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Impfstrategie in Österreich

COVID-19-Impfplan: Senioren gehen vor

Am 24.11.2020 präsentierten Gesundheitsministerium und Nationales Impfgremium (NIG) die österreichische SARS-CoV-2-Impfstrategie. Ende Dezember bzw. im Jänner soll Österreich die erste Tranche – eine Million Impfdosen für 500.000 Menschen – erhalten. Zuallererst sind Bewohner und Mitarbeiter in Altenheimen dran sowie Gesundheitspersonal in Spitälern und Hochrisikogruppen, danach der niedergelassene Bereich und systemrelevante Personen. Ab dem zweiten Quartal sollen alle anderen, die wollen, folgen – so der Plan. Angepeilt ist eine Durchimpfungsrate von mehr als 50 Prozent. Nicht aussichtslos, wie eine aktuelle Gallup-Umfrage zeigt. Bis dahin setzt die Regierung unter anderem auf Massentests.

Zuletzt überschlugen sich die positiven Meldungen, was SARS-CoV-2-Impfstoffe betrifft. Ein Hersteller nach dem anderen wartete mit guten Nachrichten auf, wie etwa mit mehr als 90 Prozent Wirksamkeit. Momentan sind drei im „Rolling Review“ der Europäischen Arzneimittelbehörde: BioNTech/Pfizer, AstraZeneca und Moderna. Wen aber die EMA als Erstes auf den Markt lässt, steht noch in den Sternen. Jedoch gilt nun als fix, was Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und sein Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) innerhalb weniger Tage rund um den meteorologischen Herbstbeginn – nicht ohne Schelte von außen – proklamiert haben: Im Jänner geht es los.

Erste Zulassung möglicherweise vor Jahresende

Die ersten Marktzulassungen könnten möglicherweise noch in der zweiten Dezemberhälfte erfolgen, hieß es am 24.11.2020 auf der Pressekonferenz mit Dr. Clemens Martin Auer, Sonderbeauftragter des Gesundheitsministeriums, Priv.-Doz. Mag. Maria Paulke-Korinek, Leiterin Impfabteilung im Gesundheitsministerium und Mitglied des Nationalen Impfgremiums (NIG), und dem Gesundheitsminister.

Auer ist zuversichtlich, dass sogar alle sieben Impfstoffe der EU-Impfstoffbeschaffungsaktion (Details siehe https://medonline.at/10062155/2020/corona-impfung-fuer-alle-eu-buerger-gratis/) von der EMA zugelassen werden: Neben den bereits drei genannten sind dies Impfstoffkandidaten von Johnson & Johnson, Curevac, Sanofi/GSK sowie Novovax. Drei davon sind mRNA-Impfstoffe, zwei vektorenbasiert und zwei proteinbasiert (siehe unten). Weltweit befinden sich von mehr als 200 Impfstoffkandidaten 48 in der klinischen Phase, elf davon in Phase III (Stand 12.11.2020*).

Logistik: Lagerung der mRNA-Impfstoffe in acht Tiefkühlzentren

Alle zugelassenen Impfstoffe hätten eine „garantierte Qualität“, versichert Anschober auf Nachfrage, wer welchen Impfstoff erhält. Ebenso Auer: Es werde keine Qualitätsunterschiede geben, nur „Logistikunterschiede“. Liefert z.B. zuerst BioNTech/Pfizer, sei die Logistik herausfordernder, da der mRNA-Impfstoff bei minus 80 Grad gelagert werden müsse. In Österreich gibt es laut Auer an acht Stellen Möglichkeiten für Tiefkühllagerungen, von wo aus der Impfstoff dann etwa in die Altenheime, Spitäler und größere Impfzentren verteilt wird.

Im Jänner sollen in einer ersten Phase Bewohner über 65 Jahre in Alten- und Pflegeheimen sowie das gesamte Personal geimpft werden. Höchste Priorität haben ebenso Hochrisikogruppen mit definierten Vorerkrankungen sowie Pflege- und Gesundheitspersonal in Krankenanstalten, Ordinationen, Rettungsorganisationen, sozialen Diensten.

In der zweiten Phase, die bereits im Februar beginnen könnte und bis einschließlich April dauern soll, sind alle Personen über 65 Jahre dran sowie Personen mit Systemrisiko in den Bereichen Sicherheit, Justiz, Schulen und Bildungseinrichtungen, kritische Infrastruktur und zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens.

Ab April im niedergelassenen Bereich

Ab dem zweiten Quartal soll dann zusätzlich (zu jenen Gruppen der zweiten Phase) die restliche Bevölkerung geimpft werden – mit Impfmöglichkeiten in Impfzentren, Impfstraßen in den Gemeinden sowie bei den niedergelassenen Ärzten. Da die Impfstoffe in Tranchen eintreffen, dürfte es bis zum dritten Quartal 2021 dauern, bis es ausreichend Impfstoff für alle Menschen in Österreich geben wird.

Impfpflicht soll es keine geben, wie schon mehrmals versichert wurde. Aber Anschober räumt ein: Auch wenn Freiwilligkeit als „Grundprinzip“ gelte, müsse man „ganz offen und ehrlich sagen“, dass es in bestimmten Bereichen „dezidierte Vorgaben“ geben werde. Als „Alternative“ führt der Gesundheitsminister die Verpflichtung zum Tragen von FFP2-Masken an.

„Jeder Impfstoff hilft uns“

Deutlicher wird hier Paulke-Korinek: „Wir sprechen nicht von einem Schnupfen, sondern von einer Erkrankung, an der Menschen sterben.“ Bedenken wegen der neuen mRNA-Impfstoffe räumt sie aus: Die Boten-RNA bilde nur die Spikes von SARS-CoV-2 aus und nicht das Virus selbst, die zur Antikörperbildung anregen sollen. Und egal, welcher Impfstoff – ob mRNA, vektor- oder proteinbasiert – zuerst zugelassen werde: „Jeder Impfstoff hilft uns, schwere Erkrankungen und Todesfälle zu vermeiden.“ Zudem erinnert sie an mögliche Langzeitfolgen von COVID-19, und es sei ja auch nicht so, dass man nach einem Aufenthalt in der Intensivstation gesund herausspaziere.

Erklärtes Ziel von Anschober sei eine hohe Durchimpfungsrate der Bevölkerung von jedenfalls „mehr als 50 Prozent“. Das sei nötig, um die Krankheitslast und das Versorgungsrisiko im Gesundheitssystem minimieren zu können.

Gallup-Umfrage: Impfbereitschaft steigt an

Zuletzt ist tatsächlich die Impfbereitschaft gegen COVID-19 gestiegen. Aktuell sind 56 Prozent der Bevölkerung in Österreich bereit, sich gegen SARS-CoV-2 impfen zu lassen (ein Viertel stimmte voll, knapp ein Drittel eher zu). Das gab das Gallup-Institut in einer Aussendung am 24.11.2020 bekannt. Zum Vergleich: Vor rund zwei Wochen waren es 46 Prozent. Die bevölkerungsrepräsentative Umfrage (n = 1000) wurde für die webaktive Bevölkerung 16+ vom 19. bis 22. November durchgeführt, mit zwei Vergleichswellen: 2. bis 5. Oktober sowie 5. bis 10. November.

„Der Anstieg der Impfbereitschaft erklärt sich einerseits durch die intensive Medienberichterstattung über die Fortschritte bei der Entwicklung der Impfstoffe in den letzten Tagen, andererseits durch die Beschleunigung der Infektionsdynamik“, erklärt Gallup-Institutsleiterin Dr. Mag. Andrea Fronaschütz. Die Bevölkerung nehme wahr, „dass die Infektionszahlen und die Anzahl der Todesfälle in Österreich trotz des erneuten Lockdown gestiegen sind“.

Als Gründe für die Ablehnung der COVID-19-Impfung nannten die Befragten Zweifel bezüglich der Sicherheit (87 Prozent) und Wirksamkeit (69 Prozent) des Impfstoffs, das Misstrauen gegenüber den Pharmaunternehmen (70 Prozent), die Beeinflussung durch die Impfskeptiker sowie die Art der Medienberichterstattung (32 Prozent) über die Impfung. 49 Prozent gehen laut der Umfrage übrigens davon aus, dass das Virus von selbst verschwinden wird.

Die allgemeine Impfbereitschaft betrage in Österreich aktuell 70 Prozent. 7 Prozent erklären sich als strikte Impfgegner. Bei der COVID-19-Impfung steigt der Anteil der expliziten Ablehner auf 18 Prozent. Die Mehrheit der Bevölkerung (68 Prozent) befürwortet die Priorisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen: „Die Österreicher zeigen sich solidarisch mit jenen, die einem besonderen Risiko ausgesetzt sind“, informiert Fronaschütz.

Gegenseitige Solidarität zwischen Jung und Alt

Interessantes Detail: Die Befürworter der Bevorzugung in der Altersgruppe 50+ räumen dem Gesundheits- und Altenpflegepersonal eine höhere Impfpriorität als sich selbst ein und sind deutlich häufiger als Jüngere für einen bevorzugten Impfzugang für Lehrer und Beschäftigte in Kindergärten. Fronaschütz analysiert: „Offenbar hat diese Altersgruppe die Sorge um die Zukunft ihrer Enkel im Fokus. Umgekehrt priorisieren die 16- bis 30-Jährigen am deutlichsten die Älteren.“ Es gebe sozusagen „eine gegenseitige Solidarität“ zwischen diesen beiden Generationen.

Antigen-Tests: Westliche Bundesländer preschen vor

Der Ministerrat hat am 25.11.2020 nicht nur die Impfstrategie beschlossen, sondern auch grünes Licht für die ersten Corona-Massentests (Antigen-Tests von Siemens und Roche) gegeben. Diese starten auf freiwilliger Basis für alle Lehrer und Kindergartenpädagogen am 4. bis 6. Dezember, am 7. und 8. Dezember folgen dann 40.000 Polizisten. Das Bundesheer wird mit mehreren tausend Soldaten sowie Sanitätern die Abwicklung der Massentests unterstützen.

Überraschend kündigten die Bundesländer Vorarlberg, Tirol und Salzburg an, früher mit ihren Testungen für die gesamte Bevölkerung zu beginnen. Bundeskanzler Kurz bezeichnete dies als „Erleichterung“, da der urbane Raum mehr Zeit brauchen würde als die Flächenbundesländer. Vorarlberg und Tirol wollen bereits am ersten Dezember-Wochenende, also gleichzeitig mit den Pädagogen, starten, Salzburg am 12. und 13. Dezember. Die anderen Bundesländer folgen kurz vor Weihnachten.

Kurz kündigte auch an, dass der Ministerrat nächste Woche einen Öffnungsplan nach dem Lockdown 2 beschließen werde. Fix sei aber schon, dass zuerst die Schulen und der Handel – „mit den entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen“ öffnen sollen. Genaueres wird von Bildungsminister Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann nächste Woche bekanntgegeben.

*https://www.who.int/publications/m/item/draft-landscape-of-covid-19-candidate-vaccines

16,5 Millionen Impfdosen für Österreich fix

Im Rahmen des Impfstoffbeschaffungsprogramm konnten mit bereits fünf der sieben Impfstoffanbieter fixe Vorkaufsverträge auf EU-Ebene abgeschlossen werden, mit den restlichen beiden (Moderna, mRNA, und Novovax, Protein-Subunit) ist die EU über weitere zwei Millionen Dosen in Verhandlung:

AstraZeneca (Viral-Vector): 6 Mio. Dosen

Sanofi (Protein-Subunit): 1,5 Mio. Dosen

Johnson & Johnson (Viral-Vector): 2,5 Mio. Dosen

BioNTech/Pfizer (mRNA): 3,5 Mio. Dosen

CureVac (mRNA): 3 Mio. Dosen

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