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Europaweit erste Covid-19-LuTX am AKH Wien

Spenderlunge rettete 45-jährige Corona-Patientin

Es war ihre letzte Chance: Ohne Lungentransplantation (LuTX) hätte die 45-jährige Kärntnerin, die nach einer schweren SARS-CoV-2-Infektion insgesamt vier Wochen lang an der ECMO-Pumpe hing, nicht überlebt. Ein Team um Chirurgie-Vorstand Univ.-Prof. Dr. Walter Klepetko, MedUni Wien / AKH Wien, wagte den Eingriff – und konnte erleichtert aufatmen: Es gehe ihr soweit gut, freut sich der Spitzenchirurg über seine Patientin, die nicht nur als 2.000ste Patientin in die Geschichte des Lungentransplantationszentrums am AKH Wien eingehen wird, sondern auch als erste durch eine neue Lunge gerettete Covid-19-Patientin Europas.

Dass es just die 2.000ste Ersttransplantation einer Lunge war, sei aber reiner Zufall, erzählt Univ.-Prof. Dr. Walter Klepetko, Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie, Leiter der Klinischen Abteilung Thoraxchirurgie, Medizinische Universitätsklinik Wien / AKH Wien, im Gespräch mit medonline. Mit den Retransplantationen hat das weltweit renommierte LuTX-Zentrum in Wien sogar schon an die 2.200 Lungentransplantationen hinter sich, die erste fand, wie Anfang Mai das Nachrichtenmagazin „Profil“ berichtete, in der Nacht des Berliner Mauerfalls statt – am 09.11.1989.

Neue Lungen nach Corona bisher nur in China

Gut 30 Jahre später, am 18.05.2020, verpflanzten Klepetko und Kollegen erstmals in Europa eine neue Lunge angesichts einer noch nie dagewesenen Indikation: Totalversagen der Lunge nach einer Covid-19-Pneumonie. Weltweit dürfte es nach Recherchen der MedUni Wien die dritte derartige Transplantation sein. In China publizierten Weili Han et al.1 zwei Fälle: eine 66-jährige Frau und einen 70-jährigen Mann. Bei beiden war im Februar 2020 eine extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO), eine Art Kreislaufpumpe, nach einer Covid-19-Pneumonie im Endstadium notwendig. Anfang März erfolgten dann die lebensrettenden Transplantationen.

Allerdings hatte die „Global Times“, eine landesweite englischsprachige Tageszeitung in China, schon vor dieser Publikation berichtet, dass ein chinesisches Ärzteteam um Chen Jingyu am 29.02.2020 „erfolgreich die weltweit erste doppelte Lungentransplantation“ für einen Patienten durchgeführt habe, der mit Covid-19-Virus infiziert war und dessen Lunge irreversible Schäden aufwies. Der 59-jährige Patient hatte demnach ebenfalls eine ECMO-Behandlung hinter sich.2

Kärntnerin hatte keine Vorerkrankungen

Thoraxröntgen der 45-jährigen Kärntnerin vor (li) und nach der Transplantation.

Zurück nach Wien bzw. Kärnten: Die 45-jährige Frau hatte sich den neuen Corona-Virus Mitte März eingefangen. Obwohl sie keinerlei Vorerkrankungen hatte und sich bester Gesundheit erfreute, erkrankte die Kärntnerin so schwer an Covid-19, dass sie beatmet werden musste. Schließlich versagte die Lunge völlig, die Patientin konnte nur mehr durch eine ECMO-Unterstützung am Leben gehalten werden. Die anderen Organe hätten funktioniert, doch leider habe es keine Aussicht auf eine Erholung der Lunge gegeben, begründete Klepetko, warum überhaupt eine Transplantation in Erwägung gezogen wurde. Eine Woche vor dem Eingriff wurde die Patientin von Klagenfurt nach Wien verlegt.

Doch noch sollte es mehrere Tage dauern, bis es soweit war. Nicht nur wegen einer passenden Spenderlunge. Die Patientin hatte noch Corona-Viruspartikel in der PCR, die allerdings nicht mehr infektiös waren, wie eine negative Viruskultur über sieben Tage bewiesen hatte. Wie Klepetko bereits gegenüber der APA und mehreren Medien – die „Kronen Zeitung“ und die „Kleine Zeitung“ hatten zuerst über den Fall berichtet –, ausgeführt hatte, habe es nach nunmehr vier Wochen ECMO massive Gerinnungsprobleme bei der Transplantation gegeben. Auch sei eine Immunapherese nötig gewesen, um die Antikörper herauszuwaschen und einer Abstoßung der Spenderlunge vorzubeugen. Der Aufwand sei ungeheuer hoch gewesen, aber es habe sich ausgezahlt.

Zwei Spenderlungen aus Nachbarland

Die erste Spenderlunge konnte leider aus Qualitätsgründen nicht verwendet werden – im Gegensatz zur zweiten. Beide Spenderlungen wurden laut einer Aussendung der MedUni Wien von und in Abstimmung mit der unabhängigen Transplantationsorganisation Eurotransplantat in Leiden, Niederlande, auf Basis der objektiven Dringlichkeitskriterien zugeteilt und aus einem Nachbarland eingeflogen. Klepetko bekräftigte nochmals, wie dringlich es war: Die Patientin hätte ohne Transplantation keine Chance gehabt und sei gemäß der objektiven Dringlichkeitsregelung auf der Warteliste ganz oben gewesen, „ohne ECMO wäre sie sofort gestorben“.

Nicht umsonst betont der Chirurg hier die Objektivität und Nachvollziehbarkeit von Eurotransplant, sorgte doch im Oktober des Vorjahres ein von der Süddeutschen Zeitung publizierter Artikel über eine angeblich ungerechtfertigte Transplantation einer griechischen Patientin am AKH Wien für große Aufregung im heimischen Blätterwald. Wie Klepetko bereits gegenüber der „Kronen Zeitung“ kürzlich hervorstrich: „Es liegen mittlerweile Stellungnahmen von Eurotransplant, dem Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheit, der Ärztekammer sowie einem internationalen Audit vor, die die Anschuldigungen und Vorwürfe klar widerlegen.“

Die diesbezüglichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft würden derzeit noch laufen, heißt es auf Nachfrage von medonline bei WKStA-Sprecherin Oberstaatsanwältin Mag. Elisabeth Täubl. Klepetko selbst vermutet übrigens, dass es sich um eine „niederträchtige Intrige eines Neiders“ handelte, „die enormen Schaden für das Transplantationswesen und die Medizinische Universität Wien“ mit sich brachte. Über den Ausgang der Ermittlungen zeigt er sich zuversichtlich.

„Beruhigend guter Verlauf, aber noch langer Weg“

Ebenfalls zuversichtlich ist er, was die Genesung seiner aktuellen Patientin angeht, und spricht von einem „beruhigend guten Verlauf, auch wenn der Weg noch ein langer ist“. Der Schlüssel zum Erfolg des Zentrums, das rund 100 Lungentransplantationen jährlich durchführt und neben den Programmen in Toronto, Cleveland und Hannover zu den größten LuTX-Programmen der Welt gehört, ist für ihn die reibungslose und „exzellente“ Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fächern wie der Anästhesie, Chirurgie, Intensivmedizin, Infektiologie und vielen anderen. Erst im Vorjahr konnten am AKH Wien ein zehnjähriges Kind sowie eine junge Schwangere in der 20. SSW, die beide ein Lungenversagen nach einer Influenza hatten, durch eine LuTX gerettet werden. Beide hatten zuvor, so wie die Covid-19-Patientin, vier Wochen lang eine lebensunterstützende ECMO-Behandlung.

Im Fall der 45-jährigen Kärntnerin spielte Corona aber auch noch eine andere Rolle: Denn besonders herausfordernd seien Logistik, OP-Vorbereitung und die Transplantation selbst auch gerade wegen der erforderlichen Covid-19-Schutzmaßnahmen gewesen.

Auf eine Spenderlunge (Bild oben) warteten mit Ende April laut Eurotransplant 669 Patienten, davon 60 in Österreich, 278 in Deutschland, 179 in Holland und 152 in Belgien.

1Weili Han et al., Brief Clinical Report, Lung Transplantation for Elderly Patients With End-Stage COVID-19 Pneunomia, https://journals.lww.com/annalsofsurgery/Citation/9000/Lung_Transplantation_for_Elderly_Patients_With.94593.aspx

2https://www.globaltimes.cn/content/1181228.shtml

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