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Video-Sprechstunde boomt

Anleitung via Telemedizin: Mit dem Tennisball die Rippenblockade lösen

Auch schon in Corona-Vorzeiten war der Trend zur Telemedizin nicht mehr auszublenden. Aus der Not heraus wagen nun seit den Corona-Maßnahmen der Regierung immer mehr Ärzte und Patienten den Sprung in die virtuelle Kommunikation. Mittlerweile weiß so mancher die Vorzüge von Video & Co zu schätzen – insbesondere bei chronischen Erkrankungen. Die Zeiten von Planwagen und Ross sind schließlich vorbei, sagt Allgemein- und Sportmediziner Dr. Andrea Vincenzo Braga, im Gespräch mit medonline. Er selbst hat einer Patientin per Videoanleitung gezeigt, wie sie mit einem Tennisball eine Rippenblockade lösen kann.

Als die Welt vor einem Jahr noch anders aussah, publizierte die MedUni Wien eine Befragung unter österreichischen Ärzten zum Einsatz der Telemedizin bei Diabetes-Patienten*. Fazit der Studie: Die Telemedizin könnte die Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen verbessern, auch für ihre Ärzte erweisen sich telemedizinische Anwendungen als praktikabel und hilfreich. Bei Diabetes etwa sind es kontinuierliche Messungen via mobile Apps am Smartphone, die ein aufwändiges Blutzucker- und Ernährungstagebuch ersetzen können.

Monitoring-Systeme haben auch eine Alarmfunktion, welche die Behandler umgehend über Probleme verständigt. Die Ärzte sehen am Bildschirm der PCs oder Smartphones die Werte und können sofort die Patienten kontaktieren und wenn nötig die Therapie anpassen. „Telemedizinische Services könnten die Versorgung von Diabetes-Patientinnen und Patienten drastisch verbessern und gleichzeitig auch die Gesundheitsausgaben senken“, betonte Studienautorin Dr. Daniela Haluza, MD, PhD, damals Assistenzprofessorin und Fachärztin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien, in einer Aussendung.

Hausärzte: Bessere Behandlungsqualität, aber auch zeitlicher Aufwand höher

Die Mehrheit der befragten Hausärzte gab eine deutlich bessere Behandlungsqualität durch den Einsatz von Telemedizin an. Für die Patienten wiederum entfalle die Anreisezeit, es gebe kaum Wartezeiten, auch die Therapieeinstellung könne wesentlich besser erfolgen. Jedoch kein Licht ohne Schatten: Als Nachteil sahen die Befragten die reduzierte persönliche Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Weiters sei der zeitliche Aufwand höher, der finanziell seitens der Leistungsträger noch nicht adäquat kompensiert werde. Die Datensicherheit bzw. die rechtliche Situation dazu sei teilweise ebenfalls als problematisch zu beurteilen.

Insgesamt zeige sich daher eine „moderate Bereitschaft“ für den Einsatz von Telemedizin. Es seien gemeinsame Anstrengungen aller Akteure des Gesundheitswesens erforderlich, bilanzierte Haluza, um „die aus ärztlicher Sicht bestehenden finanziellen, organisatorischen und technischen Hindernisse“ zu überwinden.

Erfahrungen aus der telemedizinischen Praxis

Ein gutes Jahr später stellt sich die Frage nach der Bereitschaft, neue Wege zu gehen, nicht mehr. SARS-CoV-2 hat die Welt fest im Griff und auch in Österreich katapultierte die COVID-19-Pandemie die Telemedizin in virtuelle Höhen.

TelemedizinEiner, der sich schon lange mit der Telemedizin befasst, ist Allgemein- und Sportmediziner Dr. Andrea Vincenzo Braga, MBA. Der gebürtige Schweizer und Facharzt für Chirurgie betreibt eine Wahlarztpraxis in Gießhübl, Bezirk Mödling in Niederösterreich. Schon seit vielen Jahren seien, erinnert Braga, vor allem im angelsächsischen Raum Disease Management Programme (DMP) für chronische Erkrankungen wie Diabetes oder auch Herzinsuffizienz etabliert. Wobei der Disease Manager kein Arzt sein müsse, das könne auch eine speziell ausgebildete Krankenpflegeperson sein, erklärt der ehemalige Chefarzt von Medi24, des größten Telemedizinunternehmens in der Schweiz.

Wichtig sei es – bei allen chronischen Erkrankungen und bei Diabetes ganz besonders –, einerseits die Lebensqualität möglichst konstant hoch zu halten und andererseits Dekompensationen und Exazerbationen zu verhindern, z.B. aufgrund schlechter Einstellung oder verpasster Symptomankündigung, betont der Mediziner, der in fünf Gesundheitssystemen (Schweiz, Australien, USA, Deutschland und Österreich) gearbeitet hat.

Diabetes-Tagebuch im Wartezimmer ausfüllen nicht mehr möglich

„Hier hilft Telemedizin rechtzeitig einzugreifen, das Leiden des Patienten zu verringern, bestenfalls zu verhindern und natürlich auch eine Überlastung des Systems zu vermeiden“, erläutert Braga am konkreten Beispiel einer beizeiten entdeckten Blutzuckerentgleisung. Zudem gelte es bei Diabetikern die Motivation hochzuhalten, was Bewegung, Ernährung etc. betrifft. „Oft ist es ja so, dass die Patienten ihr Diabetes-Tagebuch im Wartezimmer ausfüllen“, weiß Braga um so manche Bequemlichkeit seiner Schutzbefohlenen. Eine konstante Begleitung mit Tele-Monitoring und elektronischem Tagebuch oder auch ein wöchentlicher Anruf helfe da auf die Sprünge.

„Oder man macht einen Jour fixe per Video“, rät Braga, „das ist etwas ganz anderes als per Telefon oder schriftlich, weil man jemanden in die Augen schaut und ein empathischer Aufbau möglich ist.“ Beide würden beispielsweise sehen, die Blutzuckerwerte passen nicht und können sie besprechen, nennt der Mediziner als weiteren Vorteil die Niederschwelligkeit: Sowohl für jüngere als auch ältere Patienten bedeute es eine „massive Ressourcenverschwendung, wenn sie durch die halbe Stadt fahren und dann noch warten müssen, nur damit man dann zwei Minuten die Blutzuckerwerte bespricht“.

Hinauszögern von Arztbesuchen fällt weg

In Corona-Zeiten besonders wichtig: die Möglichkeit zur raschen – und sicheren – Video-Konsultation. Das verhindere auch, dass Patienten Arztbesuche hinauszögern, weiß Braga, „oft versuchen Patienten, das System oder den Arzt zu schonen oder sie sind nicht zum Arzt gegangen, weil sie immer so lange warten müssen. Das hätte man aber vielleicht in einer kurzen Video-Konsultation bereits gut erledigen können“.

Auch Untersuchungen via Video seien möglich, berichtet der Mitbegründer der mittlerweile zertifizierten App-basierten virtuellen Video-Arztpraxis eedoctors und Vizepräsident von Telemed Austria, einer Interessensgemeinschaft für angewandte Telemedizin und eHealth. Braga rät bei Video-Konsultationen aber von Skype, unsicheren Chats, etc. ab und empfiehlt nur zertifizierte Video-Dienstanbieter, Stichwort Dokumentationspflicht und Datensicherheit. Bei manchen zertifizierten Anbietern wie eedoctors, welche auch eine integrierte elektronische Patientenakte haben, erhalte der Patient alles, was der Arzt mitschreibt und dokumentiert und könne sich Anweisungen und Therapieempfehlungen über die App runterladen, denn: „Kaum sind die Patienten zuhause, vergessen sie die Hälfte, was ihnen der Arzt gesagt hat – das ist normal, aber mit dem elektronischen Patientendossier in der App haben sie die Unterlagen immer zur Hand.“

Wunde in die Kamera halten

Ohne großen elektronischen Aufwand könne man den Patienten auch bitten, seinen Blutdruck zu messen und das Gerät zu zeigen, um etwa Messfehlern auf die Schliche zu kommen. Auch Hautveränderungen könne man anschauen: „Bei einer Wunde kann ich Anleitungen geben, wie der Patient selber eine Wunde reinigen und verbinden soll, oder Rezepte über die App schicken und dem Wundmanager Bilder über die sichere Verbindung schicken.“ Auch den (diabetischen) Fuß könne man beurteilen, „das geht wunderbar“, schildert Braga. Erst jüngst habe eine 79-jährige Diabetikerin ein akutes Problem mit ihrem Fuß gehabt und ohne Hilfe ihres Enkel dies telemedizinisch lösen können: „Sie hat sich die App runtergeladen, uns angerufen und wir konnten gemeinsam mit ihr die Fußproblematik gut lösen. Sie musste nirgendwo hin, sondern hat das bei ihr zuhause auf der Terrasse gemacht.“

Potenzial habe auch die Zusammenarbeit per Video mit ambulanten Pflegediensten oder auch mit Apothekern. Dadurch werde den Patienten bei Problemen oft der unnötige Arztbesuch erspart. So erhöhe man den Wert anderer Berufsgruppen, schone die Patienten und mache eine wunderbare medizinische Versorgung, ist Braga überzeugt.

Generell sei durch die Corona-Pandemie die „Hemmschwelle“, Telemedizin zu betreiben, bei vielen Kollegen und den Standesorganisationen gefallen, erzählt Braga. Auch wegen des Verdienstausfalls würden medizinische Plattformen nun mehr in Anspruch genommen. Ist eine Diagnosestellung per Video nicht möglich, könne zumindest eine bessere Beurteilung als per Telefon gestellt werden. Das gehe per Video wesentlich gezielter und effektiver. „Und wenn ich mir nicht sicher bin, dann muss ich genauso wie in der Ordi sagen, ich brauche jetzt ein Labor oder ein Röntgen oder den Rat vom Facharztkollegen“, erklärt Braga.

Für ihn, der „schon immer“ Video-Konsultationen angeboten habe, gibt es seit der Corona-Pandemie nicht viel Neues: „Das einzige, was sich geändert hat, ist das Verhalten der Kassen.“ Nun werde auch in Österreich Telemedizin bezahlt, allerdings unterschiedlich je nach Bundesland. Deutschland habe schon seit 2017 einen „bescheidenen“ Tarif für Telemedizin. „Und in der Schweiz ist seit 1996 – nota bene – die intellektuelle ärztliche Leistung, egal ob per Video, live oder per Telefon, die gleiche Tarifposition“, berichtet Braga.

Video-Anleitung: Mit Tennisball die Rippenblockade richten

Einen Vorteil sieht er noch: „In der Regel werden Video-Konsultationen vorsichtiger gemacht, weil ich ja dem Patienten nicht husch-husch ein Rezept in die Hand drücken kann oder soll und ich mehr Informationen heraushören muss.“ Das Feedback der Patienten, die die Telemedizin durch die COVID-Pandemie neu in Anspruch nehmen, sei „super“, freut sich Braga. Selbst in seinem Spezialgebiet, der konservativen Orthopädie samt Schmerztherapie – das sich natürlich nicht ganz so gut für die Telemedizin eignet –, konnte er neulich per Video helfen: Er habe eine Patientin mit Rückenschmerzen, „ein eingezwicktes, blockiertes Rippengelenk“, angeleitet, wie sie mit einem Tennisball versuchen könne, die Rippe zu repositionieren, „das hat wunderbar geklappt“.

Braga sieht auch für die Zeit nach Lockerung der Corona-Maßnahmen Potenzial für die Telemedizin: „Dieser Damm ist gebrochen, da kann man nicht mehr zurückrudern.“ Für ihn, seines Zeichens auch Berater des Dachverbands der Österreichischen Sozialversicherungsträger, stellt sich nur die Gretchenfrage: „Wer bezahlt es?“ Braga zeigt sich aber zuversichtlich, dass man die „alten Zöpfe“ nun abschneide. In Österreich seien einerseits schon mehr als 50 Prozent der Ärzte über 55 Jahre alt, der Landarztmangel verschärfe sich und andererseits werde die Bevölkerung immer älter – die Schere gehe also immer weiter auseinander. Es gebe jetzt eine große Chance, auch mit der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) und dem Dachverband zu versuchen, neue Tarifstrukturen aufzubauen und zu modernisieren.

Zwei Tipps hat er für telemedizinisch interessierte Kollegen: Möchte jemand selber in der Praxis telemedizinisch tätig werden, empfiehlt sich, wie er bereits betonte, aus rechtlichen und qualitativen Gründen immer ein zertifizierter Provider. Der zweite Tipp geht an Kollegen, die elektronisch nicht angebunden sind: Diese können sich bei medizinischen Video-Kliniken einschreiben (siehe auch Kasten) und sich als Vertrags- oder Partnerarzt zur Verfügung stellen. Dies ist laut Braga besonders für pensionierte Ärzte, aber auch für junge Ärzte und gerade auch Ärztinnen oder für Forscher auf Auslandsaufenthalten eine zusätzliche Möglichkeit, für ein paar Stunden pro Woche Telemedizin zu machen ­– „eine flexible, effektive und effiziente neue Arbeitsform ohne Dienstradl und Job-Sharing“.

Zeiten von „Planwagen und Ross“ auch vorbei

„Die Medizin muss der Gesellschaft dienen und nicht umgekehrt“, begründet er abschließend, warum es wichtig sei, nicht an alten Dogmen festzuhalten, sondern sich zu öffnen und mit der Zeit zu gehen. Man fahre heute ja auch nicht mehr mit „Planwagen und Ross“ umher, egal ob man das gut finde oder nicht.

Neben der „Liebe zur Medizin und der guten Betreuung von Patienten zu jeder Zeit“ liege ihm Folgendes besonders am Herzen: „Die Ressource des Bürgers, des Patienten, des Arztes und des Systems intelligent einzusetzen unter allen Möglichkeiten, die wir haben.“ Die Telemedizin sei eine große Chance, dem Patienten nicht mehr so viel „aufzubürden“ und etwa – wie er es in seiner Familie erlebt hat –, Schwerkranke zwei Stunden in ein großes Krankenhaus fahren zu lassen, wo dann das Gespräch gerade drei Minuten gedauert habe.

*Muigg, D., Kastner, P., Duftschmid, G. et al. Readiness to use telemonitoring in diabetes care: a cross-sectional study among Austrian practitioners. BMC Med Inform Decis Mak, 19, 26(2019).

Telemedizin in Zeiten der Corona-Pandemie

Telemedizinische Dienstleistungen erleben in Corona-Zeiten einen Aufschwung, hier eine Auswahl (ohne Wertung) an aktuellen Angeboten für Ärzte und Patienten:

  • DocFinder unterstützt mit Kommunikationspaket
    Österreichs größtes Ärztesuchportal DocFinder unterstützt Mediziner während der Corona-Krise mit einem kostenlosen und unverbindlichen Kommunikationspaket. Dieses enthält erweiterte Informations- und Kontaktmöglichkeiten sowie eine kostenlose Lösung für die Vergabe (z.B. von Terminen für eine Video-Ordination) und Erbringung telemedizinischer Leistungen. Infos: www.docfinder.at
  • Drei und Generali: „drd“ startet hausärztliche Beratung per Video
    Das Wiener Healthcare-Startup „drd“ (doctors recommended by doctors) bietet seit 03.04.2020 gemeinsam mit Drei und Generali eine ärztliche Erstbetreuung durch Wahl-Hausärzte per Videotelefonie an – auch für Patienten ohne Drei- oder Generali-Vertrag. Der telemedizinische Service ist bis 30.04.2020 kostenfrei. Mehr auf: www.drd.at
  • eedoctors – „Deine Onlinepraxis“
    Die eedoctors AG, das erste in der DACH-Region von der Quality Austria und Telemed Austria zertifizierte Telemedizin-Unternehmen, bietet die integrale virtuelle Arztpraxis „Deine Onlinepraxis“ an. Sie ist geeignet für kleine Hausarztpraxen, große Gesundheitszentren oder Spitäler. „COVID-19-Spezial-Angebot“ auf: eedoctors.ch/deine-onlinepraxis
  • Uniqa startet Telemedizin
    Uniqa bietet für Kunden mit dem Zusatzpaket „Akut-Versorgt“ eine ärztliche Beratung per Smartphone an. Die Videokonsultation steht in der Coronavirus-Krise zusätzlich sieben Tage die Woche von 8–21 Uhr zur Verfügung. Kooperationspartner ist eedoctors. Infos unter: www.uniqa.at
  • Wiener Städtische mit Telemedizin-Service
    Die Wiener Städtische bietet seit Mitte April 2020 ihren Kunden in Kooperation mit „TeleDoc“ eine telemedizinische Beratung an. Der Fokus liegt auf der Allgemeinmedizin, nach der Videokonsultation via TeleDoc-Smartphone-App bekommen die Patienten alle relevanten Unterlagen (z.B. Überweisungen, Rezepte) im pdf-Format übermittelt.
    Mehr auf: www.wienerstaedtische.at/telemedizin
  • 4myHealth: Telemedizin-Lösung bis 30.4.2020 kostenlos
    Die 4myHealth GmbH stellt anlässlich der Lage rund um das Corona-Virus die 4myHealth-Telemedizin-Lösung nicht nur ihren Kunden, sondern auch allen anderen interessierten Ärzten bis zum 30.04.2020 kostenlos zur Verfügung. Infos: www.4myhealth.eu

Weitere Infos zu Telemedizin bei den Ärztekammern bzw. unter www.telemedaustria.at

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