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Primärversorgung

Korsatko: „Ich war schon mal optimistischer“

Dr. Stefan Korsatko betreibt mit zwei Kolleginnen in Graz das Primärversorgungszentrum „Medius“. Der Bundessprecher des Österreichischen Forums für Primärversorgung erzählt von seinen Erfahrungen. (Medical Tribune 38/19)

Gute Miene zum bösen Spiel? Die Primärversorgungsoffensive stockt, oft gibt es Probleme. Dr. Korsatko kann indes Positives berichten.

Beim Thema der Primärversorgungszentren ist die Starteuphorie vorbei. Aktuell sind – bei großzügiger Auslegung – nur 14 von 75 geplanten PVZs operativ, eines steht vor seiner Schließung. Wie soll der Gesamtplan bis 2021 umgesetzt werden?

Korsatko: Die Zielvorgaben stammen ja alle aus Gesetzen und anderen Papieren eher theoretischer Natur. Ich vermisse die entsprechend motivierten Akteure, die diese Pläne dann auch wirklich umsetzen wollen. Ich sehe die Schwierigkeiten momentan darin, dass die Kassenreform voll im Laufen ist und wenig Raum und Kraft für externe Maßnahmen wie den Aufbau eines Primary Health Care-Systems bleibt. Es wird gewartet, bis die ÖGK wieder handlungsfähig ist.

Spricht man mit Ärztinnen und Ärzten, die in einem PV-Zentrum oder einem PV-Netzwerk arbeiten, gewinnt man den Eindruck, dass sie sich den Alltag stressfreier vorgestellt haben. Sie haben im Dezember gemeinsam mit zwei Kolleginnen in Graz ein PVZ eröffnet. Wie geht es Ihnen mit der Alltagsrealität?

Korsatko: Der negative Eindruck deckt sich nicht mit meiner Erfahrung. Ich bin sicher: Wenn Sie mit den Ärztinnen und Ärzten in den bestehenden PVZs sprechen, werden Sie zu 90 Prozent auf Begeisterung stoßen. Ich glaube nicht, dass – vielleicht mit Ausnahme des PVZ Donaustadt – einer der Gründer seinen Entschluss bereut.

Von der erhofften Work-Life-Balance ist unter den PVZ-Praktikern wenig zu hören. Volle Wartezimmer und aggressive Patienten kennzeichnen nach vielen Aussagen immer noch den Alltag. Stimmt das?

„Mir ist es unbegreiflich, warum sich Kollegen nicht stärker auf diese Arbeitsmodelle stürzen.“
Dr. Stefan Korsatko

Korsatko: Meine Erfahrungen sind hier anders. Für mich ist dieses Format der PVZs ideal. Ehrlich gesagt: Mir ist es unbegreiflich, warum sich meine Kolleginnen und Kollegen nicht stärker auf diese Arbeitsmodelle stürzen. Das Leben mit dieser Work-Life-Balance habe ich immer angestrebt.

Wer die Archive der Medical Tribune durchforstet, findet viele negative Stimmen von teilnehmenden oder ausgeschiedenen Ärzten über unveränderte Belastungsspitzen, unruhiges Arbeitsklima und administrative Streitigkeiten. Alles nicht wahr?

Korsatko: Das behaupte ich nicht. Logischerweise sind die Probleme der Allgemeinmedizin auch in den PVEs gegenwärtig. Aber ich kann nur beschreiben, wie ich selbst meinen Berufsalltag erlebe. Ich habe die Möglichkeiten der Zeiteinteilung, es gibt immer jemanden, der für mich einspringen kann, wenn es notwendig ist. Wir haben bei den Arbeitsbedingungen endlich eine Vergleichbarkeit zu anderen  Berufen geschaffen. Das ist schon mal ein Riesenfortschritt.

Würden Sie nach zehn Monaten Praxis den Schritt in ein PVZ wieder machen?

Korsatko: Auf alle Fälle. Ich muss mich um keine Managementangelegenheiten kümmern. Wir sind vom Typus her eine Gruppenpraxis, die sehr flexibel gestaltet werden kann. Wenn ich zwei Wochen auf Urlaub bin, läuft die Praxis einfach weiter. Ich habe das diesen Sommer erstmals erfahren. Die Patienten sind versorgt, das Zentrum läuft problemlos weiter. Dies ist ein Hochgenuss und enthebt mich vieler Sorgen. Das sind alles Argumente, die in meinem Leben zählen.

Warum hinkt dann die Realität den Ausbauplänen dermaßen hinterher?

Korsatko: Es fehlt der umfassende Plan für die allgemeinmedizinische Versorgung Österreichs. Es wird fast alles dem Markt überlassen. Für die allgemeinmedizinische Grundversorgung gibt es Kassenärzte und eine veraltete Stellenplanung. Es existiert keine genaue Zuordnung, wo der extramurale Bereich aufhört und wie der intramurale Bereich anfängt. Und all diese Versäumnisse werden umgelegt auf neun Bundesländer, in denen Kammern und Kassen relativ autark nach eigenem Gutdünken dahinarbeiten.

Alles für die Katz?

Korsatko: Ich war schon mal optimistischer. Es ist unverändert klar, dass eine Senkung der hohen Krankenhaushäufigkeit ohne einen effektiven Ausbau der Primärversorgung unrealistisch ist. Es fehlt eine zentrale Förderstrategie und das klare nationale Commitment, die PVE-Strukturen mit Nachdruck hochzuziehen. Das System ufert nach allen Richtungen aus.

Es fehlt Ihnen Regulierung?

Korsatko: Ich vermisse Plan und Regeln, wie die PVE-Idee oder die allgemeinmedizinische Versorgung im Ganzen umgesetzt werden soll. Es fehlt an klaren Vorgaben. Was die PVEs betrifft, wartet alles auf die Vorgaben der großen ÖGK. Jeder wurschtelt dahin und trifft singuläre Vereinbarungen mit der Kasse. Niemand kümmert sich um das Projekt PHC. Unser PVZ ist jetzt zehn Monate offen und es hat sich noch kaum jemand ernsthaft interessiert, welche Erfahrungen wir zum Start gesammelt haben – weder von der Kasse noch von der Kammer noch vom Bund. Dementsprechend wenige Anlaufstellen gibt es in diesen Institutionen. Die wissen einfach kaum etwas über PVZs.

Sie rufen nach stringenteren Vorgaben? Das ist für einen Freiberufler nicht gerade typisch …

Korsatko: Es braucht eine geordnete Idee, was die Allgemeinmedizin im Generellen und die PVZs im Speziellen zu leisten haben. Einfaches Beispiel: Der Patient hat Halsschmerzen. Er geht zum Hausarzt, der einen viralen Infekt diagnostiziert. Dauert zehn Tage. Der Patient wird aufgefordert, nächste Woche zur Kontrolle zu kommen. Diese einfache Intervention kostet das System um die 20 Euro. Der Patient beschließt daraufhin, am nächsten Tag noch zum HNO-Arzt zu gehen, weil er das Gefühl hat, schwerere Medikamente zu benötigen. Der HNO-Arzt stellt das Gleiche fest, schickt den Patienten wegen eines Hustens aber zur Sicherheit noch zum Lungenfacharzt. Der Lungenfacharzt verschreibt dem Patienten dann noch einen Inhalator für alle Fälle. Nach sieben Tagen erscheint der Patient bei mir zur Kontrolle und erzählt mir die Geschichte. Nach weiteren drei Tagen hat sich der Infekt verflüchtigt. Und dies ist keine erfundene Geschichte.

Wie sollten diese Vorgaben konkret aussehen?

Korsatko: Wir benötigen klare Regeln. Es braucht ein Gatekeeping, eine Art Einschreibesystem und letztendlich auch irgendeine Möglichkeit, die Frequenzen etwas zu senken. Wir müssen die Qualität der Versorgung aufrechterhalten.

Zur Person

Dr. Stefan Korsatko hat während seiner Basisausbildung zum Allgemeinmediziner in einem ambulanten Primärversorgungszentrum in Onex bei Genf gearbeitet und unmittelbare Erfahrungen mitgebracht. Seit seiner Ausbildung zum MBA in Health Care und Hospital Management widmete er sich intensiv der Forschung in der Primärversorgung und war bis 2018 als Mitarbeiter am Grazer Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung tätig. Er ist Mitbegründer und 1. Bundessprecher des 2016 ins Leben gerufenen Österreichischen Forums für Primärversorgung. Im Dezember 2018 eröffnete er mit zwei Kolleginnen das Grazer PVZ „Medius“.

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