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Insulinmenge anpassen

Sport und Typ-1-Diabetes? Alles eine Frage der Einstellung!

Nahaufnahme von Läuferfüßen, die im Herbst laufen, lässt Trainingsübung

Sport und Bewegung ist auch für Menschen mit Typ-1-Diabetes ein wichtiger und bereichernder Teil des Lebens. Damit es nicht zu sportbedingten Stoffwechselentgleisungen kommt, müssen Patienten ihre Therapie anpassen. Moderne Diabetestechnologien helfen dabei.

Bei der Kontrolle ihrer Glukosewerte setzen immer mehr Menschen mit Diabetes auf kontinuierlich messende (CGM) oder intermittierend scannende Systeme (isCGM). Allerdings erfassen die Sensoren den Glukosespiegel im Interstitium, nicht die Konzentration im Blut, erläutert Prof. Dr. Othmar Moser vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Bayreuth. Insbesondere bei körperlicher Aktivität können die Werte, die mittels CGM gemessen werden, und die tatsächliche Blutglukosekonzentration erheblich voneinander abweichen.

Dennoch bietet die CGM- und isCGM-Technologie den Sporttreibenden eine Reihe von Vorteilen:

  • automatischer Alarm bei Hypo- oder Hyperglykämie (CGM)
  • automatischer Alarm bei raschem Anstieg oder Abfall der interstitiellen Glukose (CGM)
  • automatischer Alarm, wenn eine klinisch relevante Hypoglykämie (< 54 mg/dl bzw. 3,0 mmol/l) zu erwarten ist (CGM)
  • Verfügbarkeit der Messwerte, ohne dass der Patient die Aktivität pausieren muss (CGM/isCGM)
  • Glukosewerte können an Trainer, Trainingspartner oder Eltern übermittelt werden

Patienten mit Typ-1-Diabetes, die ihre Stoffwechselerkrankung mithilfe herkömmlicher Blutglukosemessungen überwachen, müssen sich auf körperliche Aktivitäten intensiver vorbereiten als die Träger der CGM-Geräte.

Bolusinsulin auch nach dem Sport verringern

Für sie wird empfohlen, die Bolusinsulindosis mit der letzten kohlenhydratreichen Mahlzeit vor dem Training zu verringern, und zwar je nach Intensität der erwarteten Belastung um bis zu 25 %, 50 % oder 75 %. Auch nach dem Sport sollte das Bolusinsulin reduziert werden. Diese prandialen Insulineinsparungen sind vor allem für Patienten anwendbar, die einen Insulinpen nutzen, kommen aber auch für Pumpenträger infrage.

Typ-1-Diabetiker, die regelmäßig oder lange trainieren und einen Pen nutzen, haben zudem die Möglichkeit, die basale Insulindosis um etwa 25 % zu drosseln, so Prof. Moser. Das beugt insbesondere nächtlichen Unterzuckerungen vor. Pumpenträger können ab etwa 90 Minuten vor den Übungen die Basalrate um bis zu 75 % reduzieren. Wenn gewünscht wird, dass mehr Insulin im Körper zirkuliert, lässt sich die Pumpe während des Sports auch für maximal 60 Minuten abschalten.

Sensorglukose während des Sports
Trendpfeil
Reaktion
< 126 mg/dl
(7,0 mmol/l)

Sport kann fortgesetzt werden

ca. 15 g Kohlenhydrate, Sport fortsetzen
ca. 25 g Kohlenhydrate, Sport fortsetzen

ca. 35 g Kohlenhydrate, Sport fortsetzen

Generell sollte während der Belastung regelmäßig der Blutzuckerspiegel überprüft werden, z.B. alle 15 Minuten. Zusätzlich empfiehlt es sich, je nach Hypoglykämierisiko einen Schwellenwert festzulegen, ab dem schnell wirkende Kohlenhydrate zugeführt werden sollen. Der Experte nennt hierfür folgende Richtwerte:

  • niedriges Risiko ab 125 mg/l (6,9 mmol/l)
  • mittleres Risiko ab 144 mg/dl (8,0 mmol/l)
  • erhöhtes Risiko ab 161 mg/dl (8,9 mmol/l)

Klarer Pluspunkt der CGM- und isCGM-Technologie ist, dass man rückblickend den Verlauf, die aktuelle Sensorglukose und die zu erwartende Entwicklung in From von Trendpfeilen im Blick hat. Somit sind Menschen mit Diabetes – nach entsprechender Schulung – inmstande, Entscheidungen treffen, die sicheres Sporttreiben erlauben.

Zunächst müssen CGM- und isCGM-Träger vor Aufnahme des Trainings zusammen mit dem Behandlungsteam ihr Hypoglykämierisiko abschätzen. Bei geringem Unterzuckerungsrisiko gilt für die meisten Menschen mit Typ-1-Diabetes ein Zielbereich für die Sensorglukose von 126–180 mg/dl (7,0 bis 10,0 mmol/l).

In erster Linie versucht man damit, Hypoglykämien (< 70 mg/dl; 3,9 mmol/l) zu vermeiden. Wird der Schwellenwert von 126 mg/dl (7,0 mmol/l) unterschritten, sollten Kohlenhydrate je nach Trendpfeil eingenommen werden (siehe Tabelle). Sinkt der Wert für die Sensorglukose unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l), müssen der Sport abgebrochen und entsprechende Mengen an Kohlenhydraten aufgenommen werden.

Kleiner Snack kann die Systeme unterstützen

Möchten Typ-1-Diabetiker, die mit einem Hybrid-Closed-Loop-System ausgestattet sind, Sport treiben, sollten sie 120 bis 90 Minuten zuvor ihr System auf einen Glukosezielwert von 150 mg/dl (8,3 mmol/l) einstellen. Die Geräte regulieren die Glukosekonzentration halbautomatisch über die direkte Kommunikation des interstitiellen Glukosesensors mit einer Insulinpumpe.

Grundsätzlich sollten dann während des Trainings keine zusätzlichen Kohlenhydrate erforderlich sein, schreibt Prof. Moser. Doch falls es dem Gerät während der Belastung nicht gelingt, die Sensorglukose durch Insulinanpassung stabil zu halten, können seiner Einschätzung nach kleine Mengen an Kohlenhydraten (etwa 5 g) das Hybrid-Closed-Loop-System dabei unterstützen, den Zielwert von 150 mg/dl (8,3 mmol/l) aufrechtzuerhalten.

Moser O. internistische praxis 2022; 65: 56-66

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