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Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik

Wechselspiel Psyche und Ernährung

3D-Rendering von Nahrungsergänzungsmitteln isoliert auf weißem Hintergrund

Wie die zwei folgenden Beispiele zeigen, kann es ratsam sein, bei Menschen mit psychischen Erkrankungen oder in psychisch belastenden Lebensphasen auch einmal einen Blick auf die Ernährung zu werfen.

Mikronährstoffdefizite bei Depression

Wenn Sie Patienten mit Depressionen schon immer geraten haben, auch auf ihre Ernährung zu achten, dann können Sie seit Neuestem auf ein EBM-Gütesiegel für Ihren Ratschlag verweisen: Im Vorjahr empfahlen die Autoren einer großen Metaanalyse nach der Prüfung von 16 randomisierten kontrollierten Studien diätetische Interventionen als vielversprechenden und neuartigen Therapieansatz zur Verringerung von Depressionssymptomen in der Gesamtbevölkerung. Eine mögliche Rolle spielen dabei Mikronährstoffe. So sind etwa die Vitamine der B-Gruppe, Vitamin C, Zink und Eisen wichtige Co-Faktoren in der Neurotransmittersynthese. Die behandelnden Ärzte der Grazer Universitätsklinik für Psychiatrie wollten nun wissen, wie verbreitet Mikronährstoffdefizite bei ihren depressiven Patienten tatsächlich sind (bisher wurden Nährstoffdefizite bei Patienten, die wegen einer depressiven Episode stationär aufgenommen wurden, nicht erhoben).

Untersucht wurden 68 Probanden (54 Frauen und 14 Männer). Das Ergebnis: Am ausgeprägtesten war der Mangel beim Vitamin D (50% der Männer und 51,8% der Frauen). Bei Selen wiesen 37 Prozent der Frauen und 28,5 Prozent der Männer ein Defizit auf. Eisen-Mängel konnten die Grazer Forscher bei 16,6 der Frauen und 7,1 Prozent der Männer beobachten. Erhöhte Spiegel und eine negativ signifikante Korrelation zur Hamilton Depressionsskala fanden sich beim Serumkupfer (46,3% der Frauen und 14,3% der Männer über den Referenzwerten). Der Serumferritin-Spiegel war bei rund 21 Prozent aller Männer und 1,8 Prozent aller Frauen erhöht und korrelierte ebenfalls negativ dem Schweregrad der Depression (erfasst mit dem Beck-Depressions-Inventar).

Gestörtes Essverhalten bei induzierter Menopause

Das Thema Essstörungen wird meist mit jüngeren Frauen assoziiert. Univ.-Prof. Dr. Barbara Mangweth-Matzek und ihre Mitarbeiter an der Universitätsklinik für Psychiatrie II, Medizinische Universität Innsbruck, konnten jedoch bereits im Jahr 2003 zeigen, dass nicht nur die Pubertät, sondern auch die Menopause eine vulnerable Phase ist, in der es gehäuft zu einer Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild und einem klinisch pathologischen Essverhalten kommt.

Wie der Name Wechseljahre schon andeutet, ist die hormonelle Umstellung am Ende der fruchtbaren Lebensphase normalerweise ein langwieriger Prozess. Manchmal wird die Hormonproduktion durch eine ärztliche Intervention aber schlagartig beendet. Eine solche „induzierte Menopause“ kann durch eine operative Entfernung der Eierstöcke, Strahlen-, Chemo- oder antiöstrogene Hormontherapie erfolgen. Die abrupte Postmenopause löst plötzliche körperliche und psychische Veränderungen aus, die meist als stärker und beschwerlicher beschrieben werden als die Symptome bei der natürlichen Hormonumstellung. Bis dato gab es aber wenige Daten zum psychischen Zustand und keine Daten zum Essverhalten von Frauen mit induzierter Menopause.

In der vorliegenden Studie wurden 658 Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren untersucht, die über das Bevölkerungsregister Innsbruck bzw. die Brustambulanz der Med Uni Innsbruck rekrutiert wurden. 296 Frauen waren in der Prämenopause, 227 in der Postmenopause und 135 erfüllten die Definition einer induzierten Menopause. Ziel der anonymen Fragebogenuntersuchung war, das Körpergewicht, die körperliche und psychische Gesundheit sowie das Essverhalten dieser drei Gruppen miteinander zu vergleichen, um die Auswirkungen einer induzierten Menopause besser zu verstehen.

Zusammenfassend ergab die Auswertung, dass Frauen mit induzierter Menopause

  • signifikant höhere BMIs (derzeitig, höchster und erwünschter) hatten als die beiden Vergleichsgruppen.
  • signifikant häufiger ein pathologisches Essverhalten (definiert nach DSM-5-Kriterien) zeigten als prä- und postmenopausale Frauen (14% vs. 6% und 7%). Dabei handelte es sich in erster Linie um unkontrollierbare Essattacken mit und ohne Erbrechen.
  • auch signifikant mehr andere körperliche und psychische Erkrankungen aufwiesen.

Die drei Gruppen unterschieden sich nicht in der Gewichtszufriedenheit, trendmäßig war die Figurzufriedenheit in der Gruppe der induziert menopausalen Frauen aber am geringsten. Aufgrund der doppelt so hohen Prävalenzrate von Essstörungssymptomen fordern die Autoren in der Anamnese von induziert menopausalen Frauen auch das Essverhalten abzufragen, damit Betroffenen auch entsprechende therapeutische Hilfsangebote unterbreitet werden können.

Oppeck C: „Poster Nr. 6: Mikronährstoffdefizite bei Depression“ und Mangweth-Matzek B: „Poster Nr. 5: Gestörtes Essverhalten bei induzierter Menopause“, 21. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP), virtuell, 23.4.21

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