Menü Logo medONLINE.at

AmberMed: “Der größte Erfolg ist, dass es uns gibt”

DSA Carina SpakSeit nunmehr zehn Jahren werden in der Wiener Ordination von AmberMed Menschen behandelt, die durch die Lücken des Sozialversicherungsnetzes gerutscht sind oder gar keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung haben. Im Gespräch mit CliniCum schildern Dr. Monika Matal und DSA Carina Spak als Ärztliche bzw. hauptamtliche Leiterin, worin die Herausforderungen und Chancen ihrer Tätigkeit bestehen.

  • CliniCum: Was kommt zuerst: Armut oder Krankheit?
  • Matal: Armut. Sicher gibt es Menschen, die durch Krankheiten in die Armutsfalle gelangen. Bei der Mehrheit unserer Patienten steht aber ohne Zweifel die Armut an erster Stelle.
  • Spak: Hinzu kommt, dass unsere Patienten erst sehr spät ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie krank sind. Auch haben sie durch ihre Lebenssituation kaum Möglichkeiten, Krankheiten auszuheilen: Sie leben in engen, oft feuchten Wohnungen, haben keine Möglichkeit der Kinderbetreuung.
  • CliniCum: Woher kommen Ihre Patienten?
  • Spak: Prinzipiell haben wir drei Gruppen von Patienten: Die erste sind Österreicher, die aus den verschiedensten Gründen den Schutz der Sozialen Krankenversicherung verloren haben. Vielen von ihnen können wir dann auch helfen, entsprechende Anträge zu stellen, um wieder in das soziale Netz zu kommen bzw. krankenversichert zu sein. Die zweite, viel größere Gruppe sind Asylwerber, die den Anspruch auf Grundversorgung entweder nicht bekommen oder wieder verloren haben. Die dritte, ebenfalls recht große Gruppe sind Migranten, darunter wiederum sehr viele EU-Bürger. Hier wäre die Politik gefragt, angesichts der massiven Armut in Europa Mittel und Wege zur Armutsbekämpfung in Ländern wie etwa Rumänien zu finden.
  • CliniCum: Wo sehen Sie als Ärztin den Sinn darin, sich in einer allgemein auf Erwerbstätigkeit ausgerichteten Gesellschaft ehrenamtlich für sozial Schwache zu engagieren?
  • Matal: Die Menschen, denen wir helfen, haben einfach keine Möglichkeit, an eine Arbeitserlaubnis, eine Krankenversichrung und damit an eine medizinische Versorgung und Behandlung zu kommen. Als ich vor rund acht Jahren von Amber-Med gehört habe, stand mein Entschluss sofort fest: hier will ich mich einbringen.
  • CliniCum: Insgesamt haben Sie ein Team von rund 40 ehrenamtlich mitarbeitenden Ärzten, noch viel mehr kooperieren mit Amber- Med – wie finden Sie Kollegen, die mitarbeiten?
  • Matal: Ich frage immer wieder Kollegen aus den verschiedensten Fachrichtungen, ob sie uns unterstützen könnten, und noch kein einziger hat dies abgelehnt. Gerade bei speziellen Diagnosen oder Fragestellungen können wir immer auf die Unterstützung von Kollegen zählen, die im Bedarfsfall die Patienten in ihren Ordinationen kostenfrei bekommen. In Notfällen können wir auch Spitalsbehandlungen organisieren.
  • Spak: Aus organisatorischer Sicht ist für berufstätige Ärzte die Übernahme fixer Ambulanzzeiten natürlich nicht ganz einfach. Wir haben im Team jedoch sehr viele pensionierte Ärzte, die hier ihre große Erfahrung einbringen, gerade was die Diagnostik angeht.
  • Matal: Ärzte, die mit Leib und Seele ihren Beruf ausüben, hören nach der aktiven Laufbahn im Spital oder in der Ordination meist nicht von heute auf morgen auf. Da ist es eine gute Möglichkeit, einige Stunden pro Woche seine Fähigkeiten für einen guten Zweck einzubringen. Ich kann mir selbst gut vorstellen, auf diese Weise weiterzuarbeiten, wenn ich mich einmal aus meiner Ordination zurückziehe. Es arbeiten übrigens auch Menschen aus anderen Gesundheitsberufen gerne bei uns mit, z.B. Physiotherapeuten oder Krankenpfleger.
  • CliniCum: Wo liegen die größten Herausforderungen für die hier tätigen Ärzte?
  • Matal: In unseren sehr begrenzten Möglichkeiten, v.a. was die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten angeht. Besonders drastisch zeigt sich dies bei Karzinompatienten: Wir können zwar eine Operation organisieren, eine Chemo- oder Strahlentherapie dagegen ist unmöglich, weil es keine Mittel dafür gibt. Das macht manchmal ohnmächtig zu wissen, welche therapeutischen Optionen prinzipiell zur Verfügung stünden. Bei lebensbedrohlichen Erkrankungen haben Patienten allerdings die Möglichkeit, vorübergehend eine Krankenversicherung zu bekommen. Schwierig ist es mitunter auch, Entbindungen für schwangere Patientinnen zu organisieren, denn dazu müssen sich die Frauen bzw. ihre Familien selbst darum kümmern, in einem Spital eine möglichst günstige Entbindung zu bekommen – immerhin gibt es dafür geringe Kontingente an den Spitälern.
  • Spak: Wir helfen den Patienten so gut es geht in organisatorischen Dingen, die Eigenverantwortung für die Umsetzung aller nötigen Schritte liegt allerdings bei ihnen – wir haben einfach nicht die Ressourcen, sie zu Ambulanzterminen zu begleiten. Das bedeutet aber auch, dass wir etwa für Obdachlose oder stark verwahrloste Personen nicht die richtige Anlaufstelle sind, dafür gibt es andere Einrichtungen. Die öffentlichen Gelder, die wir bekommen, werden ausschließlich zur Aufrechterhaltung der Ordination sowie zur Qualitätssicherung eingesetzt. Sämtliche Zusatzleistungen müssen wir über Spenden finanzieren, auch die Sozialarbeit im Ausmaß von 20 Stunden
  • CliniCum: Ein Schwerpunkt von AmberMed liegt in den Bereichen Gynäkologie und Pädiatrie?
  • Matal: Tatsächlich betreuen wir sehr viele Schwangere. Das liegt zum Teil daran, dass Frauen erst durch die Schwangerschaft ärztlichen Rat suchen, aber auch daran, dass viele unserer Klientinnen infolge ihrer Armut oft keine optimale Empfängnisverhütung haben, mitunter auch aus religiösen oder kulturellen Gründen. Die Begleitung in der Schwangerschaft funktioniert gut, auch Kinder werden im Krankheitsfall zu uns gebracht. Gynäkologische Kontroll- oder gar Vorsorgeuntersuchungen werden aber kaum in Anspruch genommen.
  • Spak: Wir bemühen uns jedoch zunehmend um präventive Angebote wie eine Stillberatung. Viele der jungen Mütter glauben, es sei gesünder für das Baby, nicht zu stillen – da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Der pädiatrische Schwerpunkt hat sicher auch damit zu tun, dass Frauen einfach mehr Verantwortung für die Gesundheit ihrer Familien übernehmen und selbst in schwierigen Situationen für ihre Kinder medizinische Behandlung suchen.
  • CliniCum: Sie haben es durch den Flüchtlings- oder Migrantenstatus ihrer Patienten oft mit traumatisierten Menschen zu tun. Was bedeutet das für Sie persönlich?
  • Spak: Im hauptamtlichen Team haben wir Team-Supervision, auch für ehrenamtliche Mitarbeiter können wir bei Bedarf Supervision organisieren und finanzieren, das muss einfach möglich sein. Ich achte bei der Auswahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter allerdings immer darauf, dass sie selbst keine traumatischen Erfahrungen mitbringen. Menschen, die selbst in ihrer Kindheit traumatische Kriegserlebnisse hatten, können hier nicht arbeiten, das wäre zu belastend. Aktuelle Menschenrechtsverletzungen, Missbrauch, Misshandlungen bringen unsere Ärzte natürlich zur Anzeige.
  • CliniCum: Worin bestehen die größten Erfolge von AmberMed?
  • Matal: Der größte Erfolg ist sicher der, dass es uns so überhaupt gibt. Immerhin haben wir kürzlich unser zehnjähriges Bestehen gefeiert.
  • Spak: Ein Erfolg ist es immer dann, wenn es gelingt, Patienten gesund zu machen und wenn diese wieder in den Schutz der sozialen Krankenversicherung kommen – sich also ihre rechtliche Situation klärt und sie die Möglichkeit eines Einkommens haben. 75 Prozent unserer Patienten kommen höchstens ein Jahr lang. Das bedeutet, es gibt dann andere Lösungen für sie.
  • CliniCum: Gerade zur Weihnachtszeit bitten viele soziale Organisationen um Spenden – warum sollte man für AmberMed spenden?
  • Spak: Weil Gesundheit ein Basisgut ist, weil wir sehr knappe Mittel haben und weil Spenden direkt in die Behandlung einfließen. Ausgaben für Verwaltung und Organisation halten wir so gering wie möglich.
  • Matal: Viele Patienten in meiner Ordination spenden gerne für AmberMed, einfach weil sie wissen, dass ich mich hier ehrenamtlich engagiere – der persönliche Kontakt gibt sicher den Ausschlag. Ich besorge mit den Spendengeldern oft Medikamente, genauso verwenden wir nicht gebrauchte Medikamente, die in der Apotheke zurückgegeben wurden. Wenn Menschen wissen, dass es uns gibt, dann geben sie gerne. Gut gebrauchen können wir übrigens auch nicht mehr benötigte Hilfsmittel wie Rollatoren oder Babykleidung, die wir an unsere Patienten weitergeben, auch wenn das nicht unsere primäre Aufgabe ist.
Das Gespräch führte Mag. Christina Lechner

Dr. Monika Matal ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wien; seit 2006 arbeitet sie ehrenamtlich für AmberMed, seit 2010 ist sie deren Ärztliche Leiterin. DSA Carina Spak ist hauptamtliche Leiterin vom AmberMed.

www.amber-med.a