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„Ich halte die gegenseitige Anfeindung für falsch“

Asklepios-Gewerkschaftsgründer Dr. Gernot Rainer und die Asklepios-Union-Spitzenkandidatin bei den Wiener Ärztekammerwahlen Dr. Anna Kreil im CliniCum-Interview über die Notwendigkeit neuer Köpfe und transparenter Verhandlungen, über Widersprüche und übereinstimmende Standpunkte mit den noch amtierenden Ärztekammerfunktionären. (CliniCum 3/2017)

Foto: Barbara Krobath

CliniCum: In der letzten CliniCum-Ausgabe sagte Kurienobmann Harald Mayer an gleicher Stelle: „Wir brauchen keine eigene Gewerkschaft für Spitalsärzte. Die Kurie fungiert de facto als eine Art Spartengewerkschaft, deckt alle gewerkschaftlichen Aufgaben ab, ist kollektivvertragsfähig, verhandelt Tarife etc.“ Wozu also Asklepios?

Rainer: Die Argumentation Mayers ist fachlich nicht korrekt. Es stimmt zwar, dass die Kammer grundsätzlich das Recht hat, Ärztegehälter zu verhandeln, der Gesetzgeber räumt aber freien Interessenverbänden eindeutig den Vorrang ein. Wobei die Frage des Kollektivvertragsrechts ohnehin eine eher symbolische ist, weil es auf Spitalsärzte nur selten zutrifft. Die Spitalsärzteschaft ist derzeit massiv zersplittert, viele Interessenvertretungen sind partiell zuständig, YOUNION für Gemeindebedienstete, GÖD für öffentliche Landesbedienstete, VIDA für Mitarbeiter in den Ordensspitälern usw. Aus unserer Sicht würde eine starke einheitliche Spartengewerkschaft daher durchaus Sinn machen.

Die Kammer als Gewerkschaft – die Gewerkschaft tritt bei den Wiener Kammerwahlen an: verkehrte Welt?

Kreil: Wir treten nicht als Gewerkschaft, sondern als eigenständige Fraktion „Asklepios Union – Die Alternative mit Mut“ an. Die beiden Vereine sind rechtlich und auch personell komplett getrennt. Es wird niemanden geben, der in beiden Gremien Spitzenfunktionen hält. Das trennen wir ganz bewusst und strikt. Rainer bleibt Obmann der Gewerkschaft, ich trete als Spitzenkandidatin der Asklepios Union bei den Kammerwahlen an. Es wird immer wieder kolportiert, wir wollen nur in die Kammer, um dadurch die Kollektivvertragsfähigkeit für Asklepios zu erwirken. Das stimmt nicht. Das liegt auch gar nicht in der Hand der Kammer, der Prozessakt liegt derzeit beim Verwaltungsgericht und wird auch dort verhandelt.

Wenn Sie in der Kammer zukünftig mitreden dürfen, wofür werden Sie sich besonders einsetzen?

Rainer: Ziel ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Kammer und Gewerkschaft . Das ist aktuelle nicht gegeben. Ich halte diese gegenseitige Anfeindung für falsch. Ärzte brauchen eine starke Kammer und eine starke Gewerkschaft, die gemeinsam agieren. Kreil: Dazu werden aber wohl auch neue Köpfe an der Spitze des Präsidiums und der Kurien notwendig sein, sowohl als Signal nach innen wie auch nach außen. Gleiches gilt für mehr Transparenz. Jedes Kammermitglied hat das Recht zu erfahren, was in den Verhandlungen ihrer Funktionäre passiert. Eine regelmäßige Erneuerung ist wichtig. Das schreiben wir in unseren Statuten fest. So werden Führungspositionen nach zwei Perioden zwingend neu besetzt. Mein persönliches Wahlziel als Spitzenkandidatin ist es, in eine Funktion zu kommen, wo ich aktiv mitgestalten kann.

Die aktuelle Kampagne der Kammer: „Weniger ist nicht mehr“ wird mit großem personellem wie auch finanziellem Aufwand geführt. Macht sie Sinn?

Rainer: Ich habe bis jetzt nicht wirklich begriffen, worum es geht. Die Intention verstehe ich nicht. Aus meiner Sicht wird sich die Ärztekammer zukünftig jedenfalls deutlich konstruktiver verhalten müssen. Nur auf Missstände hinzuweisen ist zu wenig, es braucht schon auch konkrete Verbesserungsvorschläge.
Kreil: Ich habe oft das Gefühl, die Mentalität der Funktionäre entspricht dem klassischen „Entweder-oder“. Wir leben aber inzwischen in einem Zeitalter, wo es flexible Lösungen braucht. Wir müssen nach Wegen suchen, wie man Bewährtes mit Neuem sinnvoll verbinden kann. Es geht zum Beispiel nicht um die Frage: Einzelpraxen oder Gruppenpraxen bzw. Zentren?, sondern darum, wie man unterschiedliche Versorgungsformen bedarfsgerecht kombinieren kann.

„Wien ist anders!“ – erfährt der Besucher, wenn er in die Bundeshauptstadt einfährt. Das gilt offenbar auch für die Wiener Spitalslandschaft. Warum gelingen anderswo politische Lösungen oftmals deutlich reibungsloser oder konsensueller als in Wien? Liegt das nur an den Besonderheiten der Großstadt oder doch auch an den Verantwortlichen?

Rainer: Wien ist in der Gesundheitspolitik immer einen radikalen Weg gegangen. Während andere Bundesländer den Personalstand erhöht haben, um die reduzierten Arbeitszeiten auszugleichen, versucht Wien, dies mit gleichbleibendem Personalstand zu schaffen. KAV-Generaldirektor Janßen wurde von den politisch Verantwortlichen mit dem klaren Arbeitsauftrag geholt, Kosten einzusparen. Die Konzepte dazu waren also längst in der Schublade des KAV. Jetzt arbeiten die Ärzte in den Wiener Gemeindespitälern in Strukturen, die sie an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Die Reserven sind längst aufgebraucht. Darum reicht schon ein singuläres ungeplantes Ereignis, um zur Eskalation zu führen, wie im Jänner geschehen. Natürlich ist die Wiener Versorgung bettenlastig. Aber das kann man ja nicht ho-ruck-artig ändern. Das bedarf eines langfristigen Prozesses, um die notwendigen Strukturen zu schaffen. Einseitig die Spitalslandschaft auszuhungern, ohne den Bedarf anderswertig abzufangen, das kann nicht funktionieren.

Wien hat seit Kurzem eine neue Gesundheitsstadträtin – Ihr erster Eindruck?

Rainer: Ihre Ankündigung, als Erstes in die Spitäler hineinzugehen, um mit den Mitarbeitern zu reden und sich selbst ein Bild von der Situation zu machen, ist zumindest einmal ein guter Ansatz. Wir brauchen dringend eine neue Gesprächskultur und eine neuen Form der Deeskalation. Und wir brauchen zumindest kurzfristig mehr Personal. Sollten sich eines Tages die Versorgungsstrukturen geändert haben, kommt man vielleicht mit weniger Personal aus, aber solange die Patienten ins Spital drängen, wird es so nicht funktionieren.
Kreil: Vor allem die Probleme bei der Zuweisung und beim Entlassungsmanagement müssen dringend angegangen werden. Erst wenn die gelöst sind, kann man über Einsparungen nachdenken.

Apropos Zuweisung: Mayer kritisiert seit Jahren die „hemmungslose Selbstzuweisung“ als „nicht leistbaren Luxus“.

Rainer: Und er hat damit völlig Recht. Die derzeitige Praxis ist medizinisch nicht sinnvoll und finanziell ein Desaster – und sie ist potenziell gefährlich für jene Patienten, die tatsächlich dringend Hilfe benötigen und warten müssen. Die Spitalsambulanz ist definitiv nicht der richtige Ort für Bagatellfälle, weil dadurch Akutfälle blo­ckiert werden, selbst bei gut funktionierender Triage. Es braucht eine Instanz, die entscheidet, ob ein Spitalsaufenthalt erforderlich und sinnvoll ist. Wer das macht, wie es organisiert wird und wo es angesiedelt ist, ob im niedergelassenen Bereich oder den Spitälern direkt vorgelagerten Allgemeinmedizin-Einrichtungen, ist eine rein finanzielle Frage, für die Patienten letztendlich irrelevant.

Was würden Sie der neuen Stadträtin also ganz oben auf ihre Agenda schreiben?

Rainer: Sie muss dringend etwas gegen die Arbeitsverdichtung unternehmen. Wir haben zu wenig Zeit für unsere Patienten. Das macht sie unzufrieden und demotiviert uns. Und wir haben auch zu wenig Zeit für eine vernünftige Ausbildung der Jungmediziner. Ausbildung bindet Personal und Ressourcen. Das muss in der Personalbedarfsberechnung entsprechend berücksichtigt werden. Das passiert aber leider nicht. Damit bleibt die Ausbildungsreform nichts als ein realitätsfernes Papier. Heute haben die Kollegen ja alle Hände voll damit zu tun, ihr dichtes Tagesprogramm abzuarbeiten: Ambulanzen abzuarbeiten, Visiten abzuarbeiten etc.

kurz und spontan
Assoziationen von Anna Kreil zum Begriff …

Solidarität: … ist so notwendig – vor allem zwischen Spitalsärzten und den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen, weil diese Abgrenzung zum Glück immer durchlässiger wird.

Quotenregelung: …kann als Anstoß sinnvoll sein, um Frauen die notwendige Unterstützung zu geben. À la longue sollte eine moderne Gesellschaft aber nicht darauf angewiesen sein.

Ärztekammerpräsidentin: … wäre ich wahnsinnig gerne, um aktiv gestalten zu können. Es wäre auch ein wichtiges Zeichen, weil die Medizin immer weiblicher wird.

Das Interview führte Volkmar Weilguni