“Emotionalität muss ich nicht mit dem Leuchtstift markieren”

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Barbara Krobath

Mit „Bevor wir verschwinden“ hat Dr. David Fuchs eine Liebesgeschichte und gleichzeitig eine Geschichte über das Sterben geschrieben. Dabei schöpft der Autor aus seinem Berufsalltag als Oberarzt am Kepler Universitätsklinikum Linz. Die krebs:hilfe! traf den Jungautor vor seiner ersten Lesung bei den O-Tönen in Wien.

krebs:hilfe!: Sie wurden mit dem „FM4-Wortlaut“ ausgezeichnet. Was ist das für eine Auszeichnung?
Fuchs: Das ist ein Kurzgeschichtenpreis von FM4. Das war eines der ersten Dinge, die ich eingeschickt habe. Die Auszeichnung war natürlich ein großer Glücksfall für meine Motivation und auch, um einen Verlag anzuschreiben. Weil man dann schon eine Geschichte zum Vorweisen hat.

Das heißt, das war noch bevor das Buch fertig war?
Das war etwa ein Jahr, bevor das Buch so weit fertig war, dass es ins Lektorat gehen konnte.

Welche Kurzgeschichte haben Sie eingereicht?
Die Geschichte trug den Titel „Fingerfallen“ und handelt davon, wie die beiden Hauptfiguren, Ben und Ambros, auf einer Klassenfahrt in Rom zusammengekommen sind. Im Buch hat diese Passage keinen eigenen Titel, kommt aber als Rückblende vor.

Sterben von einem jungen Menschen und Homosexualität im Klinikalltag – wollten Sie bewusst an Tabus rütteln?
Ich wollte ein Buch über das Sterben schreiben. Das war eine bewusste Entscheidung. Dass die beiden homosexuell sind, war anfangs aber gar nicht geplant. In den ersten Entwürfen waren sie mal Onkel und Neffe. Aber dann hat der Geschichte etwas gefehlt, die gewisse Spannung in ihrer Beziehung. Ich habe kurz überlegt, einen der beiden zur Frau zu machen, aber die Figur des Ambros war schon fertig, und ich wollte nicht aus der Perspektive einer Frau schreiben. Das ist gerade beim ersten Buch eher heikel. So wurden Ben und Ambros zum Liebespaar. Was mir aber wichtig ist, dass ich das gar nicht speziell thematisieren wollte. Ich habe die Homosexualität deshalb einfach als Faktum stehen lassen, ohne zu erklären oder ins Detail zu gehen. Es ist eine normale Liebesbeziehung und fertig.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Arbeit auf der Palliativstation sehr eindrucksvoll. Sie selbst sind Onkologe und Palliativmediziner. Wie viel Skurrilität gibt es tatsächlich auf einer Palliativstation?
Diese kleinen Skurrilitäten gibt es, glaube ich, in jedem Krankenhaus. Jeder, der in einem Krankenhaus arbeitet und an seine Ausbildungszeit zurückdenkt, kann die eine oder andere Anekdote erzählen. Alle Personen im Buch sind frei erfunden, darauf habe ich wirklich geachtet, dass sich keine Kollegen oder Patienten reinschummeln. Aber ich habe versucht, die Krankenhausatmosphäre einzufangen. Und dass die Personen zwar fiktiv sind, aber nicht unrealistisch. So wie dieser Oberarzt Pomp, der ein bisschen schrullig ist.

Was sind die berührendsten Augen­blicke, die Sie persönlich erlebt haben?
Die ersten und prägenden Erlebnisse fallen mir aus meiner Zeit als Sanitäter beim Samariterbund ein. Ich wollte ja ursprünglich IT oder Marketing studieren, habe BWL inskribiert und dann noch schnell meinen Zivildienst gemacht. Das hat mich sicher geprägt. Es waren jetzt gar nicht so sehr die dramatischen Ereignisse, sondern mehr die zwischenmenschlichen Kontakte. Da war mal ein verängstigter Altersheimbewohner, der sich gefürchtet hat, mit uns mitzufahren. Das war jetzt keine lebensbedrohliche Situation, es war mehr eine Taxifahrt, eine liegende halt. In solchen Momenten habe ich gemerkt, dass ich Arzt werden möchte. In BWL habe ich schlussendlich keine einzige Prüfung abgelegt, sondern sofort nach dem Zivildienst Medizin inskribiert.

Im Klappentext steht, dass Sie ohne jegliche Rührseligkeit, mit einem feinen Sinn für das Verschrobene im Zwischenmenschlichen erzählen. Inwieweit hat sie hier Ihr Berufsalltag geprägt?
Das Thema ist natürlich schwer. Es geht um Tod und Sterben. Und das ist schon etwas, was wir im Krankenhaus und speziell auf der Onkologie erleben. Es ist täglich präsent. Mir war wichtig beim Erzählen, es nicht noch pathetischer zu machen. Weil man da so schnell in den Kitsch abrutscht. Ich wollte das relativ nüchtern und präzise darstellen. Die Emotionalität, die ohnedies dem Thema innewohnt, die muss ich nicht noch mit dem Leuchtstift anstreichen. Die ist sowieso da.

Und würden Sie sich wünschen, dass wir stärker ohne Pathos und ohne Rühr­seligkeit mit dem Thema Sterben ­umgehen?
Es muss jeder einen Weg finden, damit umzugehen. Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Aber ich glaube, es ist wichtig, das Thema einerseits nicht zu tabuisieren, und andererseits aber auch nicht zu pathetisieren. Das hat Rilke schön gesagt. Es soll jeder seinen Tod finden. Das ist auch in der Palliativstation ganz wichtig, dass man niemandem vorschreibt, was gut oder richtig ist. Es gibt Menschen, die gestalten die letzten Wochen vor ihrem Tod so, wie ich mir das für mich nie vorstellen könnte. Aber jeder muss das selbst entscheiden. Da muss man sehr aufpassen, dass man seine eigenen Vorstellungen nicht einem Patienten überstülpt.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Mit 15 oder 16 Jahren habe ich meine ers­ten Gedichte geschrieben und habe nicht aufgehört damit. Ich habe auch viel gelesen, aber lange Zeit fast nur Lyrik. Zur Prosa bin ich durch Romane von Lyrikern gekommen, die meine Lieblingsautoren sind: Lutz Seiler mit „Kruso“ und Mirko Bonné mit „Nie mehr Nacht“. Die habe ich verschlungen und Lust auf Prosa bekommen, auch darauf, welche zu schreiben. Erst nur kurze Dinge. Und irgendwann ist der Gedanke dagewesen, dass ein Roman auch sehr schön wäre.

Warum haben Sie sich entschieden, über eine Palliativstation zu schreiben?
Es ist immer leichter, über etwas zu schreiben, was man kennt. Ich musste nicht viel recherchieren, weil ich einfach weiß, wie es in einem Krankenhaus zugeht, wie es dort riecht, was die Krankheitsbilder sind. Wenn ich einen historischen Roman geschrieben hätte, wäre die Recherche viel aufwändiger gewesen. Aber so kannte ich das Setting bereits und konnte mich auf die Geschichte konzentrieren.

Neben Ihrem Beruf zu schreiben, das stelle ich mir gar nicht so einfach vor. Wie finden Sie die Zeit?
Zeit habe ich nicht viel, mit Vollzeitjob und zwei Kleinkindern. Ich kann aber ohnehin nur in kurzen, fokussierten Zeiträumen schreiben, das ist mein Glück. Wenn zum Beispiel meine Frau sagt, dass sie über das Wochenende mit den Kindern wegfährt und ich ein ganzes Wochenende fürs Schreiben Zeit hätte, dann fallen mir tausend Dinge ein, die ich tun möchte. Da klappt es gar nicht. Wenn ich aber weiß, ich habe jetzt ein oder zwei Stunden, dann kann ich mich gut fokussieren. Und zwar nur dann.

Wie schwer war es, einen Verlag für Ihr Buch zu begeistern?
Da ist mir sicher der „FM4 Wortlaut“ zugute gekommen. Da hat man schon was, wenn man bei einem Verlag vorspricht, ist kein unbeschriebenes Blatt mehr. Und beim Haymon Verlag hat sofort die Chemie gepasst, auch mit der Lektorin. Das ist auch wichtig.

Das Buch ist seit wenigen Wochen im Handel. Wie war bisher das Feedback?
Über die Zahlen kann ich noch nichts sagen, das ist noch zu früh. Aber ich persönlich habe schon viel Feedback bekommen, auch von Patienten und Kollegen. Das war durchaus positiv.

Gab oder gibt es für Sie die Entscheidung Arzt oder Autor?
Ich habe nicht vor, eines davon aufzugeben. Arzt ist nach wie vor mein Wunschberuf und wird es auch bleiben. Und Autor eben auch.
Wird es ein weiteres Buch geben, das sich mit dem Krankenhausalltag auseinandersetzt?
Das zweite Buch ist gerade in der sehr konkreten Planungsphase. Aber es wird kein Krankenhausbuch sein. Irgendeine Figur wird schon krank werden, und es werden sicher auch Krankheiten vorkommen, aber es wird sich nicht im Krankenhaus abspielen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über Dr. David Fuchs

David Fuchs wurde 1981 in Linz geboren. Nach dem Medizinstudium in Wien kehrte er nach Linz zurück, wo er die Facharztausbildung absolvierte. Fuchs ist Oberarzt am Kepler Universitätsklinikum Linz, auf der Klinik für Interne 3 im Fachbereich für Hämatologie und Onkologie. Neben seinem Beruf als Onkologe und Palliativmediziner hat er die Leondinger Akademie für Literatur besucht. 2016 wurde eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Bevor wir verschwinden“ mit dem „FM4 Wortlaut“ ausgezeichnet. Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.

krebs:hilfe! 8-9/2018