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Die Krankenakte KAV

Wiens Krankenanstaltenverbund (KAV) kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Abgang von Stadträtin Wehsely zeugen Unterlagen, die der MT vorliegen, von internen Grabenkämpfen beim städtischen Spitalskoloss.  (Medical Tribune 4/2017)

Gangbetten sind nur einer von vielen Missständen, die zeigen, dass im städtischen Spitalswesen der Bundeshauptstadt Reformbedarf besteht.

Gangbetten sind nur einer von vielen Missständen, die zeigen, dass im städtischen Spitalswesen der Bundeshauptstadt Reformbedarf besteht.

Im Wiener Gesundheitswesen ist die Stimmung zum Zerreißen angespannt. Es hagelt Kritik am KAV, bei dem auch intern der Haussegen schief hängt. Nach dem Rücktritt der zuständigen SP-Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely dürfte kein Stein auf dem anderen bleiben. Eine Ausgliederung des KAV aus der städtischen Verwaltung – eine in Österreich ohnehin einzigartige Konstruktion – gilt als fix. Höchst ungewiss ist indes die Zukunft einer weiteren Schlüsselfigur: jene von Prof. Dr. Udo Janßen, dem Chef des KAV.

Susanne Jonak  Vorsitzende der Hauptgruppe II in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten

Susanne Jonak
Vorsitzende der Hauptgruppe II in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten

Das war er jedenfalls bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe, zu dem auch die Wehsely-Nachfolge noch offen war. Gerüchte um eine Ablöse verdichteten sich zuletzt. Bürgermeister Dr. Michael Häupl ließ offiziell verlautbaren, er werde sich über die Zukunft Janßens „in absehbarer Zeit“ äußern. Wehselys Nachfolger hat jedenfalls eine Mammutaufgabe zu lösen. Denn intern brodelt es schon länger, wie Unterlagen, die der MT vorliegen, beweisen. Der Deckel ging hoch, als unter Wehsely eine Arbeitsgruppe installiert wurde, die gemeinsam mit dem KAV eine mögliche Ausgliederung bzw. verschiedene Modelle zur Personal- und Finanzhoheit prüfen sollte.

Die Personalvertreter der knapp 30.000 KAV-Mitarbeiter (Hauptgruppe II, dazu gehören in Personalunion auch 22.000 Mitarbeiter zur Gewerkschaft younion) verweigerten kurzerhand die Mitarbeit. Die brisante Begründung in einem Schreiben vom 25.11.2016 an die Mitglieder: „offensichtliches Managementversagen“ (siehe Faksimile). In weiteren Schreiben spricht die Gewerkschaft vor allem dem deutschen Manager Janßen immer wieder „Führungseignung“ ab. Ihm fehlten „Kommunikations- und Sozialkompetenz“.

Faksimile

„Dazu stehen wir“, sagt Susanne Jonak, Vorsitzende der Hauptgruppe II, gegenüber MT: „Wir haben bereits vor Antritt Janßens 2013 recherchiert und mit Deutschland Kontakt gepflegt – diese Defizite wurden ihm auch dort nachgesagt.“ Damals habe man alle Bedenken der Stadträtin übermittelt, doch Janßen wurde trotzdem engagiert.
Da klingt es fast nach einer Ironie, dass nun Wehsely per April 2017 zu Siemens Healthcare nach Deutschland wechselt. Und just an dem Tag, an dem sie ihren Rückzug bekanntgab, am Freitag, den 13.1., erfuhren die KAV-Mitarbeiter via Intranet, dass die Arbeitsgruppe ein Ergebnis erzielt hat: „eine Punktationsliste“, die der Stadträtin übergeben worden sei.

Angesprochen auf konkrete Beispiele für „Managementfehler“, sprudelt es aus Jonak nur so heraus: Unmengen an Projekten ohne Ergebnis, Unmengen an Beraterfirmen, die das Wissen der Mitarbeiter absaugen, Nachbesetzungen, die bis zu sechs Monate dauern, Personalnotstand. „Wir haben im Moment wahnsinnig viele Personalrochaden, es werden Ärztliche Direktoren von einem Haus ins andere geschoben, für uns ist undurchschaubar und nicht nachvollziehbar, warum das alles stattfindet.“

Der Rechnungshof hatte den KAV in einem Rohbericht schon im Herbst scharf kritisiert und hohe Gagen für Manager und externe Berater angeprangert. Unmut erregten auch Verzögerungen beim Bau des Krankenhauses Nord. Im Zuge der Gangbettenproblematik keimte der Vorwurf eines schlechten Krisenmanagements auf. Der Wiener Stadtrechnungshof kritisiert wiederum die langen Wartezeiten auf Strahlentherapie in KAV-Spitälern. Bei fast zwei Drittel aller Patienten sei es 2015 zu kritischen Wartezeiten gekommen, die zu Beeinträchtigungen bei Therapieerfolgen führen konnten, heißt es in einem aktuellen Prüfbericht.

All das belastet auch die Mitarbeiter: „Wir haben viele Krankenstände, Burnouts, psychische Erkrankungen, das nimmt alles zu“, berichtet Jonak. Janßen, den MT mit den Vorwürfen der Belegschaft konfrontierte, ließ durch eine KAV-Sprecherin ausrichten: „Die Aussagen der Hauptgruppe II sind inhaltlich falsch.“ Daher gebe es vom KAV auch keine Stellungnahme dazu. Nur so viel: „Die Position der Gewerkschaft überlagert derzeit einen kon­struktiven inhaltlichen Dialog.“ Es seien viele Veränderungen im Gang, allen voran Spitalskonzept und Medizinischer Masterplan – hier habe der KAV viel Informationsarbeit geleistet. Dass diese Veränderungen nicht allen Menschen/Gruppen gefallen, sei klar.

Bemerkenswert: Auch beim Spitalskonzept 2030 ist die Personalvertretung „im Moment“ ausgestiegen. „Weil uns nicht klar ist, wie das finanziert werden soll“, sagt Jonak. Auch hier fallen die Worte „undurchschaubar, ambivalent, keine Linie erkennbar“. Der neue Stadtrat darf sich jedenfalls schon auf einen Besuch der Gewerkschaft gefasst machen: „Wir werden sofort Kontakt aufnehmen und unsere Bedenken äußern.“

Von Mag. Anita Groß