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Deutscher Ärztepräsident warnt vor Stigmatisierung psychisch Kranker

Frank Ulrich Montgomery Montgomery, Präsident der deutschen Bundesärztekammer, warnt vor einer Ausgrenzung psychisch kranker Menschen.

Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery

Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery lehnt eine veränderte Regelung der ärztlichen Schweigepflicht ab und betont: Die meisten Selbstmorde seien “Kurzschlussreaktionen”, die “kein psychologischer Test der Welt” vorhersehe.

Am 30. März war bekannt geworden, dass der Copilot der vor einer Woche in Südfrankreich abgestürzten Germanwings-Maschine vor Erwerb des Pilotenscheines wegen Suizidgefahr in Behandlung war. Darauf folgte in Internetforen ein regelrechter Shitstorm, der sich gegen psychisch Kranke richtete.

In der Diskussion um Konsequenzen aus dem Absturz der Germanwings-Maschine gab der oberste Vertreter der Ärzte in Deutschland gab am 31. März im Bayerischen Rundfunk zu bedenken, dass es sich um eine Stigmatisierung handle, wenn jemand “als Jugendlicher oder als Kind in einer psychotherapeutischen oder psychiatrischen Behandlung war und das für ihn impliziert, dass er nie in seinem Leben mehr Pilot werden könnte oder einen anderen wichtigen, von ihm geliebten Beruf ergreifen könnte”.

Die allermeisten dieser Kranken könnten “hundertprozentig geheilt werden”, so Montgomery. Aus diesem Grund halte er die derzeitige Diskussion für gefährlich, vorschnell und viel zu leichtfertig geführt.

Eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht lehnte der Ärztekammer-Präsident erneut ab. “Es ist gut, dass die ärztliche Schweigepflicht – eines der wichtigsten Patienten- und Menschenrechte überhaupt – hochgehalten wird, dass zum Beispiel Arbeitgeber nicht über die Krankheit ihrer Mitarbeiter informiert werden dürfen.” Auch Menschen wie Piloten müssten “die Chance haben, in einem vertraulichen Patient-Arzt-Gespräch ihrem Arzt zu vertrauen und sich zu öffnen”.

Nach Einschätzung Montgomerys könnte durchaus über mehr psychologische Tests im Rahmen flugmedizinischer Untersuchungen nachgedacht werden. Allerdings herrsche eine fehlerhafte Vorstellung darüber, dass man eine drohende Suizidlage immer sicher erkennen könne. Eine Kurzschlussreaktion könne man durch keinen psychologischen Test der Welt vorhersehen.

Psychotherapeuten gegen Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht

Die Germanwings-Katastrophe löste auch eine Diskussion über die Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht für sensible Berufe wie Piloten aus.

Rainer Richter, Präsident der deutschen Bundespsychotherapeutenkammer, lehnt eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht strikt ab. Diese sei nämlich in Fällen, in denen Patienten andere Personen gefährden, nicht das Problem, so Richter gegenüber der der Deutschen Presse-Agentur. Schon jetzt seien Ärzte und Psychotherapeuten befugt, die Schweigepflicht zu durchbrechen, wenn sie dadurch die Schädigung Dritter verhindern können. In Fällen, in denen es um Leben und Tod gehe, seien sie dazu sogar verpflichtet.

Eine Lockerung der Schweigepflicht für bestimmte Berufe mit hohem Berufsrisiko könnte Katastrophen wie zuletzt in den französischen Alpen nicht verhindern, so Richter. Das Problem sei die grundsätzliche Schwierigkeit, bei einem Menschen die Absicht, sich und insbesondere Dritte zu schädigen, verlässlich zu erkennen und die Ernsthaftigkeit einzuschätzen. Auch eine Jahre zurückliegende Behandlung einer Depression lasse eine Vorhersage einer späteren Suizidgefährdung nicht zu.

Schweigepflicht unverzichtbare Basis jeder medizinischen Tätigkeit

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin, Hans Drexler, erklärte in einer Aussendung, dass der Flugzeugabsturz aktuell eine wenig qualifizierte bis hin sogar schädliche öffentliche Diskussion über die ärztlichen Schweigepflicht gegenüber Arbeitgebern ausgelöst habe. Nach Ansicht der meisten Fachleute sei der Absturz der Germanwings-Maschine auch durch eine gelockerte ärztliche Schweigepflicht nicht verhindert worden. Wenn man alle Menschen mit depressiven Episoden oder Suizidgedanken als nicht geeignet für Berufe mit potentieller Drittgefährdung betrachten wollte – und das seien bei weitem nicht nur die Piloten von Flugzeugen – wäre eine moderne Gesellschaft nicht mehr arbeits- und handlungsfähig, so der Arbeitsmediziner. Aussagen zur Prognose seien zudem immer unsicher und ein unauffälliger Untersuchungsbefund garantiere noch lange keine körperliche oder seelische Gesundheit zu einem späteren Zeitpunkt.

Wenn sich ein Mensch mit gesundheitlichen Problemen nicht mehr auf die absolute Verschwiegenheit gegenüber Dritten verlassen könne, werde dieser seinem Arzt wohl kaum noch Informationen anvertrauen, die seine berufliche Beschäftigung gefährden könnten, mutmaßt Drexler. Es sei eine Illusion zu glauben, ein Arzt könne ohne Mitwirkung des betroffenen Menschen sicher und verlässlich physische oder psychische Erkrankungen erkennen. Drexler warnt mit Nachdruck davor, das hohe Rechtsgut des Vertrauensverhältnisses von Arzt und Patient durch eine wenig differenzierte Diskussion um eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht gegenüber Arbeitgebern zu gefährden.

Quelle: APA/AFP