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Reutte: Die Kinderpraxis im Spital

Die kinderärztliche Ordination am BKH Reutte ist für Tiroler Experten ein Modell für die fachärzt­liche Versorgung abgelegener Regionen und kein Widerspruch zur Bevorzugung der extramuralen Versorgung.

Kinderärztin Dr. Dorothea Reichle arbeitet wie ihre Kollegen sowohl auf der Station als auch in der Kinderordination am BKH Reutte.

Kinderärztin Dr. Dorothea Reichle arbeitet wie ihre Kollegen sowohl auf der Station als auch in der Kinderordination am BKH Reutte.

Seit 20 Jahren ist eine kinderärztliche Facharztstelle im Tiroler Bezirk Reutte unbesetzt. Bis vor zwei Jahren gab es eine Wahlarztpraxis, die der damalige Primar der Abteilung für Kinderheilkunde, Jugendmedizin und Neonatologie am BKH Reutte betrieb, der damit einen Teil des Bedarfs abdeckte. Zwei versorgungsrelevante Kinderfachärzte im benachbarten Allgäu gingen vor zwei Jahren in Pension. Die kinderärztliche Versorgung verlagerte sich in diesen beiden Jahrzehnten immer mehr an die Ambulanz des Bezirkskrankenhauses Reutte. „Unsere Notfallambulanz ist aus allen Nähten geplatzt“, sagt Primarius Dr. Jörg Franke, seit zwei Jahren Chef der Kinderabteilung am BKH.

„Wir hatten zum Teil 12.000 Fälle im Jahr, die Leute sind ins Krankenhaus gerannt, weil nichts anderes da war.“ Nur ein Bruchteil waren Notfälle, der Rest „Mutter-Kind-Pässe, Impfungen, Husten, Schnupfen, Heiserkeit“.  Vergütet wurde der Ambulanznotfalltarif von 13 Euro, weniger als die Hälfte, die ein niedergelassener Kassenarzt der Kinderheilkunde für eine Ordination verrechnen könnte. Für das BKH ein „Draufzahlgeschäft hoch zehn“, wie es Franke formuliert.

Prim. Dr. Jörg Franke  BKH Reutte

Prim. Dr. Jörg Franke
BKH Reutte

Der Bezirk Reutte zählt 32.000 Einwohner, nicht zufällig trägt der Bezirk auch den Namen „Außerfern“ und ist vom restlichen Tirol durch Berge abgeschlossen. Nach Innsbruck fährt man mit dem Auto eineinhalb Stunden, bei Schneefall und in touristischen Reisezeiten bisweilen auch drei. Um für diese Enklave eine gute kinderärztliche Versorgung dauerhaft sicherzustellen,  wurde 2015 ein Konzept mit Modellcharakter entwickelt: Die Notfallambulanz am BKH wird zu einer Kinderordination ausgebaut und die Zahl der Ärzte, die stationäre Abteilung, Notfälle und Kinderordination gemeinsam betreuen von 3,3 auf 5,9 Vollzeitstellen aufgestockt. Bezeichnend ist, dass die Besetzung dieser Stellen kurzfristig möglich war.

Simple Hausverstandslösung

„Die Abteilung Krankenanstalten des Landes ist in dieser Frage auf uns zugegangen“, sagt Dipl. Vw. Dr. Dietmar Braun, Verwaltungsdirektor des BKH Reutte, und ergänzt: „Im Gegensatz zu sonstigen Verhandlungen war das völlig unkompliziert.“ Dabei hätte der Überschneidungsbereich zwischen Ambulanz und Ordination abrechnungstechnisch zu großen Problemen führen können. Tatsächlich haben sich die Tiroler Gebietskrankenkasse und das Land auf eine „sehr simple Hausverstandslösung“ geeinigt, sagt TGKK-Direktor Dr. Arno Melitopulos: „Wir rechnen mit den Ärzten gar nichts ab, dafür hätte es eine Sonderkonstruktion gebraucht.“ Tatsächlich zahlt die TGKK an den Gesundheitsfonds jenen Betrag, den sie für eine durchschnittliche Kinderarztordination in Tirol aufwendet, das sind 210.000 Euro jährlich. Der Gesundheitsfonds zieht davon die an das BKH überwiesenen ambulanten Tarife ab und überweist den Rest.

Für die TGKK ist die Konstruktion eine Art Nullsummenspiel mit bemerkenswerten Nebeneffekten. Die Kinderordination ist täglich (also auch am Wochenende) von 9 bis 12 Uhr geöffnet, wochentags auch von 14 bis 16 Uhr. Geboten werden neben allen Facetten der Allgemeinpädiatrie dank der unterschiedlichen Qualifikationen der beschäftigten Ärztinnen und Ärzte auch zehn Spezialsprechstunden. Franke geht sogar davon aus, dass stationäre Aufenthalte verkürzt werden können, weil der behandelnde Arzt in der Ordination mit jenem der Station identisch ist.

Bei der Präsentation des Konzepts im vergangenen Oktober haben alle Beteiligten von einer „Win-Win-Situation“ gesprochen. Das gilt auch für die an den Verhandlungen nicht beteiligte Tiroler Ärztekammer, deren Kammeramtsdirektor Dr. Günther Atzl betont: „Für Reutte passt das, es trägt zur Versorgung bei und dagegen kann man nichts haben.“ Einwände gab und gibt es seitens der Kammer auf begrifflicher Ebene: „Das ist keine Ordination im Sinne des Ärztegesetzes, sondern eine Ambulanz“, sagt Atzl. Auf diese Differenzierung legt auch Tirols Gesundheitslandesrat DI Dr. Bernhard Tilg Wert, meint allerdings, der Begriff „Ordination“ diene „dem besseren Verständnis der Bevölkerung hinsichtlich des Versorgungsangebotes“.  Aus der „Kinderärztlichen Ordination am BKH Reutte“ könnte trotzdem bald eine „Kinderarztpraxis“ werden, vermutet Melitopulos, nachdem „Praxis“ kein gesetzlich geschützter Begriff sei.

Zu erwähnen ist noch, dass sich der Aus- und Umbau der „Ordination“ in der Planungsendphase befindet, die veranschlagten Kosten von 450.000 Euro werden zum größeren Teil vom Land aufgebracht, zum kleineren von den Gemeinden des Bezirks, den Trägern des BKH.

Modell für periphere Regionen

Mit der Betonung, ein Oberbayer zu sein, sagt Franke pointiert: „In der DDR hat es Polikliniken auch schon gegeben. Es ist nicht schrecklich neu, was man da erfindet.“ Franke betont aber auch: „Solche Modelle wird es in Zukunft häufiger geben. Die Kliniken müssen in ihren Facharztpool investieren, damit das Arbeitszeitgesetz erfüllt werden kann, gleichzeitig wird der Facharzt auf niedergelassener Ebene immer seltener.“

Aus der Sicht der Ärztekammer ist das Modell Reutte nicht auf ganz Tirol übertragbar. Die ÄK hätte aber nie etwas dagegen gehabt, wenn intra- und extramuraler Bereich zusammenarbeiten, wenn es wie in Reutte zu wenig Kinder für einen niedergelassenen Kinderarzt gibt, erklärt Atzl .

Von einem „Paradebeispiel für disloziertere Regionen“ spricht Melitopulos. Er ist davon überzeugt, dass die Parallelität zwischen Fachärzten im niedergelassenen Bereich und an Krankenhäusern abnehmen wird. Im Bezirk Reutte gäbe es in der Augenheilkunde und Orthopädie ähnliche Probleme, „weshalb wir Kooperationen andenken“. Mit Bezug auf die Debatte um Primärversorgungszentren fordert Melitopulus Flexibilität ein: „Wir brauchen für jede Region angepasste Lösungen.“

Ähnlich fällt auch die Stellungnahme von Landesrat Tilg aus: „Im Sinne der Bundes- und Landes-Zielsteuerung sollen die Leistungen am ‚Best Point of Service‘ erbracht werden. Das ist in vielen Fällen der niedergelassene Bereich. Bei besonderen Konstellationen kann es auch die Krankenanstalt sein.“ Zugleich betont Tilg, das Land beabsichtige keine Konkurrenzierung niedergelassener Ärzte, allerdings: „Bei speziellen lange andauernden Problemsituationen kann sich die Notwendigkeit ähnlicher Lösungsansätze wie bei der kinderärztlichen Ordination in Reutte ergeben.“ Derzeit seien allerdings keine vergleichbaren Projekte geplant.

Info:
www.bkh-reutte.at

Von Hannes Schlosser