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„Das Gesundheitswesen wird ausgehungert“

Die gesundheitlichen Risiken der Strahlenbelastung nach Tschernobyl wurden von Technikern und manchen Medizinern 1986 eher abgewiegelt. Umwelthygieniker Prof. Dr. Hans-Peter Hutter nimmt aus heutiger Sicht Stellung. Er stellt aber auch der aktuellen Politik kein gutes Zeugnis aus. (Medical Tribune 26/18) 

Welche Erinnerungen haben Sie selbst noch an den Umgang von Politik und Behörden mit der Strahlenbelastung nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986? Und wie sehen Sie es rückblickend, als Umweltmediziner von heute?

Hutter: Es gab zwar ein gewisses Durcheinander, manche Maßnahmen sind erst nach dem 1. Mai gesetzt worden. Dem damaligen Bundesminister für Gesundheit und Umweltschutz, Franz Kreuzer von der SPÖ, wurde etwa vorgeworfen, dass der Maiaufmarsch trotzdem stattgefunden hat. Und dass seine Mitteilungen zum Schutz der Bevölkerung zu wenig dramatisch gewesen seien. Doch insgesamt haben die Behörden gute Maßnahmen getroffen. Dass die Bevölkerung auf Gemüse und Milch verzichten sollte, war etwa aus heutiger Sicht eine richtige Handlungsempfehlung. Was auffällt – und sich bei Umweltbelastungen wie Strahlung oder auch Lärmbelästigung von damals bis heute wie ein roter Faden durchzieht – ist: Da viel Physik mitspielt, werden oft Techniker zurate gezogen, die dann die Meinungshoheit übernehmen. Und die den Hang haben zu sagen: „Na ja, so schlimm ist es nicht.“ Bei der Internationalen Atombehörde in Wien hat der Direktor damals alle möglichen Gefahren abgewiegelt.

Hat man mögliche Auswirkungen der Strahlung im onkologischen Bereich richtig eingeschätzt?

Hutter: Bezüglich Leukämien hat man vorhergesehen, dass es mehr Erkrankungen geben wird. Nur das genaue Ausmaß kannte man nicht. Und man war sich nicht sicher, ob die Risikosteigerung statistisch relevant sein wird. Hinsichtlich der Schilddrüsentumore wurde das Risiko unterschätzt. Insbesondere in der Ukraine und in Weißrussland ist das definitiv ein Problem. Wir haben eigene Abschätzungen gemacht, die Krebsinzidenz in Österreich bis 2065 betreffend, und kamen auf bis zu 1.000 Erkrankungen zusätzlich, welche der Tschernobyl-Katastrophe zuzurechnen sind. Das entspricht zirka einem Prozent.

Wer könnte noch heute an den Folgen erkranken?

Hutter: Bei Schilddrüsenkrebs diejenigen, die damals Kinder waren. Einerseits ist es eine Altersfrage, andererseits spielt mit, wo man sich gerade in Österreich aufgehalten und was man gemacht hat. Also, ob man draußen oder drinnen war und was man zu sich genommen hat. Auch bei Leukämien gibt es Fälle, die mit Tschernobyl in Zusammenhang stehen, aber definitiv weniger. Es handelte sich dabei ja vor allem um kindliche Leukämie-Erkrankungen.

Kritisiert wurde in alten MT-Artikeln, dass Mediziner sich nicht viel zur Strahlen- und Gesundheitsbelastung nach Tschernobyl zu Wort meldeten. War das Wissen so mangelhaft?

Hutter: Ich denke ja. Praktische Ärzte wissen zwar genau, wie sie klinisch in solchen Fällen vorgehen müssen, aber weniger, wie Risiken einer Exposition gegenüber ionisierender Strahlen abzuschätzen sind. Das ist in der Regel nicht ihr Fachgebiet, darüber wurde auch damals im Medizinstudium kaum etwas gelehrt. Aber wie gesagt: Sie haben damals gut beraten, was zu vermeiden ist: „Bitte gehen Sie nicht raus, gehen Sie gleich nach dem Heimkommen duschen, damit Sie den Staub nicht im Haus verteilen, …“ Aus medizinischer Sicht ist das ja leider das Einzige, was in einer solchen Situation möglich ist: ein eingeschränktes reaktives Handeln.

Ein Zitat eines Professors für Radiologie damals: „Diese Strahlendosen sind Bagatellen zu jenen Dosen, die Ärzte ihren Patienten aus diagnostischen Gründen zumuten und die auch manche Patienten auf sich nehmen, um sich in Sicherheit wiegen zu können, an keiner ernsten Erkrankung zu leiden.“ Beim Ganzkörper-CT werde eine Strahlenbelastung von 3.000 Millirem wirksam, beim Ganzkörper-Scan 20.000 Nanocurie. Was sagen Sie dazu?

Hans-Peter Hutter rückt Ereignisse um Tschernobyl ins rechte Licht.

Hutter: Während bei Allgemeinmedizinern noch heute ein 0815-Wissen vorherrscht, gibt’s bei den Radiologen zwei Gruppen. Ein erheblicher Teil vertritt wohl die Meinung des Kollegen in dem genannten MT-Artikel. Unter dem Motto: „Was regen Sie sich denn über einen so niedrigen Wert auf?“ Und dann gibt es eine Gruppe, die sicher eine kritischere Haltung dazu entwickelt hat. Der Vergleich des Radiologen hinkt und ist nicht zulässig. Denn man schickt ja nicht jeden Patienten hirnlos ins CT. Nur wenn dies indiziert ist. Damals war die Strahlenbelastung bei einem Ganzkörper-CT ja auch noch viel höher als heute. Es muss eine Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen, nämlich ob es gerechtfertigt ist, den Patienten den Strahlen auszusetzen im Verhältnis zum diagnostischen Mehrwert. Das ist nicht mit einer unfreiwilligen und langfristigen Exposition nach einem Reaktorunfall vergleichbar. Solche Risikovergleiche sind fachlich völlig daneben.

Kleine Strahlendosen fördern eher das Auftreten von Abwehrkräften – steht dann in dem Artikel weiter. Eigentlich brauche es keine Empfehlungen und Verbote …

Hutter: Was soll ich dazu sagen. Sie wissen, unter einer gewissen Intensität der Strahlung, im Niedrigdosisbereich, befindet man sich in einem Bereich, wo Hypothesen dominieren. Die einen behaupten, diese kleinen Dosen regen Reparaturmechanismen an. Andere meinen, dass gerade diese geringen Intensitäten problematischere Folgen für uns haben, da die Zellen nicht absterben, sondern beschädigt werden und so entarten können. Das wird schon lange diskutiert. Im umweltmedizinischen Alltag steht das Radonproblem in Innenräumen im Vordergrund. Bekanntlich existiert für dieses radioaktive Edelgas keine Schwellendosis, bis zu der es für uns harmlos ist. Seitens der IARC wurde es als eindeutig krebserregend eingestuft. Dementsprechend muss angestrebt werden, dass in Häusern so wenig Radon wie möglich vorkommt.

Aber Radontherapien gibt es ja auch noch?

Hutter: Meiner Kenntnis nach kommt es bei einigen schweren Krankheitsbildern wie Morbus Bechterew nach diesen Radonkuren zu einer Besserung und vor allem zu einer Schmerzlinderung. Doch Achtung: Das sind Patienten, die für diesen Benefit auch ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko in Kauf nehmen. Man muss das schon sehr kritisch und im Detail sehen, denn es werden Radonkuren auch zur Therapie verschiedenster Erkrankungen empfohlen – ohne dass ein Nutzen tatsächlich wissenschaftlich abgesichert ist. Das dort eingesetzte Personal muss jedoch Sicherheitsrichtlinien einhalten.

Wenn wir noch mal zu den 1960er Jahren zurückgehen und bis heute schauen: Was hat sich da groß verändert über die Jahrzehnte in der Umwelthygiene?

Hutter: Das Spektrum der Themen hat sich stark verändert und auch innerhalb des jeweiligen Themas hat sich der Fokus verschoben. Zum Beispiel beim Thema „Indoor Air Pollution“. Früher war vor es allem das Formaldehyd, heute sind es Weichmacher und Flammschutzmittel und Fragen rund um die Passivhaustechnologie. Schon in den 1970ern gab es Forschungen zu niederfrequenten elektromagnetischen Feldern – Stichwort Haushaltsstrom. Später ist der ganze Bereich der Telekommunikation dazugekommen: Welche Gesundheitseffekte haben Handys, Basisstationen und Smart Homes? Von athermischen Wirkungen bis hin zur Suchtproblematik. Der Klimawandel ist erst vor rund zehn Jahren in der Öffentlichkeit angekommen. In der Umwelthygiene machen wir schon lange aufmerksam auf die massiven Folgen. Schon in den 1980ern war Klimawandel ein Thema. Wobei man hervorheben muss, dass ökologische Folgen im Vordergrund standen. Umweltschutz hatte damals definitiv eine hohe Bedeutung.

Eine höhere als heute?

Hutter: Ja. Es ging um Ökologie, Biotope, Auwälder, Naturschutz. Seither gibt es einen heftigen Backlash. Wenn man heute Maßnahmen im Sinne des Umweltschutzes setzen möchte, ist es notwendig, Effekte auf die menschliche Gesundheit nachzuweisen. Es geht nicht um die ökologischen Probleme selbst. Dieser Trend ist anscheinend nicht mehr aufzuhalten. Das wird derzeit dadurch unterstrichen, dass Wirtschaftswachstum als Staatsziel in der Verfassung verankert werden soll. Es zeigt sich jedenfalls, dass wissenschaftliche Faktenlage und Evidenz immer weniger zählen. Das beste Beispiel dafür ist das Gezerre rund um die rauchfreie Gastronomie.

Was sagen Sie zum Fall des Nichtraucherschutzes in der Gastronomie?

Hutter: Die politischen Diskussionen machen mich sprachlos. Unkenntnis und „alternative Fakten“ haben auf der politischen Bühne ein fast unglaubliches Niveau erreicht. Mit so viel Unkenntnis würde man kaum durch die Mittelschule kommen. Wissenschaftliche Kenntnisse zum Nichtraucherschutz werden einfach ignoriert oder geleugnet. Es ist bedauerlich und schauerlich zugleich, wie mit mühsam erarbeiteten wissenschaftlichen Ergebnissen umgegangen wird.

Arbeiten Sie noch in anderen Bereichen mit der Onkologie zusammen?

Hutter: Nicht generell, nur themenabhängig wie zum Beispiel beim Mobilfunk, da der Zusammenhang zwischen Handynutzung und Hirntumoren seit Langem ein Thema ist.

In den 1980ern ist auch das „Ökosyndrom“ aufgekommen, die Angst vor Umweltschadstoffen. In einem Artikel von damals wird dies sehr kritisch beschrieben. Wie sehen Sie es heute?

Hutter: Unter der „Chemischen Sensibilität“, MCS, wird eine Vielzahl von unspezifischen Symptomen zusammengefasst, von Befindlichkeitsstörungen, Müdigkeit und Reizerscheinungen bis hin zu Myalgien und mentalen Beeinträchtigungen. Ein Problem ist natürlich die Feststellung, ob tatsächlich die minimalen chemischen Expositionen, die weit unterhalb von Konzentrationen der Vorsorgerichtwerte liegen, diese Symptome hervorrufen können. Oder ob ein psychisches Problem vorliegt? Meiner Ansicht nach vermischt sich das oft: Viele chronisch Kranke haben einen langen Leidensweg hinter sich, der natürlich auch psychisch zusetzt. Da kann die Diagnose MCS eine Erleichterung für sie sein und unser Kausalitätsbedürfnis befriedigen. Aber was dann? Die Situation ist häufig schlimm, denn viele Betroffene können nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz arbeiten und eine medizinische Betreuung ist ebenfalls nicht im erforderlichen Ausmaß vorhanden. In Deutschland sind ein paar Kliniken darauf spezialisiert. Anfragen zum Thema MCS sind heute allerdings auch wieder deutlich seltener.

Ein abschließender Denkanstoß für die Politik?

Hutter: Das Gesundheitswesen wird ausgehungert. Die Regierung hat ja bereits angekündigt, dass nur jede zweite Stelle im öffentlichen Dienst nach Pensionierungen nachbesetzt wird. In Kärnten gibt es jetzt schon keinen Umweltmediziner mehr. Da fragt man sich schon, wen die Menschen bei Fragen zu Umwelt- und Gesundheitsbelastungen kontaktieren sollen. Es geht im öffentlichen Gesundheitsdienst ja zum Beispiel auch um die Kompetenz, Lärm und Luftschadstoffe, Wasserverunreinigungen etc. zu beurteilen – auch in Bewilligungsverfahren. Schon heute heißt es oft, es dauere immer alles so lange. Nun, mit einem Bruchteil von Mitarbeitern wird alles noch viel länger dauern oder gar nicht mehr funktionieren. Wird man dann Betriebe wie Müllverbrennungsanlagen oder Deponien einfach ohne Prüfung bewilligen? Was das für Folgen haben kann, kennen wir ja nicht nur aus anderen Ländern, wenn man an die Mitterndorfer Senke oder diverse Altlasten denkt! Aber das zahlt ja dann die Allgemeinheit.

Zur Person
Assoz. Prof. Priv.-Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter absolvierte ein Doppelstudium Landschaftsökologie und Landschaftsgestaltung (Universität für Bodenkultur) sowie Medizin (Universität Wien). Nach mehrjähriger Tätigkeit als Physikatsarzt im öffentlichen Gesundheitswesen und Leitung der Umweltmedizinischen Beratungsstelle der Stadt Wien kam er 1999 als Universitätsassistent ans Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien, ist seit 2005 Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie mit Schwerpunkt Umwelt- und Präventivmedizin, habilitierte 2010 und ist seit 2015 Oberarzt und stellvertretender Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin (Zentrum für Public Health).
https://zph.meduniwien.ac.at/umwelthygiene

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