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Der gesundheitspolitische Wert des Aortenaneurysmascreenings

… ist weit mehr als nur die Vermeidung von Rupturen. Ein strukturiertes Screeningprogramm beeinflusst durch rechtzeitige Modifikation von Risikofaktoren auch die Volksgesundheit nachweislich positiv. (CliniCum 10/17)

3D-Rekonstruktion eines Bauchaortenaneurysmas mit Computertomographie
3D-Rekonstruktion eines Bauchaortenaneurysmas mit Computertomographie

Screeninguntersuchungen zur Entdeckung und gezielten Behandlung potenziell tödlicher Erkrankungen sind in der Onkologie bekannt und werden vom Gesundheitssystem in Österreich finanziert, gefördert und unterstützt. Im vaskulären Bereich ist eine einfache, sehr günstige und sichere Sreen­ingmethode – der Schall der abdo­minelle Aorta bei über 65-Jährigen – international gut etabliert. Die Sinnhaftigkeit des Aortenscreenings zur Vermeidung von Rupturen ist seit mehr als zwei Jahrzehnten unbe­stritten.1 Bei der Untersuchung wird die abdominelle, infrarenale Aorta geschallt. Ab einem Durchmesser von 3 cm oder mehr spricht man von einem Aneurysma. Bei Patienten mit kleinen Aneurysmen bis knapp unter 5 cm bei Frauen und knapp über 5 cm bei Männern ist eine Kontrollschalluntersuchung einmal jährlich angezeigt. Zusätzlich ist es wichtig, das Risikoprofil – Blutdruck, Blutfette, Nikotinkonsum – günstig zu verändern. Ab 5cm maximalem Aortendurchmesser bei Frauen, 5,5 cm bei Männern, ist eine chirurgische Therapie mittels Stent oder offener Operation indiziert. Verglichen zu nicht gescreenten Menschen ist die Rupturrate von Männern und Frauen in der gescreenten Population signifikant geringer (OR 0,66, 95% CI 0,47–0,93, P=0,02), dieser Effekt ist bei Männern noch deutlicher (OR 0,40; 95%CI 0,31–0,51, P<0,00001)2.

Reduktion der Sterblichkeit

Neben dem unmittelbaren Effekt der Reduktion der Aneurysma-assoziierten Sterblichkeit ist – anders als bei anderen, vorwiegend onkologischen Erkrankungen – auch eine allgemeine Reduktion der Sterblichkeit bei gescreenten männlichen Patienten zu beobachten (HR 0,98; 95% CI 0,96–0,99, P=0,003)2. Der Hauptgrund dürfte eine von den Patienten gerne angenommene Risikomodifikation sein. Diese ist zugleich eine effektive Möglichkeit zur Förderung der kardiovaskulären Gesundheit und somit Verringerung des Risikos von Myokardinfarkt, Insult und peripheren Gefäßerkrankungen.

Gesundheitsökonomischer Nutzen

Das strukturierte Screening nach Bauch­aortenaneurysmen ist nun in Europa aufgrund der hohen Evidenz­lage und dem hohen gesundheitsökonomischen Nutzen in Schweden, England und demnächst in Deutschland etabliert. Somit werden Patienten nicht nur zu einer Screeninguntersuchung eingeladen, sondern es sind auch die weiteren Schritte schematisch festgehalten. Somit können Patienten je nach Rupturrisiko unterschiedlichen Folgeuntersuchungen und Behandlungen zugewiesen werden.3,4 In Österreich sind wir leider noch sehr weit entfernt von einem strukturierten Screeningprogramm, das nachgewiesenermaßen nicht nur die Rupturrate von Aneurysmen senkt, sondern auch die Volksgesundheit durch rechtzeitige Modifikation von Risikofaktoren positiv beeinflusst. Derzeit gibt es seitens der Versicherungen nicht einmal die Möglichkeit einer gezielten Screeninguntersuchung der Aorta, da kein gesonderter Posten verrechenbar ist. Somit erfolgt das so sinnvolle Screening entweder unter der Position Abdomenschall oder als „Hobby“ engagierter Angiologen, Kardiologen und Radiologen.

Referenzen:
1 McCaul et al. Long term outcomes of the ­Western Australian trial of screening for ab­dominal aortic aneurysms. JAMA Int Med 2016;176:1761–7
2 TakagiH, et al. for the ALICE (All-Literature Investigation of Cardiovascular Evidence)Group. Abdominal aortic aneurysm screening reduces al-cause mortality: make screening great again. Angiology 2017 (epub ahead of Print)
3 Jacomell J, et al. Results of the first five years of the NHS Abdominal Aortic Aneurysm Screening Programme in England. Br J Surg 2016;103:1125–31
4 Wanhainen et al. Outcome of the Swedish nationwide abdominal aortic aneurysm screening programme. Circulation 2016;134:1141–8

Der Autor

Foto: Florian Senekowitsch

Prim. PD Dr. Afshin Assadian ist seit März 2009 Vorstand der Abteilung für Gefäßchirurgie, vasculäre und endovasculäre Chirurgie am Wiener Wilhelminenspital. Er ist zudem Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Gefäßchirurgie (ÖGC) sowie Mitglied der Europäischen und Amerikanischen Gesellschaft für Gefäßchirurgie. Assadian wurde außerdem in den Vorstand der Stiftung Vascular International berufen und bekleidet u.a. die Funktion des Wissenschaftlichen Sprechers des Gefäßforums Österreich.

 

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