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Jesus, go home!

Wir schreiben das Jahr 2018 und der liebe Gott möchte seinen Sohn auf die Erde schicken. Kurz hatte er überlegt, ob er nicht lieber seine Tochter schicken sollte, hat sich dann aber dagegen entschieden. Irgendwie ist diese Welt zum allergrößten Teil kein guter Platz für Frauen. Also sitzt er vor dem Globus und überlegt. Als Erstes fällt seine Wahl auf Afrika. Ein wunderschöner, uralter Kontinent, voller Schätze und Reichtümer. Bei näherem Hinsehen muss er sich aber eingestehen, dass Afrika kein Platz ist, seinen Sohn dort heranwachsen zu sehen. Viel zu riskant.

Die Wahrscheinlichkeit, dass er das erste Lebensjahr aufgrund von Infektionserkrankungen und Mangelernährung nicht überlebt, ist astronomisch hoch. Und wenn er doch das Glück hat, ins Schulalter zu kommen, ist womöglich keine Schule da. Stattdessen droht die Zwangsrekrutierung als Kindersoldat. Und selbst wenn er es bis ins Erwachsenenalter schafft – er wird unter Armut und Hunger leiden. Denn all die Reichtümer und Schätze sind längst gestohlen. Europäer, Amerikaner und Chinesen sind die neuen Eigentümer. Möglicherweise würde er sogar verdursten, da Konzerne sogar das Grundwasser geklaut haben, es abpumpen und gewinnbringend in Flaschen gefüllt verkaufen. Er würde zu früh sterben, ohne dass jemals jemand von ihm gehört hat, seine Tiere würden verenden und sein Land kahle und leere Wüste sein. Wenn dieser Sohn aber auf die Idee käme, Afrika zu verlassen und nach einem besseren Leben zu suchen, würde er es wahrscheinlich nicht übers Mittelmeer schaffen.

Sein Boot könnte kentern und er würde elendiglich ersaufen. Keine schöne Zukunftsperspektive. Also fällt Gottes Blick auf Mittelamerika. Schon wieder dasselbe Problem mit der Säuglingssterblichkeit und der Mangelernährung. Und statt die Schule zu besuchen, würde sein armer Junge einer Gang beitreten müssen, um zu überleben. Und stehlen und töten lernen. Keine Berufsperspektive für Gottes Sohn. Also überlegt sich Gott, dass vielleicht abgelegenere Gegenden idealer für das Heranwachsen seines Kindes wären. Er findet schöne Plätze bei indigenen Völkern in Südamerika. Das Blöde ist, dass die auch gerade vertrieben werden beziehungsweise ihr Land zerstört wird. Denn unter ihren ehemaligen Weiden befinden sich seltene Erze und Erden. Stoffe, die die modernen Menschen auf der anderen Seite des Globus unbedingt benötigen.

Für ihre Smartphones, Computer und für ihre umweltfreundlichen E-Autos. Gottes Sohn müsste nach Norden fliehen. Aber dort hat er dann ein Problem. Wenn er nicht im Rio Grande ertrinkt, wird er vor Gericht gestellt. Ein Kind ganz allein, ohne Anwalt und oft ohne Dolmetscher. Und ein fremder Mensch, den er nicht kennt und nicht versteht, entscheidet, dass er kein Asyl benötigt. Also wird er wieder zurückgeschickt. Zu Hunger, Angst und Armut. Oder mittlerweile wird sogar überlegt, ob auf ihn und seinesgleichen geschossen werden soll. Auch keine Zukunftsperspektive für den Sprössling. Den Nahen Osten hat Gott schon vorher abgehakt. Zu viele Hitzköpfe und Fanatiker auf allen Seiten. Irre aller Religionen, die sich auf ihn berufen und behaupten, seinen Willen zu erfüllen. Er grübelt immer wieder, wie die auf solche abstrusen Ideen kommen.

Keiner von denen hat ihn jemals nach seiner Meinung gefragt, geschweige denn nach seinem Willen. Also beschließt Gott, seinen Sohn nach Europa zu schicken. Immerhin haben die Menschen dort eine lange christliche Tradition und berufen sich ständig auf ihn. Sie haben sogar Kirchen in seinem Namen gegründet. Also geht Gott davon aus, dass die Europäer überglücklich sein würden über sein Kind. Immerhin kennen die Europäer ja schon die Botschaft: „Selig die Barmherzigen, die Friedfertigen, selig die, die arm sind vor Gott“ usw. Und die Europäer wissen um den Wert des Lebens, dass alle Menschen vor Gott gleich sind und beten „Vater unser im Himmel, Dein Reich komme“. Gott lächelt. Ja, das ist eine gute Gegend zum Leben für seinen Sohn.

K wie Konsumtempel

Also kommt der kleine Sohn Gottes irgendwo in Mitteleuropa zur Welt. Gott hat gedacht, dass sich seine Kirchen freuen würden. Aber weit gefehlt. Als uneheliches Kind mit zweifelhaftem Stammbaum sorgt er für Getuschel in den Kirchenbänken und für Naserümpfen bei den Klerikern. Europa ist anders, als er sich erwartet hat. In der katholischen Kirche, uralt und allumfassend und überall verbreitet mit einem Chef, der der Stellvertreter Gottes auf Erden sein soll, haben Frauen keinen Stellenwert. Und obwohl diese Kirche eigentlich ein riesiger, mächtiger Betrieb ist, kümmert sie sich wenig um die Armen und tut nichts gegen Überbevölkerung und die umwelttechnischen und sozialpolitischen Miseren dieser Welt.

Also verlässt Gottes Sohn ziemlich verwundert die marmornen Tempel und geht hinaus auf die Weihnachtsmärkte. Immerhin feiern dort die Menschen mit bunten Lichtern und duftendem Glühwein Advent und Weihnachten. Also die Geburt von Gottes Sohn. Aber leider wieder nichts. Denn längst geht es zu Weihnachten nur mehr darum, die Wirtschaft anzukurbeln. Längst geht es nur mehr darum, dass eine Handvoll Menschen auf dieser Welt immer reicher und reicher werden. Und deshalb müssen wir alle konsumieren. Und wer sein Geld noch nicht beim „Black Friday“ oder „Cyber Monday“ ausgegeben hat, muss es jetzt noch tun. Gottes Sohn? Der ist dabei völlig überflüssig.

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