Menü Logo medONLINE.at

Medizin an Klima anpassen

WIEN – Der Klimawandel stellt auch das heimische Gesundheitssystem vor große Herausforderungen, das zeigt der „Österreichische Sachstandsbericht Klimawandel 2014“. Ärzte werden voraussichtlich mit neuen Krankheiten und neuen Patientengruppen rechnen müssen. Auch die Urlaubsplanung muss man künftig vielleicht überdenken.

sky.400

Hitzeperioden werden häufiger, Risikogruppen sollten bekannt sein und betreut werden.

„Im Brennpunkt des Interesses stehen in der nächsten Zukunft vor allem Hitzewellen, insbesondere in den städtischen Ballungsräumen“, informiert Dr. Hanns Moshammer, Umweltmediziner an der Medizinischen Universität Wien und einer der koordinierenden Leitautoren des im September vorgestellten ersten „Österreichischen Sachstandsberichtes Klimawandel 2014“.

„Eine sehr wahrscheinliche Zunahme an Hitzetagen führt zu starken zusätzlichen Belastungen in den besonders gegenüber Herz- Kreislauf-Erkrankungen sensitiven Bevölkerungsschichten (Ältere und chronisch Kranke) und damit zu einer höheren Mortalität“, warnt der Bericht. So wurde etwa im „Jahrhundertsommer“ 2003 in Österreich sowie in ganz Europa eine erhöhte Mortalität insbesondere in der älteren Bevölkerung beobachtet (Bd. 2, S. 650 f.). Hier kämen gerade auch auf Hausärzte wichtige Aufgaben zu, glaubt Dr. Moshammer: „In Italien zum Beispiel gibt es von den städtischen Gesundheitszentren organisierte Informationsnetzwerke, in die die Hausärzte und das mobile Betreuungspersonal eingebunden sind.“

moshammer.123

„Wir werden zunehmend die Ressourcenzuteilung überdenken müssen – nicht nur zwischen den verschiedenen Krankheiten, sondern auch die Verteilung über das Jahr.“
Dr. Hanns Moshammer

Dabei würden alte, gehbehinderte Personen und Menschen mit Vorerkrankungen kartiert, sodass die Einsatzkräfte bei akuten Wetterereignissen wissen, wo besondere Unterstützung und Nachbarschaftshilfe erforderlich sind, um Hilfsbedürftige in gekühlte Räume oder in Sicherheit zu bringen, berichtet Dr. Moshammer: „Ich glaube, dass Hausärzte, die ihre Patienten kennen, in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Organisation solcher Dienste und Netzwerke haben werden.“

Vektoren & Allergene: Veränderte Verbreitung

Mit neuen Herausforderungen ist auch bei Erregern zu rechnen, die durch Lebensmittel und Trinkwasser übertragen werden, da viele von ihnen ihre Wachstumsraten bei steigender Umgebungstemperatur erhöhen. Als für Europa relevante Beispiele nennt der Bericht Salmonellen und Campylobacter sowie Giardien und Kryptosporidien. Verändern wird sich bei steigenden Temperaturen voraussichtlich auch die Aktivität bereits heimischer Zecken, und zwar sowohl regional als auch saisonal. „Auch in höher gelegenen Regionen, wo es bisher noch kein FSME gibt, wird man die Bevölkerung künftig informieren und impfen müssen“, so Dr. Moshammer.

Als sehr sicher gilt eine verstärkte Ausbreitung von Tieren und Pflanzen, die beim Menschen Allergien auslösen können, wie etwa des beifußblättrigen Traubenkrauts oder des Eichenprozessionsspinners. Darüber hinaus weist der Bericht auf ein erhöhtes „Risiko der Ausbreitung von bislang hierzulande nicht vorkommenden Infektionskrankheiten“ hin. Als Beispiele genannt werden Virusinfektionen wie das Denguefieber, das Krim-Kongo Hämorrhagische Fieber oder auch parasitäre Infektionen wie die Leishmaniosen (Bd. 2, S. 651 ff.) „Durch die Klimaveränderung gibt es für manche eingeschleppte oder eingewanderte Vektoren zunehmend die Möglichkeit, sich zumindest vorübergehend im Alpenraum zu halten“, so Dr. Moshammer.

Eine mögliche Maßnahme in diesem Kontext wäre die Einrichtung eines systematischen Überwachungsnetzes mit der Etablierung von Insektenfallen: „So etwas gibt es im landwirtschaftlichen Bereich zur Kontrolle von Schadinsekten, aber nicht zur Überwachung humanmedizinisch relevanter Insekten“, berichtet Dr. Moshammer. Hier sei ein Monitoring-Programm in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft und mit Veterinärmedizinern denkbar: „Nach gewissen Erregern, wie etwa dem West-Nil-Virus, muss man eher in Pferden oder in Vogelkadavern suchen, um die epidemiologische Lage zu ermitteln.“

Anforderungen an die Aus- & Fortbildung

Müssen Ärzte künftig vermehrtes Augenmerk auch auf Tropenmedizin richten? „Hie und da werden wir auch Patienten mit Tropenerkrankungen antreffen und sollten diese als Möglichkeit zumindest im Hinterkopf haben“, so Dr. Moshammer. Für wichtiger hält er jedoch in Aus- und Fortbildung die Berücksichtigung von Ethnomedizin und der Vermittlung kultureller Aspekte: „Das Hauptproblem des Klimawandels wird sich in südlichen Ländern ereignen und wir werden mit verstärkter Migration rechnen müssen.“

Ärzte sollten sich daher in ihrer Ausbildung auch mit den Gesundheitsvorstellungen künftiger Patientengruppen sowie kulturellen Besonderheiten beschäftigen, meint Dr. Moshammer: „Zum Beispiel: Wie kann ich als männlicher Arzt mit einer weiblichen Patientin aus einem anderen Kulturkreis kommunizieren? Das fehlt mir bislang in der Ausbildung.“ Verschieben werden sich künftig auch die saisonalen Schwerpunkte in der Krankheitshäufigkeit: „Noch ist es so, dass wir im Sommer unser Gesundheitssystem teilweise zusperren, da sich die Krankheitslast in der kalten Jahreszeit konzentriert“, so Dr. Moshammer. „Wir werden zunehmend die Ressourcenzuteilung überdenken müssen – nicht nur zwischen den verschiedenen Krankheiten, sondern auch die Verteilung über das Jahr.“

Gefragt ist das Gesundheitssystem jedoch nicht nur, wenn es um Anpassungsmaßnahmen geht: Als wichtiger Wirtschaftszweig müsse es ebenfalls seinen Beitrag leisten, dass sich der Klimawandel nicht beschleunigt, fordert Dr. Moshammer. Überhaupt seien Vorgaben für ein nachhaltiges Gesundheitssystem erstrebenswert: „Es sollte verstärktes Augenmerk auf Vorbeugung gelegt werden, nicht nur wenn es um den Klimawandel geht.“ Beispielsweise sollten Gesundheitsexperten in die Stadtplanung eingebunden werden, wünscht sich Dr. Moshammer.

Info: Österreichischer Sachstandsbericht Klimawandel 2014
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien. Zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit siehe Band 2, pp. 648–695. Zu den möglichen Maßnahmen des Gesundheitssystems siehe Band 3, pp. 937–953. Download unter: www.apcc.ac.at/

Autor: Mag. Petra Vock