Weichen stellen für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung
Die Bundesregierung ist seit einem Jahr im Amt und steht vor vielen Herausforderungen, auch im Gesundheitsbereich: Welche Maßnahmen dringend umgesetzt werden müssten, diskutierten Stakeholder und Experten auf der Jahres-Pressekonferenz von Praevenire.

Dr. Hans Jörg Schelling, Präsident von Praevenire, betonte einleitend die Notwendigkeit und Dringlichkeit von Gesundheitsreformen, da das gesamte System aufgrund der angespannten Budgetlage und der demografischen Entwicklung stark unter Druck steht. Dabei sei es erfreulich, dass die Politik dies auch erkannt habe und immer wieder Forderungen der Gesundheitsplattform Praevenire aufgreife und umsetze. „Aber wir dürfen uns nicht in einzelnen Mosaiksteinen verlieren, sondern müssen das große Ganze in Angriff nehmen“, mahnte Dr. Schelling.
Themen, die dringend angegangen werden müssten, seien u.a. die Etablierung von einheitlichen digitalen Systemen für alle Versorgungsebenen landesweit, sodass Daten leicht übertragbar sind, die Regelung der Kompetenzen der einzelnen Gesundheitsberufe, die Definition von klaren Patientenpfaden, der Ausbau der Vorsorge sowie eine gemeinsame Planung und die Finanzierung aus einem Topf (die bereits seit 40 Jahren diskutiert wird!).
Bundesministerin Korinna Schumann unterstrich die Bereitschaft der Regierung, die Reformprozesse trotz des schwierigen Budgetumfelds fortsetzen zu wollen, um eine gute solidarische Versorgung der Bevölkerung weiter abzusichern. „Das soziale Netz muss trotz Sparkurs stabil bleiben“, betonte Schumann. Die Primärversorgung inklusive Prävention soll ausgebaut werden, die Pflege gestärkt und die soziale Sicherheit gewährleistet bleiben. Ziel sei „ein modernes Gesundheitssystem, das allen Menschen unabhängig von Einkommen und Lebenssituation zugutekommt“.
Wichtige Rolle der Sozialversicherung
Mag. Claudia Neumayer-Stickler, Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger und Leiterin des Referats für Gesundheitspolitk im ÖGB, umriss die tragende Rolle der Sozialversicherung in Gesundheits- und Sozialpolitik. „Die Sozialversicherung ist mehr als Verwaltung, sie ist ein Versprechen der solidarischen Absicherung, die Menschen schützt und Ungleichheiten ausgleicht“, sagte Mag. Neuermayer-Stickler.
Ein Schwerpunkt für die kommenden Jahre wird die Digitalisierung sein – „eine Digitalisierung, die den Menschen und der Entlastung dient und kein Selbstzweck ist“, so Mag. Neumayer-Stickler. Ausgebaut werden soll auch die niedergelassene Versorgung, hier v.a. die Primärversorgungseinheiten (PVE), von denen es in Österreich derzeit bereits 112 gibt. Weiters sollen bessere Versorgungspfade etabliert und die Prävention (Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen) forciert werden. Eine weitere maßgebliche Aufgabe ist die Gewaltprävention am Arbeitsplatz, wobei Gewaltvorfälle zunehmend verbale und psychische Angriffe sowie sexuelle Belästigung umfassen. Hier müsse die Sozialversicherung Schutzmaßnahmen verankern.
Die schwierige finanzielle Situation ist eine große Herausforderung für die Sozialversicherung. Eine Leistungskürzung wäre sozialpolitisch aber der falsche Weg, so Mag. Neumayer-Stickler, daher seien Reformen und Effizienzsteigerung nötig.
Tagesmedizin trägt zur Entlastung bei
Großes Einsparungspotenzial bietet auch die Tagesmedizin, wie Dr. Lisa Leutgeb, Ärztekammer Wien und Fachärztin für Psychiatrie in Ausbildung an der Klinik Floridsdorf, darlegte. Der technische Fortschritt hat dazu beigetragen, dass viele Eingriffe heute in der Tagesmedizin vorgenommen werden können. So werden Katarakt-Operationen heute zu 95% tagesmedizinisch durchgeführt. 2024 gab es 17% weniger stationäre und 26% mehr tagesmedizinische Eingriffe als 2000. Komplexe Eingriffe werden jedoch weiterhin stationär durchgeführt, ebenso Eingriffe, bei denen nachfolgend Pflege benötigt wird. „Tagesmedizin, wenn möglich, stationär, wenn nötig“, brachte es Dr. Leutgeb auf den Punkt.
Besondere Aspekte der Frauen- und der Männergesundheit
Zum Thema Frauengesundheit sprach Univ.-Prof. Dr. Petra Kohlberger, Klinische Abteilung für Allgemeine Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie, AKH/MedUni Wien, und setzte sich mit Körpernormen und -bildern auseinander. Sie forderte mehr Transparenz und Qualitätskontrolle bei ästhetischen Eingriffen, so auch in der weiblichen Genitalchirurgie. „Ein nationales Qualitätsregister für ästhetische Behandlungen ist notwendig, um Patientensicherheit zu gewährleisten“, sagte Prof. Kohlberger. Immerhin hat Österreich bereits seit 2013 ein Gesetz über die Durchführung von ästhetischen Behandlungen und Operationen (ÄsthOpG) und ist damit Vorreiter in Europa. „Gleichzeitig müssen wir Frauen stärken, selbstbestimmte Entscheidungen – unbeeinflusst von dritten Personen und sozialen Medien – zu treffen“, ergänzte die Gynäkologin.
Im Bereich Männergesundheit verwies Univ.-Prof. DDr. Shahrokh F. Shariat, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Urologie, auf die wachsende Bedeutung von Prostatakrebs als häufigste Krebserkrankung beim Mann (7500 Diagnosen pro Jahr mit stark steigender Tendenz). Er plädierte für ein österreichisches nationales Programm für ein organisiertes Prostata-Screening. Dafür sprächen eine nachgewiesene Senkung der Sterblichkeit, eine bessere Therapie durch frühzeitiges Erkennen, sozioökonomische Fairness und kostengünstige Durchführbarkeit. Durch PSA-Tests konnten die Todesfälle um 51% verringert werden. Allerdings besteht bei opportunistischem Screening die Gefahr der Überdiagnostik und Übertherapie. Ziel ist es, nur klinisch relevante Karzinome zu erkennen und zu behandeln, und dies wird mit einem organisierten Screening, das auch eine MRT-Untersuchung integriert, viel besser erreicht.
Österreich ist derzeit das einzige EU-Land, das die Empfehlung der EU für ein organisiertes, risikoadaptiertes Screening nicht umsetzt. Österreichische Fachgesellschaften, Systempartner und Patientenvertreter haben vor Kurzem einen Screening-Pathway entwickelt, um Betroffene, die eine Therapie benötigen, herauszufiltern. Barrieren für die Umsetzung seien noch die fehlende politische Unterstützung und das fehlende Know-how bei Ärzten, so Prof. Shariat.
Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch
„Zur psychischen Gesundheit gibt es in Österreich leider nur sehr wenige Daten. Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass sie der häufigste Grund für Krankenstandstage sind und die größte Krankheitslast verursachen“, konstatierte Dr. Georg Psota, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. An vorderster Stelle rangieren hier unipolare depressive Erkrankungen, Alzheimer und andere Demenzen sowie Alkohol und andere Süchte. Demenz bezeichnete der Psychiater als „eine demografische Bombe“, da aufgrund der Demografie die Zahl der Demenzkranken ansteigt, während die der potenziellen Versorger abnimmt.
Dr. Psota verwies auch darauf, dass psychische Krankheiten oft schon sehr früh beginnen (Angststörungen bereits ab 5 Jahren, Suizid als häufigste Todesursache bei den 12- bis 18-Jährigen), und es daher besonders wichtig sei, „auf die Kinder zu schauen“. Social Media sollte vermehrt für Gesundheitsaufklärung genützt werden, während die Kinder und Jugendlichen soziale Beziehungen im realen Leben und nicht in den sozialen Medien pflegen sollten. Und psychosoziale Versorgungsangebote für Kinder und Jugendliche sowie im peri- und postpartalen Bereich müssten dringend ausgebaut werden.
Hohe Krankheitslast durch Lungenerkrankungen
Auch Lungenerkrankungen sind hierzulande weit verbreitet (ca. 1 Million Betroffene und 19.000 Todesfälle pro Jahr) und verursachen hohe Kosten von rund 17 Mrd. Euro jährlich, wie Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie, Klinik Floridsdorf, erläuterte. Am häufigsten treten Asthma, COPD und Pneumonie auf, und Lungenkrebs fordert jährlich 4000 Todesopfer, die höchste Zahl unter allen Krebserkrankungen. Dabei sei auch zu beachten, dass die weibliche Lunge empfindlicher auf Schadstoffe reagiere, aber geschlechtsspezifische Unterschiede in der Diagnose und Therapie noch viel zu wenig berücksichtigt werden.
Die Hauptursache für Lungenerkrankungen ist das Rauchen. Rund 20% der Jugendlichen rauchen, und es werden häufig auch alternative Produkte wie Vapes oder Nikotinbeutel konsumiert. „Das ab 1. April geltende Tabakmonopolgesetz sieht allerdings striktere Regeln für diese Produkte vor“, merkte Doz. Valipour positiv an. Er forderte jedoch weitere Präventionsmaßnahmen seitens der Politik: strengere Tabakpolitik, Gütesiegel für Luftqualität, Disease Management Programm für COPD und Ausbau der Früherkennung, etwa durch organisiertes Low-Dose-CT-Screening und bessere Lungenfunktionsdiagnostik in der Primärversorgung.
Hörgesundheit: Schäden verhindern und ausgleichen
Für eine lebensbegleitende Vorsorge im Bereich Hörgesundheit sprach sich Dr. Harald Schlögel aus. Er ist Facharzt für HNO und Phoniatrie sowie Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich. Das Hörscreening-Programm für Säuglinge wurde 1996 eingeführt und im Mutter-Kind-Pass verankert. Damit kann man bei Hörschäden bereits ab dem sechsten Lebensmonat eingreifen. Somit sind schwere Störungen der Sprachentwicklung und der kognitiven Entwicklung zu verhindern. Lärmschäden infolge von Arbeitslärm sind zu melden, und die Betriebe müssen einen Lärmschutz installieren. Bei der Generation 60plus kommt es zu altersbedingten Hörverlusten, hohe Töne gehen verloren. Hörgeräte sollten zeitgereicht angepasst werden, denn Hören ist Kommunikation, und schlechtes Hören trägt zu Demenz und Einsamkeit bei. „Hörgeräte müssen entstigmatisiert werden, sie sollten so selbstverständlich wie eine Brille sein“, sagte Dr. Schlögel.
Arbeitsmedizin stärken
Für eine Stärkung der Rolle der Arbeitsmedizin sprach sich Dr. Eva Höltl, Health Center, Erste Bank Group AG, aus. In Österreich betreuen 1000 Arbeitsmediziner rund 4 Millionen Erwerbstätige. „Doch es gibt leider viele vertane Chancen in der Arbeitsmedizin“, erklärte Dr. Höltl. Denn die Arbeitsmediziner müssen sich an rigide gesetzliche Regelungen hatten und dürfen bspw. nur bei Berufskrankheiten impfen. Damit gehe viel Potenzial verloren. Dr. Höltl wünscht sich 10% Autonomie in der Arbeitsmedizin, die etwa für Impfungen oder Lehrlingsberatung sinnvoll genützt werden könnte. Außerdem müsste die veraltete Liste der Berufskrankheiten dringend angepasst werden. Derzeit liegen die Agenden für Arbeit und Gesundheit in einem Ministerium. Das könnte eine Chance für Verbesserungen in diesem Bereich sein, hofft die Arbeitsmedizinerin.
Zukunftsperspektiven und Handlungsauftrag
Abschließend unterstrich Sebastian Hochreiter, Student an der MedUni Wien, die Bedeutung von Innovation und Zukunftsperspektiven. „Österreich muss Innovationen in Medizin und Medizintechnik stärker selbst entwickeln und zugleich junge Perspektiven in gesundheitspolitische Entscheidungen einbinden.“
Die Praevenire Jahres-Pressekonferenz 2026 formuliert damit einen klaren Handlungsauftrag: Die Analysen liegen vor, viele Lösungsansätze sind evidenzbasiert ausgearbeitet. Nun ist die Politik gefordert, diese konsequent umzusetzen und die strukturellen Weichen für ein nachhaltiges, leistungsfähiges und gerechtes Gesundheitssystem zu stellen.
Quelle: Praevenire Jahres-Pressekonferenz 2026, Wien, 1.4.2026
