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Ärzte für verpflichtende Impfungen

Foto: decade3d/iStock

Von wegen Ausrottung: Die Masern treiben weiter ihr Unwesen. Während Politik und Kammern eine Impfpflicht ablehnen, positionieren sich Ärzte dafür.

Heuer wird es also wieder nichts: die Masern verbreiten sich munter weiter, von Eradikation keine Spur. In den ersten zwei Monaten des Jahres sind in Österreich rund 50 Menschen an Masern erkrankt. Nach rund 100 Erkrankungen im Vorjahr hat die Republik damit wieder ein WHO-Ziel verfehlt. Der Ruf nach einer Impfpflicht wird daher laut, zumindest an der ärztlichen Basis, wie eine Umfrage der Medizin Medien Austria zeigt. Bekanntlich sollten die Morbilliviren bis zu diesem Jahr ausgerottet werden. Darauf hatte sich die Weltgesundheitsversammlung 2010 geeinigt – und damit auch Mitgliedsstaat Österreich. Doch der Meilenstein von weniger als 5 Erkrankungen je 1 Million Einwohner1) ist hierzulande bereits seit der 43. Infektion überschritten.

Ähnlich ist die Situation bei den deutschen Nachbarn. Die Bundesrepublik zählt seit Jahresbeginn mindestens 507 Masernfälle, die tatsächliche Zahl der Erkrankungen dürfte noch höher liegen. Ein Kleinkind ist an den Folgen der Erkrankung gestorben. Ausgangspunkt der Epidemie sind Asylsuchende aus Bosnien und Herzegowina oder Serbien, wo seit 2014 eine Masern-Epidemie wütet. In Deutschland ist daraufhin eine Debatte über die Einführung einer Impfpflicht ausgebrochen. Die Bundesärztekammer hat sich explizit dafür ausgesprochen. Der dortige Gesundheitsminister nennt die Pflicht „kein Tabu“, der Justizminister hält sie für verfassungsrechtlich möglich. Hierzulande sind sich Politiker und Ärztekammer- Funktionäre weitgehend einig: eine Pflicht zur Vakzine kommt nicht in Frage – zumindest derzeit. Sowohl die ÖÄK als auch Gesundheitsminister Dr. Sabine Oberhauser erteilten ihr eine deutliche Absage.

Anders ist jedoch das Bild an der ärztlichen Basis: Die spricht sich mehrheitlich für eine Impfpflicht aus. Laut einer Blitzumfrage der Medizin Medien Austria stimmen 57,7% der österreichischen Allgemeinärzte, Pädiater und Internisten für eine solche Pflicht. Befragt wurden von Donnerstagabend (26.2.) bis Montagmorgen 732 Ärzte. Für Allgemeinmediziner ist das Ergebniss repräsentativ. Jeder vierte befragte Arzt fordert demnach eine generelle Impfpflicht (24,7%), die Mehrheit wünscht sie sich jedoch nur für Erkrankungen, mit einem WHO-Eradikationsziel – wie etwa Masern (29%). Ein geringer Teil der Ärzte würde eine Impfpflicht auf Krankheiten begrenzen, die in Folge einer Epidemie aufgetreten sind (4%). Auffällig sind aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Ärztegruppen: Unter Spitalsärzten ist die Forderung nach einer Pflicht zur Impfung mit 69,8% deutlich ausgesprägter als bei niedergelassenen Ärzten (54,9%). Zudem wird die Forderung häufiger von Internisten erhoben (71,5%) als von Kinderärzten (59%) und Allgemeinmedizinern (54,6%).

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Jeder fünfte befragte Arzt würde statt einer Impfpflicht lieber die Aufklärung verstärken wollen und nimmt sich selbst damit in die Pflicht (20,4%). Ähnlich die Ärztekammer für Wien: Sie bezeichnete „richtige, vollständige, verständliche, objektive und unabhängige Informationen“ als „einzige sinnvolle Maßnahme“. Mehr als jeder Zehnte äußerte die Befürchtung, dass eine Impfpflicht verfassungswidrig wäre (13,5%). Ähnliche Vorbehalte hatte jüngst auch das Gesundheitsministerium geäußert. Auch die Wiener Ärztekammer hatte sich mit Verweis auf die Haftungsfrage gegen eine Pflicht ausgesprochen und vor einer „Prozesslawine“ wegen möglicher Impfschäden gewarnt.

Ungelöst bleibt dennoch das Problem der unzureichenden Impfquoten. Zwar erreicht die 1. MMR-Impfung mittlerweile rund 95% der Kinder in Österreich, bloß bei dem zweiten Pieks flacht die Kurve ab: Hier beträgt die Durchimpfungsrate nur noch rund 80% – zu wenig für eine Herdenimmunität. Unter den Ärzten jedenfalls macht sich keine Impfskepsis breit. Nur insgesamt drei Prozent der befragten Ärzte „outeten“ sich als Skeptiker und gaben an, Masern seien entweder harmlos, die Erkrankung dürften Kinder „ruhig durchmachen“, oder Impfstoffe hätten potenziell mehr Nebenwirkungen als Nutzen.

So steht die absolute Mehrheit der Ärzte deutlich hinter der Masernimpfung: 92,9% der Befragten gaben an, dass ihre eigenen Kinder geimpft seien. Bei Kinderärzten und Internisten ist diese Aussage merklich häufiger als bei Allgemeinärzten (98,7 und 97,8 versus 90,1%). Noch beeindruckender ist aber die Erwartung an Kollegen und Mitarbeiter in der Ordination: Jeder fünfte befragte Arzt (21,8%) fordert demnach von seinem Praxispersonal, gegen Masern geimpft zu sein. Auch dieser Wert ist bei Kinderärzten mit 32,7% noch ausgeprägter.

Autor: Denis Nößler