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Frauen in der Medizin

Die Zukunft ist weiblich

Mehr als die Hälfte der Erstsemestrigen an Österreichs Medizinuniversitäten sind Frauen, auch in der Allgemeinmedizin gibt es eine weibliche Mehrheit; Tendenz weiter steigend. Wie es Medizinerinnen in Österreich geht und vor welchen Herausforderungen sie stehen, zeigen drei Interviews aus unterschiedlichen Generationen und Daten einer Umfrage. (ärztemagazin 5/19)

DER AUFSTIEG DER FRAUEN in der Medizin startete langsam am Beginn des 20. Jahrhunderts: Im Adressbuch des Jahres 1910 finden sich unter den niedergelassenen Ärzten im 1. Wiener Gemeindebezirk sechs Frauen, 1920 sind es zehn, 1930 bereits 37 Ärztinnen. Der Anschluss an Nazi-Deutschland führte zu Ächtung, Verfolgung und Vernichtung aller Menschen jüdischer Herkunft, was sich auch bei den Ärztinnen zeigt. Zwischen 1938 und 1939 sank ihre Zahl im ersten Bezirk von 37 auf zwölf, bis 1943 fiel sie auf drei. 1948 war mit 19 in der Innenstadt niedergelassenen Medizinerinnen knapp die Hälfte des Wertes von 1938 – zehn Jahre davor – erreicht.

ZAHLEN, DATEN, FAKTEN

Im Jahr 1990 zeigte die Ärzteliste der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) ein Verhältnis von 18.177 männlichen zu 7.691 weiblichen Mitgliedern, das entspricht 70,3 Prozent Ärzten und 29,7 Prozent Ärztinnen. Am Ende des Jahres 2018 veröffentlichte die ÖÄK folgende Zahlen: Von landesweit 46.337 Ärzten und Ärztinnen waren 22.062 Frauen und 24.275 Männer. Im Jahr 2018 waren also 47,61 Prozent aller in Österreich tätigen Ärzte weiblich. Betrachtet man die Daten genauer, zeigt sich, dass der Frauenanteil bei den Fachärzten und -ärztinnen deutlich niedriger liegt, nämlich bei 38 Prozent – das entspricht 8.893 Ärztinnen. Ihnen stehen 14.353 männliche Kollegen gegenüber.

IN DER ALLGEMEINMEDIZIN hingegen sind die Frauen längst auf der Überholspur: 8.776 Allgemeinmedizinerinnen und 6.230 Allgemeinmediziner gibt es, der Frauenanteil liegt hier also bei 58,48 Prozent. Auch bei den Turnusärzten sind Frauen leicht in der Überzahl, dasselbe gilt für ausschließlich angestellte Mediziner ohne eigene Praxis. In der niedergelassenen Ärzteschaft sind Frauen im Hintertreffen: 11.377 Männer arbeiten in ihrer eigenen Ordination, Frauen mit Ordination gibt es 6.876. Bei den niedergelassenen Ärzten und Ärztinnen mit Gebietskrankenkassenvertrag ist die weibliche Bilanz noch etwas schlechter: Hier stehen 2.432 Frauen 4.651 Männern gegenüber. Auch in einigen Fächern sind die Frauen vom Gleichstand weit entfernt: So stehen 1.109 Unfallchirurgen gerade 201 Unfallchirurginnen gegenüber, auf hundert Herzchirurgen kommen zwanzig Herzchirurginnen.

In fast erschütterndem Ausmaß stark wird die Diskrepanz der Geschlechter bei den Primarärzten und Primarärztinnen: Diese Position haben 1.044 Männer erreicht, aber nur 141 Frauen. Das entspricht einem Anteil von 11,9 Prozent. Auch an den Medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck ist nur etwa jede vierte Professur weiblich besetzt. Aktuelle Studienzahlen zeigen, dass das nicht so bleiben wird: Im Wintersemester 2018 gab es an der Medizinischen Universität in Wien 7.084 Studierende, davon waren 52,6 Prozent weiblich. Unter Erstsemestrigen betrug der Anteil der Frauen sogar 57,2 Prozent.

DIE MEDIZIN WIRD EINDEUTIG WEIBLICH, ist Univ.-Prof.in Dr.in Margarethe Hochleitner, Professorin für Gender-Medizin und Direktorin des Frauengesundheitszentrums der Universität Innsbruck, überzeugt. „In Zukunft wird sich das verstärken. Ohne Frauen ist unser Medizinsystem nicht aufrechtzuerhalten. Wir Frauen müssen also nicht mehr um bessere Bedingungen bitten, wir können sie endlich einfordern. Frauen-Empowerment und Antidiskriminierung sind oft als ethische Maßnahme belächelt worden. Aber jetzt geht es darum, das Gesundheitssystem zu erhalten. Es ist vital von den Frauen abhängig.“

STIMMEN VON DER ÄRZTINNENFRONT

„Frauen-Empowerment und Antidiskriminierung sind oft als ethische Maßnahme belächelt worden. Aber jetzt geht es darum, das Gesundheitssystem zu erhalten. Es ist vital von den Frauen abhängig“
Univ.-Prof. Dr. Margarethe Hochleitner

2017 wurde Herz- und Gefäßchirurgin Dr. Petra Preiss zur ersten Präsidentin der Ärztekammer Kärnten gewählt, sie ist auch die neue Referentin für Gender-Mainstreaming und spezifische Berufs- und Karrieremodelle von Ärztinnen in der ÖÄK. Diese beauftragte bei Peter Hajek Public Opinion Strategies eine Studie, die 2.497 österreichische Ärztinnen online zu ihrem Werdegang, Hindernissen und Herausforderungen im Beruf befragte. Anlässlich des Weltfrauentags präsentierte Preiss die Ergebnisse bei einer Pressekonferenz: Familienplanung und Kinderbetreuung wurden dabei von rund zwei Dritteln der befragten Ärztinnen als größtes Karrierehindernis angegeben.

GIBT ES KINDER, liegt die Verantwortung dafür in erster Linie bei der Frau. 67 Prozent aller Ärztinnen, die Mütter sind, übernahmen den Großteil der Kinderbetreuung selbst, nur in sechs Prozent der Fälle tat das der Partner. Beim Rest, etwa einem Viertel, wurde gerecht geteilt. „Familienarbeit ist auch in Arztfamilien immer noch Frauenarbeit. Es stimmt also nach wie vor das Klischee, wonach der Mann Karriere macht, während die Frau jene beruflichen Nischen sucht, die in Einklang mit der Kinderbetreuung stehen“, so Preiss. Sie fordert daher auch Krankenhausbetreiber auf, mit Gemeinden und Privatinitiativen intensiv zusammenzuarbeiten, um Spitalsärztinnen eine flexible Kinderbetreuung zur Verfügung zu stellen. Nur drei Prozent der befragten Ärztinnen geben an, dass der Arbeitgeber sich für die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf eingesetzt hätte.

„Der Spitalsalltag mit Nacht- und Bereitschaftsdienst ist nicht gut mit einer Familie in Einklang zu bringen. Die Work-Life-Balance ist im niedergelassenen Bereich für Frauen besser“, erklärt Mag. Alexandra Siegl, Consultant bei Peter Hajek Public Opinion Strategies. „Ärztinnen wünschen sich Arbeitszeiten, die auf ihre Bedürfnisse eingehen, und wollen ihre eigene Chefin sein. Die Mehrheit ist lieber Wahl- als Kassenärztin. Angestellte Ärztinnen beschweren sich über zu viel Bürokratie und zu wenig Zeit für einzelne Patienten und Patientinnen.“

ZWISCHEN KIND UND SEXISMUS

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein großes Thema. Daher müssten Ausfallszeiten durch Karenz oder Teilzeit für Ärztinnen fix in die Personalbedarfsplanungen der Krankenhausträger eingeplant werden und Karrieremodelle so gestaltet sein, dass sie auch für Ärztinnen in Frage kommen, fordert Preiss. „Fast die Hälfte aller Ärzte sind heute Frauen, bei der Generation, die jetzt in Pension geht, sind es etwa ein Drittel. In Zukunft kommen mehr Frauen nach, sie werden bald die Mehrheit im Beruf stellen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf herzustellen ist daher sehr wesentlich“, sagt Preiss. „Dass junge Kassenärztinnen bis zur Geburt arbeiten und danach gleich wieder, ist sicher keine Lösung.“

SIE LIEST VIELE ARBEITSAUFTRÄGE aus der Studie heraus. „Harmlose frauenfeindliche Witze sind immer noch gang und gäbe. Wenn wir so etwas beobachten, ist es unsere Verpflichtung, sich für unsere Kolleginnen einzusetzen und nicht alles mit zusammengebissenen Zähnen hinzunehmen.“ Immerhin 47 Prozent der Befragten haben geringschätzige Bemerkungen über Frauen selbst erlebt, beinahe ein Drittel bei anderen mitbekommen, sexuelle Übergriffe wurden von einem Prozent angegeben.

Der lange Weg der ersten Ärztin in Österreich und die Pionierinnen um 1900

Am 2. April 1897 promovierte Gabriele Possanner von Ehrenthal als erste Frau in Österreich im Fach Medizin. Ihr Weg dorthin war steinig: Am 27. Jänner 1860 als Tochter des Juristen Benjamin Freiherr Possanner von Ehrental geboren, ließ sie sich am Wiener k.k. Akademischen Gymnasium als zweite Frau nach Clotilde Benedict die Reife zur Universität attestieren und ging nach Genf und Zürich, wo sie 1894 in Medizin promovierte. Mit der Berechtigung, in allen Schweizer Kantonen als praktische Ärztin zu arbeiten, kehrte sie nach Wien zurück.

In der Donaumonarchie konnten Frauen damals nur in Bosnien und Herzegowina arbeiten, weil sich Musliminnen dort von Männern nicht behandeln ließen. Possanner aber wollte in Wien praktizieren. Nach vielen Gesuchen an zwei Innenminister, drei Minister für Kultur und Unterricht, vier Rektoren und vier Dekane der Medizinischen Fakultät führte ein Bescheid von Kaiser Franz Joseph I. zum Ziel: Er ermächtigte den Innenminister, ihre Zulassung als Frauenärztin zu befürworten, falls der Vorstand der 1. geburtlichen Klinik ihre Fachkompetenz bestätigte. Possanner suchte um Anerkennung ihres Schweizer Diploms an, musste alle theoretischen und praktischen Prüfungen noch einmal ablegen und promovierte schließlich am 2. April 1897 als erste Frau der österreichisch-ungarischen Monarchie in Medizin.

Die Wiener Sonn- und Montagszeitung vom 5. April 1897 schrieb dazu: „Jahr für Jahr sind Opfer zu beklagen, die nur darum zugrunde gingen, weil sie aus Schamgefühl bei männlichen Aerzten keine Hilfe suchen wollten und bei Frauen sie nicht finden konnten, weil es bei uns bisher keine weiblichen Aerzte gab. Wir wünschten daher, dass Fr. Dr. v. Possaner (!) bald genügende weibliche Concurenz erhalten möge.“ Am 10. Mai eröffnete Frau Dr. Gabriele v. Possanner ihre Praxis als praktische Ärztin in Wien, trat 1902 eine Stelle als Aspirantin am Kronprinzessin- Stephanie-Spital in Ottakring an und wurde zum ersten weiblichen Mitglied der Wiener Ärztekammer. Am 15. März 1928 verlieh man ihr als erster Österreicherin den Titel Medizinalrat.

Jüdische Pionierinnen

Ab 1900 wurden Frauen in Wien, Prag, Graz und Innsbruck zum Medizinstudium zugelassen, 1903 schloss mit Margarete Hönigsberg, später verehelichte Hilferding (1871–1942), die erste Frau das Medizinstudium an der Universität Wien ab, 1904 folgte ihre Schwester Klara Hönigsberg, später verehelichte Scherer (1897–1942), darauf Bianca Bienenfeld (1879–1929), Anna Pölzl (1872–1947) und Dora Teleky (1879-1963), später verehelichte Brücke. Bis auf Anna Pölzl, die katholisch war, stammten alle medizinischen Pionierinnen aus jüdischen Familien. Margarete Hilferding kam in einem Transport in das Vernichtungslager Treblinka ums Leben, Dora Teleky-Brücke musste fliehen, Klara Scherer-Hönigsberg starb nach vielen Verfolgungen und Diskriminierungen in Wien.

STUDIEREN IN DEN 1980ERN

„In meiner Generation wurde uns unmissverständlich in jeder Vorlesung mitgeteilt, dass unser Platz eigentlich der Herd ist. Ich habe in den 1980ern studiert. Damals bekamen Medizinstudentinnen in Innsbruck oft zu hören, dass wir kochen gehen sollten. Das hatte nur einen Vorteil: Wir konnten nie daran glauben, dass sich das von selbst einrenken würde. Wir mussten kämpfen“, erinnert sich Margarethe Hochleitner an ihre Studienzeit. Als Ärztekind erlebte sie den Umgang mit Patienten und Patientinnen schon von klein auf. Die einzige Tochter eines Medizinerehepaars wusste schon als Kind, dass sie Ärztin werden wollte. Das Studium gefiel ihr keinen Tag, doch ihr Ziel war klar: Hochleitner paukte diszipliniert zu Hause ihre Skripten und absolvierte alle Prüfungen in Rekordzeit.

„DAMALS WAR DIE GESELLSCHAFT SO, dass Frauen in jedem Studium unerwünscht waren. Alle Uni-Stellen haben Männer bekommen.“ Doch eine Hochleitner gibt nicht auf. Ihre rote, runde Brille, die rote Kurzhaarfrisur, Lautstärke, Prägnanz und Nachdruck ihrer Stimme: Diese Frau verfolgt ihre Ziele mit Vehemenz. „Ich habe mir einen hohen Bekanntheitsgrad erworben, weil ich mich 27 Mal um eine Stelle an der Internen Klinik bewarb. Schließlich bekam ich eine Ausbildungsstelle an der Internen.“ 1984 wurde sie Fachärztin für Innere Medizin, 1993 habilitierte sie als erste Frau in der Inneren Medizin mit einer wissenschaftlichen Publikation zu einer neuen Indikation der Schrittmacherimplantation. „Ich war absolut mit Mobbing konfrontiert. Das aktiviert natürlich Widerstand. Das Gefährlichste ist meiner Meinung nach, sich einlullen zu lassen.“ Kinder wollte Hochleitner nie. „Das war mir sicher eine Hilfe. Denn der klinische Alltag ist mit Familienleben sehr schwer vereinbar. Man ist in Dauerkontakt mit der Klinik. Außerdem herrscht starker Konkurrenzkampf.“ Dazu komme, dass Männer seit Generationen im Netzwerken geübt sind – und einander unterstützen. Dieser Aspekt findet sich auch in der Studie: An zweiter Stelle sehen 37 Prozent der befragten Ärztinnen zu wenig Förderung durch Vorgesetzte als Karrierehindernis, 31 Prozent haben die Bevorzugung von Männern bei interessanten Jobs und Führungspositionen erfahren, 30 Prozent stellten fest, dass Ärztinnen generell weniger zugetraut wird als Ärzten.

TROTZDEM SIND 75 PROZENT der Ärztinnen mit ihrer Karriereentwicklung zufrieden, unzufrieden sind vor allem Spitalsärztinnen. Zwei Drittel sind der Ansicht, dass Männer mehr unterstützt werden als Frauen, an eine Gleichbehandlung der Geschlechter glaubt nicht einmal ein Viertel der Befragten. Fast ebenso wenig meinen, dass Frauen von ihren Vorgesetzten, Kollegen und Kolleginnen gleich viel unterstützt würden wie Männer. 74 Prozent sind der Ansicht, dass Männer im Arztberuf über bessere Netzwerke verfügen und sich zu interessanteren Jobs verhelfen. Preiss sieht die Ärztinnen hier in einer Doppelmühle: „Netzwerke aufzubauen ist zeitintensiv, die Mehrfachbelastung lässt dafür wenig Raum. Frauen werden sich zusammentun müssen. Die Ärztekammer und wir als Genderreferat können da mithelfen.“

UNTERSCHIEDLICHE SOZIALISATION und Verhalten wirken sich auch auf Krankheitsbilder aus. Seit 2014 ist Margarethe Hochleitner die erste berufene Professorin für Gender-Medizin an der Medizinischen Universität Innsbruck. „Wir stehen erst am Anfang. Dabei treten die meisten Krankheiten bei beiden Geschlechtern in unterschiedlichem Ausmaß auf. So sterben weit mehr Frauen als Männer an Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems. Sie haben kleinere Herzkranzgefäße, häufiger Spasmen und Plaques. Herzbeschwerden klärt man generell mit Ergometrie ab, dabei wäre im Fall der Frauen ein MR die bessere Untersuchungsmethode.“ Im Jahr 2017 starben laut Statistik Austria 14.147 Männer an Krankheiten des Herz- und Kreislaufsystems, die im selben Jahr bei 18.951 Frauen zum Tod führten.

„DIE BESTE HAUSÄRZTIN, DIE ICH JE HATTE“

„Ich habe keine Kinder und kann mich daher voll auf meinen Beruf konzentrieren“
Dr. Theresa Junker

Vielleicht sind es die besseren Netzwerke von Männern oder auch die zur Rücksichtnahme tendierende Erziehung von Frauen, die dazu führt: Nur knapp zwei Drittel aller Ärztinnen sind in jenem Fachbereich tätig, auf den sie sich ursprünglich spezialisieren wollten. Auch Dr. Theresa Junker, die nun als Gemeindeärztin in Hall in Tirol tätig ist und im Netz auf der Plattform docfinder auf die Bestbewertung von fünf Sternen kommt, wollte ursprünglich Chirurgin werden. „Mich interessierte am meisten die ästhetische Chirurgie. Vielleicht klingt das jetzt nach Klischee, aber ich wollte unbedingt Schönheitschirurgin werden.

Eigentlich hatte ich eine Universitätskarriere geplant und in Tübingen Transplantationschirurgie studiert“, erzählt die Ärztin am Telefon. Die Universitätsklinik in Tübingen und der dortige Leiter, Herzchirurg Univ.-Prof. Dr. Alfred Königsrainer genießen einen hervorragenden Ruf. Dort eine Ausbildungsstelle zu bekommen, ist bereits eine Auszeichnung. Allerdings musste sich Theresa Junker selbst um die Finanzierung über Drittmittel kümmern und ihre Stelle wurde nicht verlängert. „Er sagte mir, Frauen würden sowieso gleich schwanger“, erinnert sie sich.

Sie haderte gerade mit ihrem Schicksal, da rief sie ein Kollege an: Der Allgemeinmediziner Dr. Erich Toni wollte vier bis fünf Wochen einmal exzessiv Urlaub machen und fragte, ob sie ihn in dieser Zeit vertreten könnte. Sie sagte spontan zu und fand Gefallen an der täglichen Arbeit mit den Patientinnen und Patienten. „Mir kommt zugute, dass ich lange im klinischen Bereich tätig war“, sagt Dr. Junker. „Ich habe viele Kontakte zu den Spitälern und kann für Patienten und Patientinnen, die zu mir kommen, auch wenn es der Straßenkehrer XY ist, mit einem Telefonat rasch in einem großen MRT-Zentrum Termine auf Kassenvertrag organisieren.“ Sie sieht sich als Drehscheibe.

Als Dr. Herbert Weiler, Allgemeinmediziner aus Hall in Tirol, in Pension ging, übernahm sie seine Ordination und die Patientendatei. „Ein paar hunderttausend Euro ist man da mit der Ablöse schon los.“ Der Anteil an Administration ist sehr hoch. An einem Halbtag sitzen etwa vierzig Menschen in der Praxis, bei Grippe mehr. Dazu kommt noch die Tätigkeit in fünf Seniorenheimen, die sich mit ihren Kolleginnen aufteilt. „Alle sechs Wochen habe ich einen Samstagsdienst, aber als Transplantationschirurgin hatte ich nie frei und als Internistin im Krankenhaus Hall in Tirol waren 24-Stunden-Dienste ganz normal. Als Allgemeinmedizinerin führt man ein selbstbestimmteres Leben. Natürlich hat man die Kassen als Vertragspartner, da ist das finanzielle Risiko nicht ganz so groß, trotz aller vorgegebenen Regelungen. Die größte Umstellung ist das Administrative, um das ich mich kümmern muss. Außerdem muss man wirtschaftlich denken. Das lernt man als Medizinerin nicht.“

DAS ADMINISTRATIVE HAT IHR VORGÄNGER – wie viele Ärzte – seiner Assistentin und später seiner Gattin überlassen. Dr. Junker ist allein, sie nimmt so gut wie alles selbst in die Hand. „Ich habe keine Kinder und kann mich daher voll auf meinen Beruf konzentrieren.“ In ihrer Praxis behandelt sie Angehörige der unterschiedlichsten Schichten mit gleichbleibender Qualität und Aufmerksamkeit. „Ich habe alles: vom Tumorpatienten bis zum Spitzensportler, vom Asylsuchenden bis hin zum Großindustriellen.“ Als Allgemeinmediziner ist man an der vordersten medizinischen Versorgungsfront. „Schmerzinfusionen, Verbandswechsel, Laborkontrollen – was meine Fachkollegen vorschreiben, wird von mir verabreicht und ausgeführt. Einige Kolleginnen und Kollegen meinen, dass das zu wenig vergütet sei. Das verstehe ich, unser Zeitdruck ist sehr hoch.“ Dr. Junker sieht vom Finanziellen und vom Emotionalen her keinen Grund zur Klage: Ihre Patienten und Patientinnen schätzen ihr Engagement: „Frau Dr. Junker ist eine sehr kompetente einfühlsame Ärztin, die sich immer Zeit für deine Anliegen nimmt. Auch außer den Ordinationszeiten hilft sie gerne weiter. Frau Dr. Junker ist eine Vollblutärztin. Danke!“, schreibt ein Nutzer auf docfinder, eine andere Stimme befindet: „Die beste Hausärztin, die ich je hatte.“

„AM ENDE DES TAGES IST ES EIN SCHÖNER BERUF“

Auch Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied ist Ärztin für Allgemeinmedizin. Ihre Praxis ist in Wien-Floridsdorf. „Die Selbständigkeit ist für Frauen die einzige Möglichkeit, genauso viel zu verdienen wie ein Mann“, sagt sie. Allerdings gibt es viele Ängste vor dem unternehmerischen Risiko. „Man lernt im Medizinstudium nicht, wie man einen Betrieb mit Angestellten führt. Deshalb haben wir ja auch von der Ärztekammer aus das Gründungsservice Go 2 Ordi eingerichtet.“

„Die Selbständigkeit ist für Frauen die einzige Möglichkeit, genauso viel zu verdienen wie ein Mann“
Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied

DR. NAGHME KAMALEYAN-SCHMIED wurde die Medizin in die Wiege gelegt: Schon ihr Vater war Allgemeinmediziner. „Ich bin in den Beruf hineingeboren“, gibt sie zu. Ursprünglich hatte sie mit Physik begonnen, doch bei diesem Studium fehlten ihr die Menschen. „Ich kann mich noch erinnern, dass ich eine Prüfung über Magnetfelder schrieb. Mein Vorname ist ja sehr neutral, man kann daraus nicht auf das Geschlecht schließen. Der Professor kontrollierte meinen Studentenausweis vier oder fünf Mal, weil er nicht glauben konnte, dass eine Frau diese Prüfung geschrieben hat“, erzählt sie. Diskriminiert aber fühlte sie sich nie. Ursprünglich wollte sie Gynäkologin werden. „Bei den chirurgischen Fächern wird man als Frau nicht gern in den Operationssaal mitgenommen. Man darf dort zwar die Häkchen halten, aber nicht operieren. Es gibt dieses Vorurteil, Frauen würden ohnehin nur kollabieren.“

GEGEN ENDE IHRES TURNUS in der Rudolfstiftung wurde sie schwanger und machte die Erfahrung, dass Männer zu schwangeren Kolleginnen rücksichtsvoller sind als Frauen. „Bei Männern weckt eine schwangere Frau den Beschützerinstinkt, Frauen in Führungspositionen  sind da oft sehr hart.“ Nach ihrem Turnus bewarb sie sich um eine Kassenstelle. „Ich habe eine sehr kleine, alte Ordination übernommen, die mit meinen Kindern gewachsen ist“, sagt sie. Am 5. Oktober 2010 sperrte sie ihre Praxis auf, kurz darauf wurde ihr erster Sohn ein Jahr alt. „Mein Mann ist auch Arzt. Kinderbetreuung ist ein Projekt zwischen Mann und Frau und Oma und Opa. Es ist ein Familienprojekt. Mein Mann und ich haben unsere Ordinationszeiten so gelegt, dass wir uns die Kinder aufteilen können.“

Kamaleyan-Schmied ließ ihre Praxis behindertengerecht umbauen und modernisierte sie so, dass sie den neuesten Hygienerichtlinien entsprach. „Man wächst mit den Aufgaben“, sagt sie. „Damals hatte ich noch genug Zeit, um zu recherchieren.“ Sie fände es gut, wenn es am Ende des Studiums auch Kurse zur Betriebsführung gäbe, und befürwortet die Lehrpraxis für angehende Ärzte, in der man erleben kann, wie schön der Beruf ist. Außerdem kann sie sich gut vorstellen, die Arbeit in einer Art Job-Sharing-Modell aufzuteilen: „Nun gibt es endlich die Möglichkeit durch die Kassa. Es war mir sehr wichtig, dieses Konzept vonseiten der Ärztinnen mitzuverhandeln, denn es ermöglicht vielen Kolleginnen und Kollegen einen früheren Eintritt in den Beruf und erleichtert allen, die Eltern sind, die Kinderbetreuung, da die Arbeitszeiten flexibel eingeteilt werden können.“

GEMEINSAMGESUND.AT heißt die Website ihrer Ordination. Das spricht schon Bände. „Am Ende des Tages ist es ein schöner Beruf.“ Die junge Ärztin und Mutter liebt ihre Arbeit und hat einen enormen Zustrom von Patienten und Patientinnen. Außerdem macht sie Hausbesuche. „Es geht nur mit Selbstaufopferung und Engagement“, sagt sie. „Wien wächst, aber wir haben hundert Allgemeinmediziner weniger als vor zwei Jahren. Die Patienten werden älter und arbeitsaufwendiger. Ich kann keine neuen mehr nehmen.“ Was sie ärgert, ist, dass Allgemeinmediziner viel weniger als Fachärzte verdienen und man Frauen oft erzählt, sie wären zu dumm für die Selbständigkeit.

„Man muss das aus dem Kopf rauskriegen, dass wir als Frauen allein für die Kinder zuständig sind. Kinder sind ein Familienprojekt. Und Frauen sehr gut in der Lage, selbständig eine Praxis zu führen.“ Sie persönlich würde ihren Job nie tauschen. „Wegen der Honorare tue ich das nicht. Das Schöne an dem Beruf ist die Wertschätzung der Patienten und Patientinnen. Wenn mir ein Kind entgegenläuft und die Mutter erzählt, dass es seit drei Tagen röchelt, aber nur mir vertraut, ist das berührend.“ Einen Patienten, der an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war, begleitete sie als Ärztin seines Vertrauens bis zum Tod. Als er gestorben war, kam seine Frau mit Blumen zu ihr in die Ordination. „Er hat ihr am Sterbebett aufgetragen: Die Frau Doktor liebt Orchideen. Bring ihr welche.“

Quellen:

  • Fragmente von der Woche, Der erste weibliche Arzt, in: Wiener Sonntags-Zeitung/Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 5. April 1897, S.3, http://www.deutschlandmed.de/deutsch/medizingeschichte/frauen/vonehrenthal.html
  • „Der Wandel: Frauen in der Medizin“, Festbroschüre anlässlich von 125 Jahren Ärztekammer für Wien, 12/2016, Barbara Sauer. Im Herbst wird im Verlag der Ärztekammer Wien das Buch „Ärzte und Ärztinnen in Österreich 1938–45 – Entrechtung, Vertreibung, Ermordung“ von Ilse Reiter-Zatloukal und Barbara Sauer erscheinen.
  • Karin Walzel: Ärztinnen in Wien 1934–1948. S. 97–116, hier S. 115. In: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller/Sonia Horn (HG.): Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich.
  • 1891–1991. 100 Jahre Ärztekammern in Österreich. Sondernummer der Österreichischen Ärztezeitung. 14. November 1991

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