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Wenn Bürger mitreden

Foto: Image Zoo

Das Schweizer Gesundheitssystem gilt als eines der teuersten der Welt. Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – eines hohen Privat- und Wettbewerbsanteils. Experten sind sich diesbezüglich nicht ganz einig. Fix ist: das System gilt als recht effizient. 

Dr. Walter Brunner war schon vor seinem Wechsel aus Salzburg in die Ostschweiz einmal im Ausland. „Schon während der Ausbildungszeit war ich auch in der Schweiz und habe dort auch entsprechende Kontakte geknüpft“, erzählt der gelernte Chirurg mit Spezialisierung auf Dickdarm und Mastdarm. Sein Fazit von damals: „Das sollte jeder in seiner Ausbildung einmal machen – ins Ausland gehen. Es eröffnet neue Dimensionen.“ Nach der Ausbildung, die zum Teil an der Uniklinik in Basel erfolgte, ging der Salzburger allerdings auch wieder zurück in seine Heimat. Die Kontakte blieben. 

Entsprechendes Angebot

Und sie waren dann auch ein Grund, dass der Chirurg schlussendlich doch in die Schweiz wechselte, als von dort ein entsprechendes Angebot kam. Heute arbeitet Brunner im Ostschweizer Spitalsverbund des Kantonsspitals St. Gallen, zu dem auch Regionalkrankenhäuser in Rorschach am Bodensee und Flawil gehören. Das Kantonsspital in St. Gallen ist das Zentrumsspital der Ostschweiz und das sechsgrößte Spital der Eidgenossenschaft. Die Häuser in Rorschach und Flawil sind auf allen Ebenen – medizinisch, logistisch und personell – voll integrierte Bestandteile des Unternehmens Kantonsspital St. Gallen.

Neben Grundversorgungsaufgaben für die Bevölkerung der Stadt St. Gallen übernimmt das Krankenhaus auch Zentrumsfunktionen für die Einwohner des ganzen Kantons sowie der angrenzenden Regionen. Brunner selbst arbeitet sowohl in St. Gallen wie auch im wenige Kilometer entfernten Rorschach. „St. Gallen hat die größte Dickdarmchirurgie der Schweiz“, erzählt der Spezialist am Rande einer Fortbildung, die er in Graz zum Thema Mastdarmkrebs hält. In Rorschach wiederum ist Brunner Leiter der Allgemeinchirurgie des Standortes.

Mehr Spielräume

Brunners Erfahrungen aus der Grenzregion zu Vorarlberg und Süddeutschland gestalten sich dabei als durchaus positiv. „Man hat das Gefühl, dass die Schweizer deutlich mehr Geld für das Gesundheitswesen in die Hand nehmen. Das wiederum schafft auch mehr Spielräume.“ Dabei passiere die Entwicklung durchaus bewusst und unter Einbeziehung der Bevölkerung. Nicht zuletzt auch aufgrund der direkten Demokratie. „Da wird auch auf kommunaler Ebene über viele Dinge diskutiert und in Volksentscheiden abgestimmt. Wenn etwa die Bevölkerung entscheidet, dass ein Spitalsstandort erhalten werden soll, dann wird das auch nicht mehr diskutiert. Es ist aber auch jedem dann klar, dass das mehr kostet“, sagt Brunner.

Versicherung aussuchen

Überhaupt sei der Bezug im System für die Versicherten direkter. Während in Österreich die Krankenversicherung durch die Pflichtversicherung vorgegeben ist, müssen sich die Schweizer ihre Versicherungen und auch deren Leistungen selbst aussuchen. Ist das Leistungsangebot breiter, kostet die Versicherung auch mehr. „Für alle Leistungen erhalten  die Menschen auch Rechnungen und sehen, was eine Behandlung gekostet hat.“ Die Patienten in der Schweiz bezahlen direkt für die umfassende und rasch verfügbare Gesundheitsversorgung mit hohen finanziellen Eigenleistungen und Einheitsprämien für die obligatorische Grundversicherung. Im Gegenzug gibt es einen sozialen Ausgleich durch den Staat, wenn sich Menschen die Prämien nicht leisten können.

Alles pauschaliert

In Österreich, so ist Brunner überzeugt, fehle aufgrund des geltenden Systems das Bewusstsein dafür. „Bei uns ist alles pauschaliert. Da hinterfragt auch keiner Angebote und Leistungen.“ Das wiederum führe aber auch dazu, dass die Spielräume für die Akteure im System recht eng seien, damit eben auch das Prinzip der Pauschalierungen funktioniere. Gleichzeitig hemme das aber auch den Reformwillen, ist der Chirurg überzeugt. „Die Schweiz hat etwa in Spitälern bereits 2004 auf eine  50-Stunden-Woche umgestellt – sowohl für Assistenz- wie auch für Oberärzte.

Probleme wie zuletzt in Österreich gab es dabei keine. Der Grund: Die Basisgehälter sind deutlich höher wie in Österreich und decken alle Dienste, Sonderklassehonorare und Zulagen ab. „Das gibt es hier nicht wie in Österreich. Die Sonderklasseeinnahmen gehen direkt an die Klinik. Dafür ist das Grundgehalt sehr hoch.“ Der Vorteil laut Brunner: Macht man weniger Dienste oder geht auf Urlaub, führt das zu keinen Gehaltseinbußen. Brunner: „In Österreich gilt: je mehr Leute auf einer Abteilung, umso weniger Geld bleibt übrig, wenn die Dienste auf mehr Köpfe verteilt werden und die Sonderklassehonorare auf mehrere Leute aufgeteilt werden müssen.“

Intensive Auseinandersetzung

Dennoch gelte auch in der Schweiz, dass die Spitalsdichte recht hoch ist. Ähnlich wie in Österreich gibt es auch da Diskussionen über die Erreichbarkeit in Bergregionen auf der einen Seite und andererseits über Zusammenlegungen von Standorten. Entschieden wird das allerdings in den meisten Fällen über Volksentscheid. Und wer glaubt, dass hier die Bevölkerung immer nur zum eigenen Vorteil entscheidet – was meist Erhalt eines Standortes bedeutet –, der irrt. Brunner: „Die Schweizer setzen sich bei den Volksentscheiden sehr intensiv mit den Themen auseinander. Zuletzt wurde etwa auch mit überwältigender Mehrheit abgelehnt, dass man eine Woche mehr Urlaub haben soll.“ 

Foto: Wikimedia Commons

Schweiz: Wettbewerbsorientiertes Gesundheitssystem  

Das Gesundheitswesen in der Schweiz gehört laut internationaler Analysen weltweit zu den teuersten, weist aber zugleich eine hohe Qualität auf. Es enthält sowohl marktwirtschaftliche wie auch politisch gesteuerte Elemente und vermeidet damit Nachteile der jeweils „ideal-typischen“ Systeme: Einschränkung der Wahlfreiheit und Wartezeiten in staatlichen Systemen auf der einen Seite, Mehrklassenmedizin und soziale Härtefälle in Wettbewerbssystemen auf der anderen Seite.

Der Schweiz eilt zudem der Ruf voraus, die Umsetzung von Reformen im Gesundheitswesen besonders konsequent betrieben zu haben. Bereits Ende 2000 zeichnete die deutsche Bertelsmann- Stiftung das Krankenversicherungsgesetz der Schweiz mit dem Carl-Bertelsmann-Preis aus und hob dabei hervor, dass es der Schweiz gelungen sei, Wettbewerb und solidarische Prinzipien in Übereinstimmung zu bringen. Doch auch tiefgreifende Reformen vermochten weiter steil ansteigende Kosten nicht zu verhindern, so dass die Schweiz heute (hinter den USA) über das teuerste Gesundheitssystem der Welt verfügt. Deutschland folgt in dieser Rangliste auf Platz 3, Österreich liegt auf Platz 6, allerdings weisen Österreich und Deutschland laut OECD einen umfangreicheren Leistungskatalog aus als etwa die USA oder die Schweiz.

Obwohl die Schweizer Gesundheitsversorgung Angelegenheit der Kantone ist und diese auch den größten Teil der Kosten der öffentlichen Hand tragen, regelt das Krankenversicherungsgesetz wichtige gesundheitspolitische Fragen auf nationaler Ebene. Versicherte wiederum müssen sich selbst versichern und zahlen eine sogenannten Kopfpauschale. Als sozialer Ausgleich kann aber von der öffentlichen Hand eine Bezuschussung beantragt werden. Daneben kennt das Schweizer System umfangreiche Selbstbehalte. Familienmitglieder müssen extra versichert werden, wobei die Beiträge für Kinder und junge Erwachsene niedriger sind.

Die Vielfalt der Versicherungsträger, die unterschiedliche Beitragspolitik sowie die Möglichkeit, die Versicherung frei wählen und wechseln zu können, gestatten einen eingeschränkten Wettbewerb der rund zehn Versicherungen. Die von den Kassen zu übernehmenden Leistungen sind per Gesetz verbindlich festgelegt. So soll für alle Versicherten der Zugang zu einheitlichen Grundleistungen gewährleistet werden. Kritiker betonen, dass so zwar eine einheitliche Leistung für alle garantiert sei, es bei den Kosten aber Verschiebungen gebe. Geringverdiener müssen demnach einen wesentlich höheren Teil ihres Einkommens für die Versicherung aufbringen.

Betroffen sind besonders diejenigen, die gerade so viel verdienen, dass sie keine staatlichen Zuschüsse mehr erhalten. Der Grundkatalog der Leistungen umfasst im Wesentlichen sämtliche allgemeinen Leistungen im Krankheitsfall sowie besondere Leistungen bei Mutterschaft und im Rahmen der Prävention. Letztere beziehen sich jedoch lediglich auf Maßnahmen zur Krankheitsfrüherkennung sowie Maßnahmen für Risikopatienten, die von einem Arzt durchgeführt werden. Im Fall einer Behandlung (ambulant wie stationär) werden die Kosten – neben den gesetzlich geregelten Selbstbehalten – jeweils in Höhe der regional unterschiedlichen Tarife vom Versicherer übernommen.

Die Erstattung für Hilfsmittel, Analysen und Arzneimittel geschieht auf der Basis von Positivlisten. Versicherte können in der Schweiz umgekehrt zwischen Leistungserbringern frei wählen, sofern sie entsprechend zugelassen sind. Für über die Grundsicherung hinausgehende Leistungsbereiche, wie etwa die komplette Zahnbehandlung oder Sehhilfen, kann ähnlich wie in Österreich eine entsprechende Zusatzversicherung abgeschlossen werden. Verletzungen im Haushalt, in der Freizeit, im Verkehr und auf dem Weg zur Arbeit werden ebenso nicht von der Krankenversicherung abgedeckt. Für sie muss jeder Bürger eine eigene Unfall- und Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, an der sich allerdings der Arbeitgeber beteiligt. 

Autor: Martin Schriebl-Rümmele