
Warum neurologische Erkrankungen häufiger werden
Die Prävalenz von neurologischen Erkrankungen nimmt zu. Inwieweit dies auf eine höhere Zahl an Neuerkrankungen oder auf eine verbesserte Überlebensrate nach Diagnose zurückzuführen ist, ist unklar. Eine Analyse von Registerdaten zeigt nun verschiedene Muster.

Grund für den Prävalenzanstieg bei Multipler Sklerose (MS) ist vor allem ein längeres Überleben nach Diagnosestellung. Bei Motoneuron-Erkrankungen (MNE) steht dagegen tatsächlich eine zunehmende Inzidenz im Vordergrund. Bei Parkinson stieg die Prävalenz moderat, obwohl die Inzidenz zurückging.
Die retrospektiven, populationsbasierten Kohorten umfassten die schwedische Bevölkerung für den Zeitraum 2003 bis 2016 sowie die französische Bevölkerung für 2011 bis 2022. Untersucht wurden zeitliche Trends der Prävalenz, der rohen sowie alters- und geschlechtsstandardisierten Inzidenz, des Alters bei Diagnose und der Lebenserwartung nach Diagnosestellung.
Über den jeweiligen Beobachtungszeitraum nahm die Prävalenz bei allen drei neurologischen Erkrankungen signifikant zu. Im gepoolten Modell betrug der jährliche Anstieg:
- 1,4% bei der Parkinson-Erkrankung (Prävalenzrate [PR] 1,014; 95%-KI 1,014–1,014; p <0,001),
- 2,9% bei MS (PR 1,029; 95%-KI 1,028–1,029; p <0,001) und
- 2,8% bei MNE (PR 1,028; 95%-KI 1,026–1,030; p <0,001).
Parkinson: Mehr Betroffene trotz sinkender Inzidenz
Bei der Parkinson-Erkrankung blieb die rohe Inzidenz über den 20-jährigen Untersuchungszeitraum weitgehend stabil. In der gepoolten Kohorte zeigte sich ein geringer, aber signifikanter Rückgang (Inzidenzratenverhältnis [IRR] 0,998; 95%-KI 0,997–0,999; p <0,001).
Noch deutlicher wurde die Entwicklung nach Berücksichtigung von Alter und Geschlecht. Die standardisierte Inzidenz sank jährlich um rund 1,4 % (IRR 0,986; 95%-KI 0,985–0,987; p <0,001). Warum sie zurückging, lässt sich aus den Registerdaten nicht ableiten. Die Forschenden diskutieren unter anderem Veränderungen der Exposition gegenüber Risikofaktoren sowie eine höhere diagnostische Spezifität.
Das Alter zum Diagnosezeitpunkt blieb über den Untersuchungszeitraum bemerkenswert konstant und lag im Median bei 75,1 Jahren in Schweden beziehungsweise 76,1 Jahren in Frankreich. Für die steigende Prävalenz lieferte das Alter bei Diagnose daher keine Erklärung.
Ein Faktor könnte das Überleben sein. Zwischen 2003 und 2013 nahm die Lebenserwartung nach Parkinson-Diagnose zwar um 0,95 Monate pro Kalenderjahr zu (p <0,001). In der folgenden Periode von 2013 bis 2022 änderte sich die Entwicklung jedoch: Die Lebenserwartung sank um 1,20 Monate pro Jahr (p = 0,002). Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren könnte dieser Umschwung zur jüngsten Stabilisierung der Prävalenz beigetragen haben.
Multiple Sklerose: Prävalenzanstieg durch längeres Überleben
Ein anderes Bild zeigte sich bei MS. Hier stieg die Prävalenz mit jährlich 2,9% besonders deutlich, während gleichzeitig weniger neue Erkrankungen auftraten. Die rohe Inzidenz sank im gepoolten Modell um 0,8% pro Jahr (IRR 0,992; 95%-KI 0,990–0,994; p <0,001). Auch nach Alters- und Geschlechtsstandardisierung war die Entwicklung rückläufig (IRR 0,995; 95%-KI 0,993–0,997; p <0,001).
Das Alter bei Diagnosestellung entwickelte sich zwischen den Ländern unterschiedlich. Während sie in Frankreich weitgehend stabil war, sank das mediane Diagnosealter in Schweden zwischen 2003 und 2016 um fünf Jahre von 45,3 Jahren (IQR 35,3–55,7) auf 40,3 Jahre (IQR 30,0–51,7).
Die Lebenserwartung nach der Diagnose nahm hingegen deutlich zu. Im gepoolten Modell verlängerte sie sich um 2,35 Monate pro Kalenderjahr (p <0,001). Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren erklärt vor allem das verbesserte Überleben den Anstieg der MS-Prävalenz.
Als mögliche Gründe nennen die Autorinnen und Autoren Fortschritte bei der Behandlung, insbesondere den verbesserten Zugang zu krankheitsmodifizierenden Therapien. Die wiederholten Überarbeitungen der McDonald-Kriterien könnten eine frühere Diagnosestellung ermöglicht haben.
Motoneuronerkrankungen: Mehr Neuerkrankungen als wesentlicher Treiber
Bei MNE war die Situation wiederum eine andere. Hier stiegen sowohl Prävalenz als auch Inzidenz. Im gepoolten Modell nahm die rohe Inzidenz jährlich um 1,8% zu (IRR 1,018; 95%-KI 1,013–1,022; p <0,001). Auch die alters- und geschlechtsstandardisierte Inzidenz stieg, wenn auch weniger stark, um 0,8% pro Jahr (IRR 1,008; 95%-KI 1,004–1,012; p <0,001).
Anders als bei MS verbesserte sich die Lebenserwartung nach Diagnose weniger. Über den gesamten Beobachtungszeitraum stieg sie im gepoolten Modell um 0,34 Monate pro Kalenderjahr (p = 0,01). Dieser vergleichsweise geringe Zugewinn reicht nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren nicht aus, um den deutlichen Prävalenzanstieg zu erklären. Sie sehen daher die zunehmende Inzidenz als wesentlichen Treiber.
Dass die standardisierte Inzidenz ebenfalls zunahm, spricht zudem gegen eine Erklärung allein durch die Alterung der Bevölkerung.
Welche Faktoren hinter der Entwicklung stehen, bleibt allerdings offen. Die Forschenden diskutieren unter anderem Umweltfaktoren und Unterschiede beim Zugang zur Gesundheitsversorgung. Einen kausalen Zusammenhang konnten sie mit den vorliegenden Registerdaten jedoch nicht nachweisen.
Aussagekraft und Grenzen
Eine Stärke der Untersuchung liegt in der populationsweiten Erfassung der Prävalenz von neurologischen Erkrankungen über nationale Gesundheitsregister. Gleichzeitig weisen die Forschenden auf Unterschiede zwischen den Datensätzen, bei Kodierungspraktiken und beim Zugang zur spezialisierten Versorgung hin. Die Daten enthielten zudem keine präzisen Angaben zum klinischen Erkrankungsbeginn.
Auch die Übertragbarkeit bleibt begrenzt: Die Untersuchung erfasste zwei einkommensstarke europäische Länder mit universeller Gesundheitsversorgung. Bei den Motoneuronerkrankungen bleibt insbesondere offen, inwieweit die beobachteten Trends auf andere Regionen übertragbar sind. Zudem umfasste der französische Untersuchungszeitraum die Covid-19-Pandemie, die Mortalität und Versorgung beeinflusst haben könnte.
Die Ergebnisse verdeutlichen allerdings, dass Veränderungen der Prävalenz nicht isoliert interpretiert werden sollten.
Guinebretiere O et al., Drivers of Rising Prevalence in Major Motor Neurodegenerative Diseases - Temporal Trends in Sweden and France (2003–2022). Neurology 2026; doi: 10.1212/WNL.0000000000218072
