25. Aug. 2023medonline Medizingeschichte #4

Harold Gillies und die Ursprünge der modernen plastischen Chirurgie

Als im Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, haben die Etablierung von Wehrpflichtarmeen in Europa und die technischen Fortschritte der industriellen Revolution, bis dahin geltende Orthodoxien der Kriegsführung ad absurdum geführt.

mo_medizingeschichte_04_Gillies
Wellcome Collection/Wikimedia

Die Erfindung des Maschinengewehrs und Innovationen auf dem Gebiet der Artillerie verhelfen der Defensive zu einem kaum auszugleichenden Vorteil, lassen eine auf Dynamik ausgelegte Operationsplanung im Grabenkrieg erstarren und Massenheere an dessen Linien ausbluten.

Tod und Verstümmelung auf industriellem Niveau

Das aus dem Maschinengewehr abgefeuerte Projektil ist für die bei Weitem meisten Tode verantwortlich, fragmente explodierender Artilleriegranaten jedoch für besonders grausame Verwundungen. Glühend heiß, von irregulärer Form und in der Regel in Clustern fliegend, verursachen sie eine Häufung klaffender Wunden mit großem Gewebsverlust.

Weil sie in der Regel Textilfragmente und andere Fremdkörper tief in die Wunden transportieren, sind Infektionen unvermeidbar. Die Natur des Konflikts in Frankreich mit frontalen Massenangriffen zwischen befestigten Linien, lässt eine Vielzahl dieser Verwundungen im Gesicht auftreten. Hier kommt der neuseeländische Mediziner Harold Gillies ins Spiel.

In der Regel werden klaffende Gesichtsverletzungen zu dieser Zeit nur notdürftig und ohne Rücksicht auf den Gewebsverlust zusammengeflickt, um das unmittelbare Überleben der Patienten zu gewährleisten. Verheilen die Wunden, zieht sich das Gewebe zusammen und die entstellten Gesichter verzerren sich zu abscheulichen Fratzen. Gillies erkennt, dass die Behandlung dieser Versehrten kein rein medizinischer Sachverhalt ist, sondern auch eine psychologische Komponente beinhaltet. Sie müssen nach dem Kriegsdienst wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden, was schwerfällt, wenn ihr Anblick in der Öffentlichkeit nur Angst oder Gespött hervorruft.

Geburtsstunde der modernen plastischen Chirurgie

Als Gillies im Royal Army Medical Corps in Frankreich einen Zahnmediziner kennenlernt, der sich mit Verve dem Ersatz von zerstörten Kiefern widmet, wendet er seine Aufmerksamkeit der rekonstruktiven Gesichtschirurgie zu und schafft folglich die Grundlagen der modernen plastischen Chirurgie. Anhaltenden Ruhm erlangt er durch die Entwicklung der gestielten Lappenplastik, die bis heute nicht aus deren Repertoire wegzudenken ist.

Im Frühjahr 1917 wird in Sidcup bei London das Queen Mary’s Hospital errichtet, in dem ab Mitte dieses Jahres alle Gesichts- und Kieferverwundeten der imperial-britischen Streitkräfte behandelt werden. Sechs kleinere, affiliierte Spitäler inkludiert, zählt das Queen’s Hospital, wie es umgangssprachlich genannt wird, über 1.000 Betten und bis zum Jahresende 1917 werden dort über 12.000 Patienten behandelt.

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitet Gillies weiter am Queen’s Hospital und gründete eine Privatpraxis für kosmetische Chirurgie. Im Zweiten Weltkrieg organisiert er Abteilungen für plastische Chirurgie in ganz Großbritannien und schult Ärzte in den von ihm entwickelten Techniken. Kurz nach dem Krieg beginnt er sich mit Geschlechtsumwandlungen zu beschäftigen und entwickelt 1951 eine Technik für eine Umwandlung von Mann zu Frau, die für 40 Jahre zum Standard werden soll.

Im Jahr 1960 stirbt Harold Gillies 78-jährig in einem Londoner Krankenhaus. Viele seiner im Ersten Weltkrieg entwickelten Techniken werden aber heute noch angewendet.