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Ärzteausbildung: Nachwuchs heiß begehrt

ÄrztinKrankenhäuser finden immer schwerer Turnusärzte. In wenigen Wochen sollen sie auch noch Studierende im Klinisch- Praktischen Jahr betreuen. Manche fürchten zusätzliche Mehrarbeit, andere freuen sich auf günstige Hilfskräfte. Doch der Nachwuchs bremst und fordert Geld.

Die Lage ist verzwickt: Immer öfter klagen Krankenhausdirektoren, dass sie kaum noch Turnusärzte finden. Der Nachwuchs wandert lieber ins Ausland ab, sucht gleich nach Möglichkeiten, die Facharztausbildung zu starten, oder kann sich inzwischen Stellen und vor allem Gehalt aussuchen. Der Ärztemangel werde langsam zu einem Problem, gab sich der Geschäftsführer der Salzburger Landeskliniken, Paul Sungler, zuletzt vor Journalisten recht offen. Es gebe schon jetzt auf manche Stellenangebote keine Bewerbungen von Turnusärzten mehr. Gerade für Spitäler am Land werde es schwieriger. Auch aus der Steiermark, Tirol und Niederösterreich hört man die Klinikleiter stöhnen.

Klinisch-Praktisches Jahr

Parallel dazu läuft nun das neue Klinisch-Praktische Jahr (KPJ) an. Es soll Anfang August 2014 einheitlich an allen drei MedUnis starten und das letzte Studienjahr ersetzen. Darauf haben sich die MedUnis Wien, Innsbruck und Graz geeinigt. Das KPJ umfasst 48 Wochen, davon sind jeweils 16 Wochen verpflichtend in chirurgischen Fächern und in der Inneren Medizin zu absolvieren, weitere 16 Wochen sind frei wählbar. Die Studierenden sollen damit eine Basisroutine entwickeln, sich Fertigkeiten aneignen und diese vertiefen. Denn im neuen Studienplan sind der Kontakt zu den Patienten und der Fokus auf selbstständiges Arbeiten eher in den Hintergrund gerückt, kritisieren auch gestandene Spitalsärzte. Selbst die Prüfungen laufen schriftlich ab – was nicht unbedingt kommunikationsfördernd ist, gibt auch der Präsident der Wiener Ärztekammer, Univ.- Prof. Dr. Thomas Szekeres, zu und sieht das KPJ deshalb positiv. Es sei eine Reaktion auf den verschulten Unterricht davor. „Es gibt zum Teil viele Kollegen, die im Studium arbeiten, aber keine Kliniker sind“, so Szekeres. Zwar gibt es für die Studierenden des neuen Studienplanes mehr Praktika, aber dort so gut wie kein selbstständiges Arbeiten.

Angebot und Nachfrage

In Internet-Foren gehen jedenfalls die Wogen hoch. „Das wird lustig, wenn die weitgehend ausgebildeten Streber den Krankenhausbetrieb stören“, postet etwa ein Arzt auf derstandard. at. Ein anderer wird in einem anderen Forum konkreter: „Sie werden keine Hilfe sein, sondern eher Belastung. Es fehlen nämlich die Strukturen in unseren Krankenhäusern, um das diesem Zwitter Student/Arzt zu vermitteln, was sie in diesem vertrottelten Streberstudium nicht lernen, nämlich ärztliche Kompetenz.“ Szekeres sieht das differenzierter: „Die Jungen dürfen sich sicher nicht zurücklehnen und warten, was passiert. Die Kliniker, die ihnen was lernen sollen, können sie aber auch nicht ins kalte Wasser stoßen, wie das vielleicht früher der Fall war.“ Szekeres ist überzeugt, dass sich die Einstellung in den Krankenhäusern auch aufgrund der Differenz zwischen Angebot und Nachfrage ändert. „Die Spitäler müssen sich mehr um die Jungärzte bemühen“, sagt er im Gespräch mit CliniCum und zieht Vergleiche zur Ärzteausbildung in den USA oder Deutschland, wo die Jungärzte entsprechend begleitet am Ende des Studiums Praxis in den Spitälern sammeln.

Keine vertragliche Lösung

Die Krankenhäuser selbst scheinen trotz der zu erwartenden Mehrarbeit für die Betreuung am Nachwuchs interessiert zu sein. Nicht zuletzt deshalb, weil man hofft, sie in dieser Zeit für einen folgenden Turnus begeistern zu können. Alle 660 Studenten der MedUni Wien, die am 4. August ihr KPJ beginnen sollen, werden deshalb wohl auch einen Platz in Wien erhalten. Die MedUni und mehrere Spitalsträger, darunter der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), haben sich nun auf einen auf ein Jahr befristeten Vertrag geeinigt. Die Uni und die Spitalsträger (KAV, KABEG, Barmherzige Brüder, Vinzenz-Gruppe, Wiener Gebietskrankenkasse) vereinbarten gleichzeitig als Voraussetzung für die Übergangslösung Verhandlungen über eine langfristige Regelung, bei der die angehenden Ärzte eine qualitativ hochstehende Ausbildung erhalten und nicht für die Systemerhaltung eingesetzt werden. „Daher sind rasche Folgegespräche notwendig, um einheitliche Qualitätsstandards zu definieren und finanzielle Fragen zu klären“, erklärte KAVGeneraldirektor- Stellvertreter Prof. Dr. Udo Janssen.
Und er sparte nicht mit Kritik: „Bis dato fanden keine gemeinsamen offiziellen Vertragsverhandlungen zwischen Universitäten und Krankenanstaltenträgern statt. Es gibt bis zum heutigen Tag keine langfristige vertragliche Lösung.“ Die Spitäler würden die Studierenden aber nicht im Regen stehen lassen, sie dürften nicht die Leidtragenden sein. Janssen: „Wir haben der MedUni Wien nun einen Rettungsanker zugeworfen. Gemeinsam ermöglichen wir einen auf ein Jahr befristeten Vertrag, um die Absolvierung des KPJ zu ermöglichen, da es die MedUni Wien bislang verab säumt hat, ihren Studierenden mittels Verhandlungen ausreichend KPJ-Plätze vertraglich zu sichern.“
In dieselbe Kerbe schlägt auch Dr. Klaus Klaushofer, Ärztlicher Leiter des Wiener Hanusch-Krankenhauses: „Mir ist wichtig, dass der Konflikt nicht auf dem Rücken der Studenten ausgetragen wird. Die öffentlichen Spitäler tragen schon seit langer Zeit umfassend zur Ausbildung bei, was in der Diskussion zu wenig anerkannt wird.“ Es sei daher nicht nachvollziehbar, wenn nun die Kosten für ein ganzes Studienjahr auf die Rechtsträger der Spitäler abgewälzt werden.

Nicht unbezahlt arbeiten

Doch genau das wird nun zum weiteren Streitpunkt, denn die Studenten selbst wollen nicht nur lernen, sondern in dieser Zeit auch schon etwas bezahlt bekommen. „Einen Platz zu haben ist nicht alles. Das Grundproblem, unbezahlt für 35 Wochenstunden zu arbeiten, bleibt bestehen“, betont Lukas Wedrich, stellvertretender Vorsitzender der ÖH Medizin Wien, in einer Aussendung. Ohne eine finanzielle Entschädigung im KPJ, analog zu jener im Unterrichtspraktikum eines Lehramtsstudiums, sei es für viele Studierende nicht oder nur schwer möglich, ihr Studium ohne Verzögerung abzuschließen.
Doch den Kliniken fehlt nicht nur das Geld, sie wollen für die Ausbildung auch Mittel der Unis. Diese lagern ihrer Ansicht nach mit Einführung des KPJ die gesamte Ausbildung im sechsten Studienjahr aus, erhalten dafür aber weiterhin das Budget für die Ausbildung vom Ministerium. Zudem stelle die Uni hohe Anforderungen an die Spitäler in Bezug auf Infrastruktur, Betreuung, Administration etc. Den Trägern entstehen damit Kosten in der Höhe von rund 12.000 Euro pro Studierenden pro KPJ, schätzt man beim Wiener KAV. Auch ohne Honorar kosten die 660 Studenten der MedUni Wien die Spitäler knapp acht Millionen Euro.

Noch viele offene Punkte

Seit Herbst 2013 gebe es seitens der Spitalsträger deshalb unmissverständliche Signale an die MedUnis, gemeinsame Rahmenbedingungen für alle Träger zu schaffen und das KPJ österreichweit für alle Studierende zu denselben qualitativen Bedingungen anzubieten. „Ein Entwurf der Träger wurde von der MedUni Wien abgelehnt. Auch weiterführende Gespräche lehnten die Unis bis dato ab. Ein gemeinsamer Brief der Spitalsträger (ausgenommen Salzburg, Tirol, Vorarlberg) Ende März an die Rektoren mit der Bitte um Terminvorschläge für gemeinsame Vertragsgespräche blieb bis heute unbeantwortet,“ kritisieren die Wiener Spitalsträger nun. Als Verhandlungsbasis gebe es lediglich einen Standardentwurf der MedUni Wien und viele offene Punkte seitens der Träger wie eben die monetäre Abgeltung, die Vereinheitlichung der bis dato unterschiedlichen Anforderungen an die Träger, das Vorlegen des Leistungsverzeichnisses oder diverse administrative Fragen.

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Autor: Martin Rümmele