18. Mai 2026Zwischen Polypharmazie und Anfallskontrolle

Epilepsie bei älteren Patienten: Subtile Symptome, komplexe Therapie

Epilepsien betreffen nicht nur Kinder und Jugendliche. Im höheren Lebensalter steigt die Häufigkeit nochmals deutlich an. Gerade bei diesen Patienten stellen Diagnose und Therapie besondere Anforderungen.

EEG-Untersuchung bei einem älteren Patienten in einem neurologischen Zentrum: Gerade bei subtilen Symptomen kann die
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Während bei jüngeren Menschen häufiger genetische Epilepsien diagnostiziert werden, sind Epilepsien im Alter meist auf sekundäre Ursachen zurückzuführen, erläutert Dr. Marcellina Haeberlin, Oberärztin an der Klinik für Neurologie am Universitätsspital Zürich, bei einer Fortbildungsveranstaltung*.

Schlaganfall als wesentlicher Risikofaktor

Bei älteren Menschen sind Epilepsien besonders oft die Folge von Hirninfarkten (siehe Kasten). Auch Hirnblutungen, Tumoren, Schädel-Hirn-Traumata und neurodegenerative Erkrankungen spielen eine wichtige Rolle. Hinzu kommen metabolisch-toxische Störungen, die im Alter häufiger werden. Dazu zählen etwa Hyperammonämie und Urämie. Sie können epileptische Aktivität begünstigen.

Um das individuelle Epilepsierisiko nach einem Schlaganfall abzuschätzen, empfiehlt die Neurologin den sogenannten SeLECT-Score. Er berücksichtigt unter anderem den Schweregrad des Schlaganfalls, die kortikale Beteiligung und frühe Anfälle.

Auch Medikamente können das Risiko deutlich beeinflussen. "Die Anzahl der eingenommenen Substanzen steigt ja typischerweise mit zunehmendem Alter", so Dr. Haeberlin. Neuroleptika können die Krampfschwelle deutlich senken. Das gilt besonders für klassische Neuroleptika und für Clozapin. Auch bestimmte Antibiotika wie Cefepime oder Meropenem sowie gängige Kombinationen können das Risiko für epileptische Anfälle erhöhen, gerade bei kritisch kranken Patienten.

Oft bleibt die Ursache eines Anfalls unklar, trotz umfassender Diagnostik. Altersbedingte Veränderungen wie kortikale Atrophie oder vaskuläre Leukenzephalopathie könnten dabei eine Rolle spielen.

Subtile Symptome erschweren die Diagnosestellung

Auch genetisch bedingte Epilepsien können erst spät erkannt werden. Ein eindrückliches Beispiel schildert Dr. Haeberlin anhand einer 68-jährigen Patientin. Sie wurde mit scheinbar harmloser, unspezifischer Desorientiertheit vorgestellt. Fokal-neurologische Defizite oder motorische Symptome fehlten.

"Erst das EEG zeigte einen Absencen-Status mit typischen generalisierten Spike-Wave-Komplexen – eine Diagnose, die klinisch leicht übersehen werden kann." Die Patientin konnte erfolgreich behandelt werden. Rückblickend zeigte sich, dass sie im Lauf ihres Lebens immer wieder "Synkopen" erlitten hatte. Möglicherweise handelte es sich dabei um bisher unerkannte generalisierte Anfälle.

Im Alter ist eine solche untypische oder diskrete klinische Präsentation laut der Expertin häufig. "Anfälle können bei älteren Menschen subtil verlaufen oder bestehende kognitive oder fokal-neurologische Defizite lediglich verstärken." Hinzu kommt: Auch die Erinnerung an bewusst erlebte Anfälle ist bei den Patienten oft eingeschränkt. Dann hilft oft erst die Fremdanamnese. Im höheren Alter überwiegen fokale Anfälle mit oder ohne Bewusstseinsstörung. Generalisierte Anfälle sind seltener.

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