27. Juli 2026Komplexe Wechselwirkungen

Der Klimawandel verändert das Allergie-Risiko

Der Klimawandel verändert nicht nur das Wetter, sondern zunehmend auch das Allergie-Risiko. Längere Pollensaisonen, aggressivere Allergene und steigende Luftverschmutzung belasten Millionen Menschen und entwickeln sich zu einer wachsenden Herausforderung für die öffentliche Gesundheit. Ein aktuelles Positionspapier fasst nun die neuesten Erkenntnisse zu Klimawandel, Luftqualität und Pollenallergien umfassend zusammen.

Der Klimawandel beeinflusst das Allergie-Risiko.
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Allergische Erkrankungen gehören weltweit zu den wichtigsten chronischen Gesundheitsproblemen, schreiben PD Dr. Jobst Augustin vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Team. Besonders häufig ist die allergische Rhinitis, die meist durch luftgetragene Pollen verursacht wird. Neben der genetischen Veranlagung scheinen vor allem Umweltfaktoren eine immer stärkere Rolle zu spielen. Klimawandel, Wetterextreme und Luftverschmutzung verändern Biosphäre und Biodiversität, was direkte Folgen für die menschliche Gesundheit hat.

Längere Pollensaison, höhere Belastung

Höhere Durchschnittstemperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und zunehmende Extremwetterereignisse verändern die Blühzeiten vieler Pflanzenarten. Dadurch beginnt der Pollenflug häufig früher und dauert länger an, was insgesamt eine verlängerte Allergenbelastung bedeutet. Baumpollen treten zunehmend früher im Jahr auf, während krautige Pflanzen teilweise bis in den Herbst hinein Pollen freisetzen. Die Pollensaison ist dabei nicht immer identisch mit der lokalen Blütezeit, da Pollen über weite Strecken transportiert werden können.

Zudem können höhere CO₂-Konzentrationen und steigende Temperaturen die Pollenproduktion sowie den Allergengehalt einzelner Pflanzen deutlich erhöhen. Dies ist insbesondere in Städten relevant, denn dort können höhere CO₂-Werte und Wärmeinseleffekte das Wachstum, die Blüte und die Pollenproduktion allergener Pflanzen zusätzlich verstärken.

Darüber hinaus beeinflusst der Klimawandel auch die geografische Verbreitung verschiedener Pflanzenarten. Kälteangepasste Arten wie die Birke könnten in unseren Breiten zurückgedrängt werden, während mediterrane Pflanzen wie der Olivenbaum, Ambrosia (Ragweed) oder Glaskraut zunehmend nach Norden vordringen. Dadurch entstehen neue Sensibilisierungsmuster in Bevölkerungen, die zuvor kaum mit diesen Allergenen in Kontakt gekommen sind. Die Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass sich invasive Pflanzenarten zukünftig in Europa noch stärker ausbreiten werden. Vor allem Ambrosia gilt wegen ihres sehr hohen allergenen Potenzials als zunehmende gesundheitliche Bedrohung.

Der Klimawandel verändert die Luftqualität

Ein weiterer zentraler Aspekt ist der Zusammenhang von Klimawandel und Luftqualität. Meteorologische Bedingungen wie Temperatur, Sonneneinstrahlung, Wind oder Luftfeuchtigkeit beeinflussen die Konzentration von Luftschadstoffen wie Stickstoffoxiden (NOx), Ozon (O₃) sowie Feinstaub (PM).

Stickstoffoxide entstehen vor allem durch Verbrennung, besonders im Verkehr und in urbanen Räumen. Höhere Temperaturen und eine stärkere Sonneneinstrahlung fördern die Bildung bodennahen Ozons, während Trockenheit, Bodenerosion sowie Wald- und Flächenbrände die Feinstaubbelastung erhöhen. Feinstaub besteht aus sehr unterschiedlichen Partikeln, darunter Ruß, Mineralstaub, Meersalz, Pollen und sekundäre Partikel. Insbesondere Rußpartikel haben erhebliche gesundheitliche Auswirkungen und beeinflussen gleichzeitig das Klima, da sie den Treibhaus­effekt verstärken.

Der Umstieg von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien senkt zwar Emissionen aus Verbrennungsprozessen deutlich, gleichzeitig entstehen durch die Elektro­mobilität neue Umweltprobleme. Zwar verursachen Elektrofahrzeuge weniger Abgase, ihr höheres Gewicht führt jedoch zu verstärktem Reifen- und Straßenabrieb, welche einer wichtigen Quelle von Mikroplastik und groben Feinstaubpartikeln darstellen.

Städte sind besonders betroffen

Städte weisen höhere Temperaturen, stärkere Luftverschmutzung und veränderte Luftströmungen auf. Die urbane Begrünung gilt deshalb als wichtige Anpassungsstrategie gegen Hitze. Allerdings können ungeeignete Pflanzenarten die Pollenbelastung weiter erhöhen. Die Autorinnen und Autoren fordern deshalb ein Umdenken in der Stadtplanung und das
Einbeziehen allergologischer Kriterien bei der Begrünung urbaner Räume.

Luftverschmutzung macht Pollen aggressiver

Für Allergikerinnen und Allergiker besonders relevant ist die Tatsache, dass Luftschadstoffe die Allergenität von Pollen erheblich verstärken können. Sie verändern nicht nur die Struktur von Pollen, sondern auch deren Proteinmuster sowie die Freisetzung allergener Bestandteile. Gleichzeitig verursachen sie oxidativen Stress und schädigen das respiratorische Epithel, wodurch Allergene leichter in die Atemwege eindringen können.

Feinstaubpartikel besitzen darüber hinaus selbst immunmodulatorische Eigenschaften. Insbesondere Dieselabgaspartikel fördern Th2-dominierte Immunreaktionen und verstärken allergische Entzündungen der Atemwege. Allergene können sich zudem an Feinstaubpartikel anlagern und so tiefer in die Bronchien und Alveolen vordringen und Entzündungen auslösen.

Das sogenannte „Thunderstorm Asthma“ zeigt besonders drastisch, wie Klimawandel, Extremwetter und Pollenbelastung zusammenwirken können. Gewitter können Pollen in mikroskopisch kleine Partikel zerlegen, die tief in die Bronchien eindringen. Gewitterasthma ist bisher zwar selten, kann aber viele Betroffene gleichzeitig treffen und Gesundheitssysteme akut überlasten. Die Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass solche Ereignisse durch den Klimawandel künftig häufiger auftreten werden.

Neben den klassischen allergischen Atemwegserkrankungen könnten aber auch pollenassoziierte Nahrungsmittelallergien in Zukunft häufiger werden. Gleichzeitig sehen die Autorinnen und Autoren erheblichen Forschungsbedarf hinsichtlich regionaler Unterschiede, der komplexen Wechselwirkungen zwischen Luftschadstoffen und Allergenen sowie möglicher langfristiger Gesundheitsfolgen.