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EMA: Wien rollt den roten Teppich aus

BREITE ALLIANZ – Alles in die Waagschale werfen Bundeskanzleramt, Ministerien, Sozialpartner und die Wiener Wirtschaftsagentur, um die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) nach Österreich zu holen. (Pharmaceutical Tribune 02/2017)

Vom Londoner Canary Wharf nach Wien? Die EMA plant den Umzug.

Vom Londoner Canary Wharf nach Wien? Die EMA plant den Umzug.

Österreich hat sich offiziell für eine Übersiedlung der EMA von London nach Wien beworben. Ein Umzug ist im Zuge des Brexit notwendig geworden. Ungewöhnlich ist der nationale Schulterschluss: Es hat sich eine unerwartet breite Allianz gebildet, die vom Bundeskanzleramt gesteuert wird: Außenministerium, Gesundheitsministerium, Finanzministerium, dazu die zwei Sozialpartner Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer sowie die Wirtschaftsagentur der Stadt Wien.

Dieser Zusammenschluss sei schon „ein starkes Zeichen“, heißt es seitens der Wirtschaftsagentur gegenüber der Pharmaceutical Tribune. Über alle Ressorts und Interessensvertretungen hinweg habe man sich auf ein Ziel eingeschworen. Die Agentur – ein Fonds der Stadt Wien – ist für alle standortrelevanten Fragen zuständig. Man habe bereits eine Liste mit geeigneten und „attraktiven“ Wiener Grundstücken – der Bürobedarf für knapp 1000 EMA-Mitarbeiter liegt bei rund 20.000 Quadratmetern. Welche das sind, wolle man aber noch nicht verraten.

Warum die Bundeshauptstadt das Rennen machen könnte: Wien sei eine „Stadt der kurzen Wege“, habe eine „unglaubliche Infrastruktur“, selbst die öffentlichen Verkehrsmittel kosteten nur einen Euro pro Tag (Jahreskarte). Außerdem sei Wien ein Hotspot im Bereich Life Sciences – mit hohen Zuwachsraten. Der letzte Clou: Als das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim einen Standort für ihre biopharmazeutischen Produktionsanlage gesucht hat, war neben so manch europäischer Stadt auch Singapur im Rennen – sie alle wurden Ende 2015 von Wien ausgestochen. „Kommt die EMA nach Wien, wäre das ein Turbo für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Wohlstand“, bekräftigte auch DI Walter Ruck, Präsident der Wirtschaftskammer Wien. In seltener Eintracht pflichtet ihm Rudolf Kaske, Präsident der Arbeiterkammer Wien, bei: Mit der Ansiedelung der EMA „bekommen wir die Chance, nachhaltig Jobs zu schaffen und den Wohlstand zu sichern“.

Aufwertung für Pharmazie

Die Apothekerkammer begrüßte jüngst in einer Aussendung die Bemühungen der Sozialpartner und bot ihre „volle Unterstützung“ an. Apotheker absolvieren laut ihrem Präsidenten Mag. Max Wellan beim Pharmazie-Studium eine der qualitativ hochwertigsten Ausbildungen in Österreich. Der Bevölkerung stünden hierzulande 12.000 zugelassene Arzneimittel zur Verfügung, die in den Apotheken mit Beratung abgegeben werden. Das pharmazeutische Know-how sei hierzulande sehr hoch, „Wien bietet Sicherheit und Qualität“, betont Wellan die Vorzüge für die europäische Zulassungsbehörde. Umgekehrt würde die EMA die Pharmazie in Österreich nochmals aufwerten.

Keine „g’mahte Wiesn“

Eine „g‘mahte Wiesn“ sei die Bewerbung dennoch nicht, räumt die Wirtschaftsagentur ein. Amsterdam habe sich ebenfalls bereits offiziell beworben, aber auch andere europäische Städte wie etwa Bonn oder Mailand legten sich ordentlich ins Zeug. Die Entscheidung fällt auf EU-Ebene. Bereits „in den nächsten Monaten“ sollen die Würfel gefallen sein. Noch ein Grund, warum die Chancen aber nicht schlecht stünden: Wien hat mit dem sogenannten „Expat-Center“ der Wirtschaftsagentur ein weiteres As im Ärmel. Dabei handelt es sich um eine mehrsprachige (derzeit in zehn Sprachen) Beratung und Betreuung internationaler Führungskräfte, die eine Zeit lang in Wien arbeiten und/oder hierher ziehen. Dieses Service rund um alltägliche Fragen wie Kindergarten- und Schulbesuch etc. würde man auch den EMA-Mitarbeitern und ihren Familien anbieten.

Die Vorbereitungen für die Bewerbung liefen schon seit Oktober 2016. Herausgekommen ist ein Folder des Gesundheitsministeriums, der zehn Gründe thematisiert, warum die EMA in Wien gut aufgehoben ist – analog den Argumenten der Sozialpartner (siehe Kasten). Eine Mitarbeiterin müsste übrigens nicht übersiedeln: DI Dr. Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin der AGES Medizinmarktaufsicht und seit März 2016 Vorsitzende des EMA Management Board. Beim Expertentalk „Medizin für den Wirtschaftsstandort Österreich“ in Orth an der Donau zu Jahresende unterstrich sie den „bedeutenden Wirtschaftsstandort Österreich im Pharmabereich“ und betonte: „Wir machen uns dafür stark, dass die EMA nach Wien kommt.“

Die Argumente der Sozialpartner:

  • Wien hat eine starke Pharma­ industrie mit 430 Medizinprodukte­, Pharma­ und Biotech­Unternehmen mit mehr als 22.000 Mitarbeitern.
  • Wien hat Know­how im Umgang mit der Ansiedelung von großen internationalen Unternehmen (z.B. Boehringer Ingelheim, Bayer, Shire)
  • Mit dem AKH Wien, dem Vienna Biocenter in Neu Marx und seinen außeruniversitären Forschungsinstituten bietet Wien einzigartige Forschungsstätten.
  • Fünf Unis und zwei Fachhochschulen garantieren hoch qualifiziertes Personal.
  • Der lebendige Vienna Life Science Cluster bietet eine ausgezeichnete Vernetzung und Betreuung der gesamten Branche.
  • Wien liegt im Herzen Europas, weltweite Anbindung durch den Flughafen Wien ist garantiert.
  • Lebensqualität: Wien bietet den Mitarbeitern der EMA und deren Angehörigen ein Lebensumfeld auf höchstem Niveau.
  • Wien verfügt über ausgepräg te und gewachsene CEE­Kompetenz und hat sich als internationaler Headquarter­Standort über viele Jahrzehnte bewährt.  
Autor: Mag. Tanja Beck