bezeichnete Ende Mai bei einer Veranstaltung in Genf ungesunde Ernährung bereits als größere Gefahr für die globale Gesundheit als das Rauchen. Erforderlich sei ein weltweites Abkommen zur Reglementierung ungesunder Ernährungsweisen. „Die meisten Regierungen haben in der Vergangenheit ihr Augenmerk in erster Linie darauf gerichtet, das Kalorienangebot für die Bevölkerung zu erhöhen.

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„Die meisten Regierungen haben in der Vergangenheit ihr Augenmerk darauf gerichtet, das Kalorienangebot für die Bevölkerung zu erhöhen. Dabei wurde kaum darauf geachtet, woher die Kalorien kamen.“
Olivier De Schutter

Dabei wurde kaum darauf geachtet, woher die angebotenen Kalorien kamen, wem sie zugänglich gemacht wurden und wie sie vermarktet wurden.“ Trotz der Zunahme beunruhigender Anzeichen schenke die internationale Gemeinschaft der Adipositasepidemie und ungesunden Ernährungsweisen nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit, so der belgische UN-Berichterstatter.

Vorschläge für gesetzliche Regelungen

Brauchen wir Gesetze, die Fastfood und Softdrinks ähnlich streng reglementieren wie das Rauchen? Consumers International und die World Obesity Federation, zwei weltweit führende NGOs auf dem Gebiet der Ernährung, begründen ihre Forderung nach mehr verpflichtenden Regeln für die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie unter anderem damit, dass die Zahl der Toten aufgrund von Übergewicht und Fettleibigkeit weltweit von 2,6 Millionen im Jahr 2006 auf 3,4 Millionen 2010 gestiegen sei. Als Beispiel für mögliche gesetzliche Regelungen werden abschreckende Bilder auf Lebensmittelverpackungen genannt, die – ähnlich wie Warnbilder auf Zigarettenpackungen – die Folgen des Konsums veranschaulichen sollen.

Der Forderungskatalog umfasst auch die Einschränkung von Werbung, die an Kinder gerichtet ist, und das Verbot künstlicher Transfette innerhalb von fünf Jahren. Als weitere notwendige Maßnahmen werden strengere Regeln für die Lebensmittelkennzeichnung und Vorgaben, die zu einer Reduktion von Kochsalz, gesättigten Fetten und Zucker in Nahrungsmitteln führen, angeführt. Erforderlich seien auch gesündere Mahlzeiten in Spitälern und Schulen sowie eine bessere Information der Öffentlichkeit über gesundes Ernährungsverhalten. Regierungen könnten zudem über Zulassungen und Steuern Einfluss auf das Nahrungsangebot und die Nahrungspreise nehmen.

Autor: Dr. Rüdiger Höflechner