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Intensivmediziner-Alarm

B.1.1.7 spiegelt sich an Belegung der Intensivstationen wider

Die Intensivmediziner-Fachgesellschaft ÖGARI spricht von einem „besorgniserregenden Anstieg“, wobei im Gegensatz zu den Warnungen im Herbst vor der zweiten Welle die Dominanz der britischen Mutation (B.1.1.7) „zweifellos eine wichtige Rolle“ spiele. Proaktives Krisenmanagement fordert unterdessen auch Dr. Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM). Weiters verdichtet sich die Datenlage in Richtung höherer Sterblichkeit bei B.1.1.7.

Es werde niemand weggeschickt, versicherte Univ.-Prof. Dr. Klaus Markstaller, „aber wir beginnen jetzt tatsächlich gewisse Operationen, gewisse Behandlungen zu verschieben, obwohl wir gerade dabei waren, diese aufzuarbeiten, die ja schon von der zweiten Welle her verschoben werden mussten“. Alarmierende Worte, die der Präsident der Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) am Montag zu nächtlicher Stunde sprach.

Die Lage sei insofern dramatisch, erläuterte Markstaller in der „ZIB Nacht“ vom 08.03.2021, weil „auch ohne Covid“ prinzipiell alle Intensivbetten belegt wären. Von diesen gebe es in Österreich 2.000. Zehn Prozent davon, also 200, könne man kompensieren, „weil es immer eine gewisse Pufferkapazität gibt“. Wenn jetzt schon wieder gegen 300 von COVID-19-ICU-Betten belegt seien (329 am 10.03. laut AGES-Dashboard, Anm.) und die Prognosen Richtung 400 zeigen, „dann ist das dramatisch, weil wir dann andere Patienten nicht adäquat versorgen können“.

Die jetzt Geimpften „nicht primär“ die potenziellen ICU-Patienten

Aktuell fühle es sich an, als ob sich eine dritte Welle aufbaue, fährt der ÖGARI-Präsident fort. Zwar seien Impfungen gewiss der beste Weg, doch sie würden sich bisher noch nicht auf die Intensivmedizin auswirken. Bisher seien in Österreich vor allem die „Hochbetagten“ geimpft worden, „das sind nicht primär die Patienten, die auf Intensivstationen gekommen wären“.

Zur Mittagszeit hatte die ÖGARI bereits eine Aussendung geschrieben, in der die Fachgesellschaft den „starken“ Anstieg der Zahl von COVID-19-Patienten in Intensivstationen „mit Sorge“ registriert habe. Demnach stieg diese in den vergangenen zwei Wochen (22. Februar bis 7. März) um fast ein Viertel – mehr als 23 Prozent – an, wohingegen die Zahl der Patienten, die mit einer COVID-19-Diagnose in Spitalsbehandlung aufgenommen wurden, um knapp elf Prozent zugenommen hat.

B.1.1.7: Im Februar dominant geworden

Der Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin, MedUni Wien/AKH Wien, führt dies auf vor allem auf die Mutanten zurück: „Die zunehmende Dominanz insbesondere der sogenannten britischen Virus-Variante B.1.1.7 spielt dabei zweifellos eine wichtige Rolle.“ Umfassend belegt durch wissenschaftliche Evidenz seien inzwischen die deutlich leichtere Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch und die höhere Reproduktionszahl dieser Variante: „Und ein Mehr an Infektionen führt naturgemäß auch zu einer stärkeren Belastung der Intensivstationen.“

Laut Daten des Gesundheitsministeriums vom Wochenende machte der ursprüngliche SARS-CoV-2-Wildtyp in der letzten Februarwoche (KW8) nur noch 36,3 Prozent aus, in der ersten Februarwoche waren es noch 61,5 Prozent. Die britische Variante erreichte im gleichen Zeitraum 58,4 Prozent. Der Rest verteilt sich auf die südafrikanische Variante B.1.351, die nach wie vor im Tiroler Bezirk Schwaz dominiert: Jedoch war dort ein Rückgang zu verzeichnen, von 18,65 Prozent auf 4,25 Prozent.

Zur Frage, ob die britische Variante auch schwerere Krankheitsverläufe und eine höhere Sterblichkeit im Vergleich zum Wildtyp mit sich bringe, sei die Datenlage noch sehr begrenzt, informiert Markstaller. Anekdotische Evidenz und noch nicht veröffentlichte Studien aus Großbritannien könnten Hinweise darauf liefern.

Studie: Britische Variante scheint um knapp zwei Drittel tödlicher zu sein

Zwei Tage später, am 10.03.2021, erschien im „British Medical Journal“ eine große Matched-Cohort-Studie* (54.906 matched pairs), die genau die schon länger berichteten Anekdoten zu bestätigen scheint: Demnach führte die britische Variante (VOC-202012/1) im Vergleich zu einem Anstieg der Todesfälle (28-d-Mortalität) von 2,5 auf 4,1 pro 1000 bestätigten Fällen (plus 64 Prozent). Wenn dieser Befund auf andere Populationen übertragbar ist, könne eine Infektion mit VOC-2020/1 zu einer „erheblichen zusätzlichen Mortalität“ führen, schlussfolgern die Autoren. Und: Weitere „koordinierte und strenge Maßnahmen zur Verringerung der Todesfälle durch SARS-CoV-2“ seien „gerechtfertigt“.

Auf längere Sicht reicht es laut Markstaller nicht aus, dass nur extreme Belastungen abgewendet werden. Vielmehr sei es erforderlich, an den Intensivstationen wieder vom „Krisenmodus“ in Richtung einer weitgehenden Normalversorgung übergehen zu können. Markstaller forderte auch eine bessere Datenlage. Aktuell sei nicht auszuschließen, dass es zu unterschiedlichen Zählweisen von COVID-19-Intensivpatienten kommt: etwa ob die Aufnahmediagnose COVID-19 für die Zuordnung relevant sei oder der aktuelle Status der Infektiosität.

„Statt Öffnungen gezielte Zusatzmaßnahmen“

Dr. Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ließ ebenfalls am Montag auf Twitter aufhorchen: „Die dieswöchigen Zahlen werden zeigen, dass es statt Öffnungen gezielte Zusatzmaßnahmen gegen die dritte Welle braucht.“ Der Immunologe und Virologe forderte ebenfalls „proaktives Krisenmanagement“ und außerdem mehr Grundlagenforschung in allen Disziplinen. (Gro/APA)

*https://www.bmj.com/content/372/bmj.n579

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