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Arm und krank: Studie der Armutskonferenz

Eine Studie der Armutskonferenz, die Lücken und Barrieren im österreichischen Gesundheitssystem aus Sicht von Armutsbetroffenen aufzeigt, kam zu dem Ergebnis, dass Menschen unter der Armutsgrenze gesundheitliche Nachteile haben. Die Untersuchung thematisiert auch den mangelnde Zugang zu Gesundheitsleistungen, die Unterschiede zwischen Armen in Stadt und Land, die Nicht-Leistbarkeit sowie die Unverständlichkeit von Diagnosen und Befunden, aber auch Schwierigkeiten bei Gutachten, Beschämung und Ängste.

Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich, Mitbegründer der Armutskonferenz und Mitglied des Menschenrechtsbeirats des Innenministeriums, präsentierte am 18. August eine partizipative Erhebung, die er gemeinsam mit Florian Riffer durchgeführt hat. Die Autoren der Studie mit dem Titel Lücken und Barrieren im österreichischen Gesundheitssystem aus Sicht von Armutsbetroffenen entnahmen den Zahlen der Statistik Austria, dass Menschen in Haushalten unter der Armutsgrenze einen dreimal schlechteren Gesundheitszustand aufweisen als jene in Haushalten mit hohen Einkommen. Darüber hinaus seien die Armutsbetroffenen doppelt so häufig krank wie Menschen, die in Haushalten mit mittlerem Einkommen leben.

© iStockphoto, Ratikova
In Österreich gelten 385.000 Personen als arm und mehrfach ausgegrenzt. Diese Bevölkerungsgruppe ist den Autoren zufolge von einem sehr schlechten allgemeinen Gesundheitszustand, chronischer Krankheit und starken Einschränkungen bei Alltagstätigkeiten betroffen.

 

Krankheiten steigen mit sinkendem sozialem Status an und die untersten sozialen Schichten weisen die schwersten Erkrankungen auf, wobei die Betroffenen gleichzeitig die geringste Lebenserwartung haben, schreiben die Autoren in ihrer Einleitung. Die soziale Stufenleiter gelte als sozialer Gradient, der mit jeder vorrückenden Einkommensstufe die Gesundheit und das Sterbedatum anhebt. Auswertungen der österreichischen Gesundheitsbefragung durch die Gesundheit Österreich GmbH (ATHIS 2006/2007) hätten ergeben, dass es einen starken Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand und dem Auftreten chronischer Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Arthrosen und Rheuma bzw. von akuten Ereignissen wie Herzinfarkt gibt. Je geringer die Menschen gebildet seien, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, an einer der genannten Krankheiten zu leiden.

Die Resultate zum Einfluss von Armut und sozialem Status auf die Gesundheit in Österreich würden den internationalen Forschungsergebnissen entsprechen (vgl. Mackenbach
und Bakker 2002; Van Lenthe, Schrijvers und Mackenbach 2004; Orpama und Lemyre 2004; Marmot 2005; Mielck 2005; Siegrist und Marmot 2008).

Psychosoziale Auswirkungen von Armut

Menschen mit geringem sozioökonomischem Status weisen der Studie zufolge signifikant mehr Krankenhausaufenthalte aufgrund affektiver Störungen wie Depression auf. Bei arbeitslosen Personen betrage die Wahrscheinlichkeit noch ein Vielfaches. Ähnliche Unterschiede fanden die Autoren auch für Belastungsstörungen.

Generell sei bei steigender sozialer Ungleichheit eine Verschlechterung der gesundheitlichen Lebensbedingungen festzustellen. Die Lebenserwartung sinke, die Kindersterblichkeit steige, die Geburtenrate bei Teenagern nehme zu und die Aufstiegschancen für Kinder seien geringer.

Soziale Ungleichheit wirkt sich negativ auf die gesundheitliche und soziale Entwicklung aus

Soziale Ungleichheit wirkt sich negativ auf die gesundheitliche und soziale Entwicklung aus. Quelle: Wilkinson/Pickett 2010; der Index inkludiert: Lebenserwartung, Analphabetismus und mathematische Fähigkeiten, Kindersterblichkeit, Mordraten, Anzahl an Häftlingen, Schwangerschaften von Jugendlichen, Vertrauenslevel, Fettleibigkeit, Ausmaß an psychischen rkrankungen (inkl. Drogen-­ und Alkoholmissbrauch) und soziale Mobilität.
Quelle: Wilkinson/Pickett 2010; der Index inkludiert: Lebenserwartung, Analphabetismus und mathematische Fähigkeiten, Kindersterblichkeit, Mordraten, Anzahl an Häftlingen, Schwangerschaften von Jugendlichen, Vertrauenslevel, Fettleibigkeit, Ausmaß an psychischen Erkrankungen (inkl. Drogen-­ und Alkoholmissbrauch) und soziale Mobilität. © Die Armutskonferenz

 

Die soziale Selektionshypothese postuliert, dass Krankheit und schlechte Gesundheit zu sozialen Problemen führen. Krankheit macht arm. Wer krank ist, steigt ab, wer gesund ist, steigt auf. Der Gesundheitszustand bestimmt den sozioökonomischen Status. „Armut macht krank“ beschreibt den Zusammenhang in die andere Richtung. Über Einkommen, Beruf und Bildungsabschlüsse vermitteln sich unterschiedliche Lebensbedingungen mit unterschiedlichen Wohnverhältnissen, Arbeitsplätzen und Erholungsräumen. Die Alltagsbelastungen sind ungleich verteilt und führen dort, wo sie überproportional auftreten, zu höheren gesundheitlichen Risiken. Belastungen können physisch wie auch psychisch verstanden werden. Schlechte Luft für Ärmere in Wohnungen an den Autorouten der Großstädte belastet den Organismus, genauso wie chronischer Stress in einem prekären und unsicheren Alltag.

Gesundheitsversorgung

Der etwa im Vergleich zu den USA in Österreich sehr gute Krankenversicherungsschutz führe manchmal dennoch zu Problemen. Für viele Menschen sei der mangelnde
Versicherungsschutz kurzzeitlich, für manche dauerhaft. Ein Mix aus strukturellen Lücken, sozialen Benachteiligungen, fehlenden persönlichen Ressourcen und mangelnder Information betreffe insbesondere Menschen in prekären Beschäftigungssituationen, oder schweren psychischen Krisen, Arbeitssuchende ohne Leistungsanspruch, vormals mit ihrem Ehemann mitversicherte Frauen nach der Scheidung sowie Hilfesuchende, die ihren Mindestsicherungsanspruch aus Scham nicht einlösen.

Unter der Armutsgrenze lebende Menschen können der Studie zufolge aber auch dann nicht gut versorgt sein, wenn ein Krankenversicherungsschutz besteht. Oftmals seien Selbstbehalte nicht leistbar oder Rehabilitations-­Maßnahmen werden in zu geringem Umfang angeboten. „Vier Prozent der Mehrfach-­Ausgrenzungsgefährdeten hatten in ihrem Haushalt in den letzten 12 Monaten den Fall, dass zahn-­ oder sonstige medizinische Leistungen auf Grund der Kosten nicht in Anspruch genommen wurden. Bei Einfach-­Ausgrenzungsgefährdeten bejahen dies zwei Prozent, während die Nicht-­Inanspruchnahme aus finanziellen Gründen für nicht-­ausgrenzungsgefährdete Menschen keine Rolle spielt“. (Statistik Austria 1015).

Behandlung und Inanspruchnahme

Einkommensschwächere Personen suchen laut der Erhebung um 20 Prozent seltener Fachärzte auf und erhalten durchschnittlich billigere Arzneimittel verordnet. Sozial benachteiligte Personen, insbesondere aus ländlichen Regionen, hätten größere Probleme mit der Erreichbarkeit von Gesundheitseinrichtungen. Die Daten der Statistik Austria (2014) zeigen die Unterschiede dringend benötigter Behandlungen nach Einkommen und Bildung auf. Je geringer das Einkommen und der Bildungsabschluss seien, desto seltener weden Leistungen in Anspruch genommen.

Nicht-Inanspruchnahme dringend benötigter medizinischer Leistungen nach Einkommen und Bildung. Quelle: Statistik Austria, EU-SILC 2008, 2013
Nicht-Inanspruchnahme dringend benötigter medizinischer Leistungen nach Einkommen und Bildung. Quelle: Statisitk Austria, EU-SILC 2008, 2013

Laut der aktuell verfügbaren Erhebung der Statistik Austria (2015) nahmen drei Przent der armutsgefährdeten Personen einen notwendigen Arztbesuch nicht in Anspruch. Dies war nur bei einem Przent jener mit mittlerem und bei niemandem mit hohem Einkommen der Fall. Die Nichtinanspruchnahme zahnmedizinischer Leistung trotz Bedarf wird in 44 Prozent der Fälle auf finanzielle Gründe zurückgeführt. Bei sonstigen medizinischen Leistungen treffen finanzielle Gründe mit 28 Prozent etwas seltener zu (Statistik Austria 2015).

 

 

 

 

 

Nichtinanspruchnahme von gesundheitsbezogenen. Quelle: STATISTIK AUSTRIA, EU-­SILC 2014, Personen ab 16 Jahren. Gerundete Werte. Einkommensgruppen in % des Medians des Äquivalenzeinkommens: Niedrig <60 %, Mittel 60 % bis <180 %, Hoch ≥180 %. Sind in der Randverteilung weniger als 50 oder in der Zelle weniger als 20 Fälle vorhanden, wird geklammert. Leistungen nach Einkommensgruppen
Nichtinanspruchnahme von gesundheitsbezogenen. Quelle: STATISTIK AUSTRIA, EU-­SILC 2014, Personen ab 16 Jahren. Gerundete Werte. Einkommensgruppen in % des Medians des Äquivalenzeinkommens: Niedrig

 

Qualitative Untersuchung zur Gesundheit armer Menschen in Österreich

Bei der aktuellen Ergebung, die von der Armutskonferenz beauftragt wurde, wurden Personen, die sich selbst selbst als „Menschen mit Armutserfahrung“ definieren, befragt und deren Erfahrungen und Wissen in den Mittelpunkt gerückt. Insgesamt nahmen 22 Teilnehmer zwischen 26 und 81 Jahren an den Fokusgruppen teil. Methodisch wurde das Projekt in Form von jeweils einer Fokusgruppe in Wien, Graz und Linz umgesetz. Im Anschluss wurden die Protokolle qualitativ und computerunterstützt mit dem Programm Atlas.ti ausgewertet.

Darüber hinaus erhoben Schenk und Riffer Themen und Felder mangelnder Barrierefreiheit, an denen vertieft weiter gearbeitet werden könne.

Kategorienbaum "Lücken und Barrieren"
Kategorienbaum „Lücken und Barrieren“

 

Die Auswertungen der Fokusgruppeninterviews zeigen, dass sich gesundheitliche Ungleichheit in konkreten Erfahrungen armutsbetroffener Menschen innerhalb des österreichischen Gesundheitssystems widerspiegelt. Das Gesundheitssystem werde von Armutsbetroffenen als Zwei-­Klassen-­System erlebt, das sich vor allem in der Nicht-­Leistbarkeit und dem damit verbundenen erschwerten Zugang zu diversen Gesundheitsleistungen manifestiere. Oft resultierten daraus Angst vor zukünftigen Erkrankungen, Medikamentenbedarf oder der Schließung sozialer Einrichtungen, welche die Betroffenen außerhalb des Gesundheitssystems unterstützen. Weiters zeige sich, dass sich armutsbetroffene Menschen im Gesundheitssystem mit massiven Stigmatisierungen, Geringschätzungen oder mangelndem Respekt konfrontiert sehen. Dies sei vor allem in Krankenhäusern, teilweise aber auch im niedergelassenen Bereich der Fall.

Als weiterer zentraler Punkt machen die Autoren Probleme rund um das Frühpensionierungsprozedere fest. In den oft langwierigen und belastenden Verfahren herrsche trotz schwerer gesundheitlicher Probleme massiver Druck zur Reintegration in den Arbeitsmarkt. Zudem würden bei den Gutachten Befunde oft ignoriert. Weitere wichtige, in den Fokusgruppen angesprochene Themen waren Unterschiede in der Gesundheitsversorgung zwischen Stadt und Land, Transport, mangelnde Information zu Gesundheitsleistungen, Begleitung, Unverständlichkeit von Diagnosen, lange Wartezeiten auf Therapien oder Behandlungen und Sprachprobleme.

15 Punkte für weniger Barrieren im Gesundheitssystem

Auf Basis der in der Untersuchung festgestellten Lücken in der Gesundheitsversorgung wurden Möglichkeiten zur Verbesserung der identifizierten Problembereiche diskutiert. Die Armutskonferenz schlägt ifolgende Verbesserungen vor:

  1. Begleitdienste („Mitgehen“) für Armutsbetroffene bei Gutachten und Gesundheitsdiensten. Auch bei Ämtern und Behörden.
  2. Persönliche Begleitung, Mentoring, Buddies: Jemanden haben, der/die einfach da ist und Gemeinsames unternimmt, Freizeitaktivitäten etc.
  3. Psychotherapie und psychosoziale Notdienste: erleichterter Zugang zu kostenloser Psychotherapie, Ausbau von Therapie- und Beratungseinrichtungen und psychosozialen Notdiensten außerhalb der Ballungszentren.
  4. Prävention und Rehabilitation: erleichterter Zugang zu präventiven Gesundheitsmaßnahmen wie Kuren etc., uneingeschränkter Zugang zu REHA-Maßnahmen; Personen mit multiplen Beeinträchtigungen sind wegen Betreuungsbedarf von Kuren ausgeschlossen.
  5. Finanzielle Unterstützung: Unbürokratische finanzielle Unterstützung bei Behandlungen mit hohen Selbstbehalten (Zahnersatz, Regulierungen, etc.) sowie bei notwendigen Heilbehelfen; Selbstbehalte außerhalb der Rezeptgebührenbefreiung sind für Prekarisierte und Einkommensschwache nicht leistbar.
  6. Bessere räumliche Erreichbarkeit von Gesundheitseinrichtungen: Menschen mit wenig Geld haben besonders im ländlichen Raum große Probleme, Gesundheitseinrichtungen zu erreichen. Auch kleinere Wege sind ohne Auto kaum machbar. Kommen Armut und Krankheit zusammen ist die Mobilität völlig eingeschränkt.
  7. Kein Zwang zu krankmachender Erwerbsarbeit: Die Erfahrung „ganz unten“ ist, dass Arbeit nicht automatisch „integriert“, sondern „sozial exkludieren“ kann, was Fragen rund um Sanktionen, Krankheit, Invaliditätspension und „Arbeit um jeden Preis“ aufwirft. Wenn Arbeit krank macht, prekarisiert, ohne Anerkennung und Wertschätzung, entsteht soziale Ausgrenzung durch die Arbeit selbst. „Arbeit um jeden Preis?“: AMS, Sanktionen und Angst machen krank.
  8. Krank und vor dem Nichts? Wiedereinführung des Pensionsvorschusses: Der Pensionsvorschuss war bisher eine finanzielle Absicherung für Menschen, deren Anspruch auf Krankengeld nach einem Jahr Bezug ausgeschöpft war. Gerade schwere Unfälle, langwierige Krebserkrankungen oder die zunehmenden psychischen Erkrankungen bringen eine längere Arbeitsunfähigkeit mit sich. Jetzt stehen die Betroffenen vor dem Nichts.
  9. Medizinische Gutachten: Mehr Respekt und Beachtung vorliegender Befunde: Bessere Ausbildung und Sensibilisierung von GutachterInnen. Bereits vorliegende Befunde dürfen nicht missachtet werden.
  10. Gleiche Behandlung und gleiche Therapien – egal ob arm oder reich: Werden Armutsbetroffene gleich behandelt, bekommen sie die gleiche Medizin, die gleiche Therapie? Keine Klassenmedizin – ob bewusst oder unbewusst.
  11. Keine Kürzung für soziale Dienste und Einrichtungen: Sparpakete und Austeritätspolitik verschlechtern die Unterstützung von sozialen Diensten.
  12. Rechtshilfe und Anwaltschaft: Gleicher Zugang zum Recht für alle – egal ob arm oder reich. Vertretung von Betroffenen bei Krankenkasse, Pensionsversicherung, AMS und Sozialamt. Rechtsberatung, Rechtshilfe und Rechtsdurchsetzung.
  13. Krankenversicherung: Schließen der Lücken für Menschen ohne Krankenversicherung: Für viele ist der mangelnde Krankenversicherungsschutz kurzzeitlich, für manche dauerhaft. Es ist ein Mix aus strukturellen Lücken, sozialen Benachteiligungen, fehlenden persönlichen Ressourcen und mangelnder Information. Davon betroffen sind Menschen in prekärer Beschäftigung, Personen in schweren psychischen Krisen, Arbeitssuchende ohne Leistungsanspruch, Hilfesuchende, die ihren Mindestsicherungsanspruch aus Scham nicht einlösen.
  14. Verständlichkeit und Lesbarkeit von Formularen, Diagnosen und Therapien: Eine angemessenere und leichter verständliche Formularsprache. Mehr Zeit für die Erklärung von Diagnosen bzw. Therapien.
  15. Dialogforen mit ÄrztInnen, EntscheidungsträgerInnen und anderen Gesundheitsberufen: Armutsbetroffene kommen ins Gespräch mit AkteurInnen des Gesundheitssystems. Sensibilisierung für Anliegen und Situation Einkommensschwacher, Erfahrungsaustausch am runden Tisch (z.B. mittels „Weltcafé“).

Quelle: Armutskonferenz

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