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IHS-Studie

Gastroenterologen warnen vor „Versorgungsdesaster“

Magen-, Darm- und Leberleiden nehmen aus heutiger Sicht bis Ende der Dekade dreimal so stark zu wie andere Erkrankungen. Gleichzeitig schrumpft die Zahl der klinisch tätigen Gastroenterologen und Hepatologen um gut ein Viertel und jene ihrer niedergelassenen Kollegen sogar um 55 Prozent. Mehr als 200 Spitals- und Kassenärzte würden fehlen. Das zeigen aktuelle Analysen des Instituts für Höhere Studien (IHS). Angesichts dieser düsteren Aussichten schlagen erfahrene Mediziner von der Fachgesellschaft ÖGGH Alarm, sie haben aber auch Lösungen parat.  

Fettleber, Divertikulose oder gastrointestinale Infektionen sind bekanntlich bedeutende „Volkskrankheiten“. Weniger bekannt ist allerdings, wie es mit der Versorgung ausschaut – es mangelt wie so oft an Daten. Die Österreichische Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) wollte das ändern und hat daher eine große IHS-Versorgungsstudie* in Auftrag gegeben. Nach zweieinhalb Jahren Datenjagd, die als „sehr schwierig“ bezeichnet wurde, präsentierten zwei aus dem Autorenteam, IHS-Forscherin Mag. Sophie Fößleitner und Dr. Thomas Czypionka, Head of IHS Economics and Health Policy Group, am 07.09.2022 die wichtigsten Ergebnisse, um ein „Versorgungsdesaster“ abzuwenden.

Die Untersuchung setzt sich sowohl aus quantitativen Daten als auch aus qualitativen Analysen zusammen. Quellen für Erstere waren das Gesundheitsministerium, der Dachverband der Sozialversicherung, die Ärztekammern, die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) und die Statistik Austria. Für die qualitativen Daten führte das IHS 13 Interviews mit Experten und Stakeholdern aus dem Bereich der Gastroenterologie und Hepatologie (GEH) aus Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Vieles laufe „informell“ und auf Eigeninitiative einzelner Personen

„Die Aussagen der Interviewten waren sehr unterschiedlich“, berichtete Czypionka, es habe sich eine große Heterogenität zwischen den Regionen bzw. Bundesländern gezeigt. Demnach gibt es in Zentren eine hochspezialisierte GEH-Versorgung, doch die Schwerpunkte der Zentren sind regional verschieden. In der „Peripherie“ könne der Zugang nicht immer gewährleistet werden, insbesondere auch durch Personalmangel. Vieles laufe „informell“ und auf Eigeninitiative, einzelne Gastroenterologen würden versuchen, Versorgungsdefizite auszugleichen.

Als Beispiele bringt Czypionka u.a. die Anzahl der Fachärzte für Innere Medizin mit Abrechnungsbefugnis Gastro-/Koloskopie und ÖGK-Vertrag pro 100.000 Einwohner: Hier rangiert Oberösterreich mit 0,8 ganz unten, während Tirol mit 4,2 Fachärzten an der Spitze liegt. Bei den KH-Aufnahmen wegen chronisch entzündlicher Darmerkrankungen wiederum liegt Niederösterreich mit 82 deutlich über dem Österreich-Schnitt von 60 und doppelt so hoch wie Tirol mit 40.

Bei den abgerechneten Koloskopien mit Polypektomien pro 100.000 Einwohner liegt die Steiermark an der Spitze mit 675, am anderen Ende liegt Niederösterreich mit 311 (bundesweit: 484). Eine Erklärung für diese frappanten Unterschiede konnte nicht gefunden werden. Fakt ist aber, dass damit weder der Zugang noch die Versorgung als „gleichwertig“ für alle bezeichnet werden kann.

83 Spitalsärzte und 144 bis 188 niedergelassene Fachärzte fehlen bis 2030

Fößleitner stellte in Folge die „Gap-Analyse“ vor, das Herzstück der Studie. Hier ging es um die Gegenüberstellung von Angebot und Nachfrage im GEH-Bereich bis 2030. Drei verschiedene Modelle wurden untersucht: ausschließlich angestellte Ärzte (also Spitalsärzte ohne Ordination), Ärzte mit ÖGK-Vertrag und Wahlärzte, wobei nur die Szenarien Spitalsärzte und Kassenärzte auf der Pressekonferenz präsentiert wurden. Die Studie konnte bei Wahlärzten nur das Angebot abschätzen, informiert Fößleitner auf Anfrage der Redaktion, eine Analyse der Nachfrage sei wegen der Abrechnungsmodalitäten nicht möglich gewesen. Das bedeutet, die Ergebnisse der Gap-Analyse betreffen ausschließlich Spitals- und Kassenärzte:

  • Im intramuralen Bereich wird im Jahr 2030 voraussichtlich eine Lücke von 83 Personen klaffen, da die Zahl verfügbarer ÄrztInnen mit GEH-Qualifikation zwischen 2021 und 2030 um 27 Prozent abnimmt, während der Bedarf – abgeleitet aus Nachfrageprognosen des ÖSG (Österreichischer Strukturplan Gesundheit) –überproportional um 4,4 Prozent steigen wird (zum Vergleich: in anderen Fächern steigt der Bedarf um 1,6 Prozent).
  • Im niedergelassenen Bereich könnten in acht Jahren 144 bis 188 Personen fehlen, da die Zahl der VertragsärztInnen, die GEH-Marker-Leistungen mit der ÖGK abrechnen, bis 2030 schrumpft, während die Nachfrage um 4 bis 14 Prozent steigen wird.

Die Schwankungsbreite ergebe sich aus unterschiedlichen Schätzungen der Nachfrage, wobei die „konservativere Schätzung“, also 144 Ärzte, eine Untergrenze sei und die Obergrenze von 188 Ärzten der Fortschreibung der abgerechneten Leistungen der letzten Jahre entspricht. Ohne Gegenmaßnahmen werden in wenigen Jahren 227 bis 271 Ärzte für die Versorgung von GEH-Patienten fehlen.

Vor allem wegen folgender Zahlen – „die vier wichtigsten“ – sieht Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Gschwantler, Noch-Präsident der ÖGGH, Klinik Ottakring – Wiener Gesundheitsverbund, „Hausaufgaben“ für die nächsten Jahre: der Rückgang der Ärzte um 27 Prozent im intra- bzw. um 55 Prozent im extramuralen Bereich „bei gleichzeitig erhöhtem Versorgungsbedarf“ von angestellten GEH-Fachärzten um 4,4 Prozent, während der Bedarf bei anderen Erkrankungen nur um 1,6 Prozent steigt.

ÖGGH wünscht sich Screening wie bei Brustkrebs

Handlungsbedarf ortet Gschwantler vor allem bei drei Krankheitsbildern. Der potenziell zum Tode führende Dickdarmkrebs könnte durch eine rechtzeitige Vorsorgekoloskopie ab dem 50. Lebensjahr in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle verhindert werden. Derzeit gebe es in Österreich aber  – mit Ausnahme von Vorarlberg und Burgenland – kein entsprechendes Screening. Vorsorgekoloskopien würden nur auf „opportunistischer Basis“ durchgeführt, weshalb sich die ÖGGH ein staatlich organisiertes Vorsorgeprogramm ähnlich dem Brustkrebs-Screening wünsche.

Zweitens seien chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) im Zunehmen begriffen, vor allem bei jungen Menschen, die im Arbeitsprozess stehen. Es gebe „hochpotente Therapiekonzepte“, die zwar nicht zu einer Heilung führen, jedoch den Entzündungsprozess hemmen. Daher brauche es wohnraumnahe Versorgung, die eine fachkundige und kontinuierliche Betreuung dieser PatientInnen ermöglichen.

Als drittes Beispiel bringt Gschwantler das metabolische Syndrom, das in der westlichen Welt stark zunimmt, auch mit Leberschäden im Sinne einer „nicht-alkoholischen Fettleber“ (NASH). Da ein Teil der Betroffenen eine Leberzirrhose entwickelt, müsse dies bei der Planung von Gesundheitsleistungen entsprechend berücksichtigt werden.

Der Politik sagen, was die Gastroenterologie und Hepatologie kann

Die Verbesserung der Planung betont auch Univ.-Prof. Dr. Peter Fickert, ÖGGH-Vizepräsident und in Kürze ÖGGH-Präsident, LKH-Universitätsklinikum Graz. „Wir stehen vor einer fehlenden Versorgungsstruktur“, zudem würden weder im ÖSG noch in den regionalen Strukturplänen (RSG) die nötigen Leistungen dargestellt. Generell will sich Fickert dafür einsetzen, die Politik, Kammern, Anbieter wie Krankenkassen, Trägern von Krankenhäusern, etc. zu informieren, „was wir können“.

Als weitere Gegenmaßnahmen nennt der künftige ÖGGH-Präsident die „Attraktivierung unserer Berufsgruppe“ und das Einnehmen einer Vorreiterrolle in der ärztlichen Ausbildung, seien es Austauschprogramme für AssistentInnen oder Train-the-Trainer-Programme, ein österreichweites Netzwerk für AusbildungsoberärztInnen. Qualitätssteigernde Maßnahmen müssten auch honoriert werden, und der Gastroenterologe/Hepatologe als freier Arzt müsse in jeder Hinsicht interessant werden.

„Extrem interessantes Fach“

Die Gastroenterologie und Hepatologie sei ein „extrem interessantes Fach“, aber wie schnell Auszubildende versorgungswirksam werden, hänge von zwei Faktoren ab: erstens der Anzahl der zur Verfügung stehenden Ausbildungsstellen und zweitens auch an entsprechenden Arbeitszeitmodellen. Bei Vollzeit dauere die Ausbildung mindestens sechs Jahre, bei Teilzeit auch länger. Wenn rund 270 Ärzte bis 2030 fehlen, dann sollte die Ausbildung „schon gestern begonnen haben“ – es sei jedenfalls „höchste Zeit“.

Die Versorgungsstudie behandle eine Frage, „die jeden von uns berührt“, betont auch Univ.-Prof. Dr. Rainer Schöfl, ÖGGH-Arbeitsgruppe Standespolitik, Ordensklinikum Linz GmBH, Barmherzige Schwestern. Schöfl, laut Gschwantler der eigentliche Ideengeber der Studie, informiert, dass es in den letzten fünf Jahren jährlich etwa 28 GEH-Absolventen gegeben hat. Fößleitner zufolge müssten daher ab sofort jährlich neun oder zehn Fachärzte im stationären Bereich dazukommen und plus 16 bis 21 im niedergelassenen Bereich.

* Thomas Czypionka, Sophie Fößleitner, Lea Koisser, Monika Riedel, Gerald Röhrling: Gastroenterologische und hepatologische Versorgung in Österreich. Institut für Höhere Studien (IHS), Präsentation am 07.09.2022

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