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Kein Interesse aus Österreich

COVID-19-Impfstoff aus Russland sorgt für Aufregung

„Sputnik V“ aus Russland ist laut Staatsoberhaupt der erste in einem Land zugelassene Corona-Impfstoff weltweit und soll bald – seinem Namenspatron gleich – in den Umlauf. Erste Länder sollen schon Interesse bekunden. Zahlreiche Experten äußern sich jedoch skeptisch, da die Vakzine keine groß angelegte Phase-III-Studie hinter sich habe. Auch die WHO reagiert mit Zurückhaltung – ebenso wie Österreichs Gesundheitsminister.

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer um den Erdball: Russland hat als erstes Land der Welt eine Impfung gegen SARS-CoV-2 entwickelt. Die Impfung sei am Montag (10.08.2020) in Russland zugelassen worden, sagte Präsident Wladimir Putin Dienstagfrüh während einer vom Fernsehen übertragenen Videokonferenz mit Ministern. „Sputnik V“ ermögliche eine dauerhafte Immunität, bis zu zwei Jahre, eine seiner Töchter sei bereits geimpft worden. Sie habe eine leicht erhöhte Temperatur entwickelt, „das war alles“, sagte Putin.

Plan: Ab Jänner 2021 im Umlauf

Das Gamaleja-Institut für Epidemiologie in Moskau hat gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium den Impfstoff „Sputnik V“ entwickelt – benannt nach dem sowjetischen Sputnik-Satelliten, der im Oktober 1957 als erster Satellit weltweit in eine Umlaufbahn um die Erde geschickt wurde. Der gleichnamige Impfstoff soll laut russischen Agenturen unter Berufung auf das Arzneimittelregister des Gesundheitsministeriums ab dem 1. Jänner 2021 in den Umlauf gebracht werden.

Zahlreiche Experten aus aller Welt äußerten sich noch am selben Tag der Bekanntgabe skeptisch, wie etwa renommierte US-Mediziner, darunter Dr. Scott Gottlieb, der frühere Chef der US-Behörde für Lebensmittel und Arzneimittel-Sicherheit (FDA). Ohne groß angelegte Wirksamkeitsstudie der Phase-III könnte man auch nicht breit Auskunft über auftretende Nebenwirkungen machen, so der Tenor. Eine Zulassung nach einer Phase-II sei „zum Glück und richtigerweise undenkbar ohne Phase-III für unsere Breiten“, sagte auch die österreichische Vakzinologin Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, MedUni Wien, gegenüber der APA.

WHO freue sich, Einzelheiten der Versuche zu überprüfen

Die WHO begrüße alle Fortschritte bei der Forschung und Entwicklung zu COVID-19-Impfstoffen, teilte das WHO-Regionalbüro Europa auf dpa-Anfrage mit. Zugleich weise man aber darauf hin, dass die beschleunigte Impfstoffforschung in jedem Entwicklungsschritt gemäß bewährter Prozesse vonstattengehen sollte. Damit werde sichergestellt, dass jeglicher Impfstoff sicher und effektiv sei, wenn er in die Produktionsphase gehe. Die WHO stehe in Kontakt mit den russischen Wissenschaftlern und Behörden und freue sich darauf, Einzelheiten der Versuche zu überprüfen.

Interesse unter anderem aus Lateinamerika

Doch erste Länder haben bereits Interesse an Russlands Corona-Impfstoff bekundet. Etwa der brasilianische Bundesstaat Paraná, der ein Abkommen mit Russland ankündigt, um den Impfstoff selbst zu produzieren. Russland wies indes Vorbehalte aus dem Ausland an „Sputnik V“ zurück. „Ausländische Kollegen versuchen offenbar, irgendeine Meinung zu äußern, die nach unserer Ansicht absolut unbegründet ist“, sagte Gesundheitsminister Michail Muraschko am 12.08.2020 laut der Agentur Interfax. Nach Angaben des Chefs des russischen Investmentfonds, Kirill Dmitrijew, haben unterdessen schon mehr als 20 Länder Interesse an einer Eigenproduktion bekundet: Neben Brasilien nannte er die Philippinnen und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Nicht ausreichend erprobter Impfstoff kommt nicht in Frage

Aus Österreich kam in einer ersten Reaktion eine deutliche Absage aus dem Gesundheitsministerium, ohne dabei Russland oder „Sputnik V“ zu erwähnen. „Für die EU und damit für Österreich kommt ein nicht ausreichend erprobter Impfstoff nicht in Frage“, reagiert Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) auf die aktuelle Debatte, wie es in einer Aussendung am 12.08.2020 heißt.

Anschober weiter: „Zwar erhoffen wir alle, dass möglichst bald ein Impfstoff gegen COVID-19 vorhanden ist, aber Qualität und Sicherheit gehen vor.“ Es gebe klare Regelungen zur Erprobung und diese müssen zu 100 Prozent eingehalten werden. Der Gesundheitsminister verweist auf die WHO, wonach sich 28 Impfstoffkandidaten in klinischer Entwicklung befinden. Davon seien bereits sechs Impfstoffkandidaten in der klinisch bedeutsamen Phase-III der Impfstofftestung* (Stand 10.08.2020).

Bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) könnten derzeit Anträge auf Impfstoffzulassungen für Coronavirus-Impfstoffe beschleunigt abgewickelt werden. Das bedeute, dass manche Studien, die normalerweise nacheinander durchgeführt werden, parallel laufen. Seitens der EMA werde mit Hochdruck gearbeitet. Anschober zeigt sich daher zuversichtlich, dass 2021 ein oder mehrere umfassend getestete, sichere, wirksame und zugelassene Impfstoffe vorliegen. Er sei „froh darüber, dass es uns gelungen ist, dass in der EU keine nationalen Alleingänge, sondern ein gemeinsames Vorgehen bei Verhandlungen mit den potentiellen Produzenten und der Beschaffung der Impfstoffe verwirklicht wird.“

EU: Aufteilung von Impfstoffen nach Bevölkerungsanteil

Österreichs Ziel sei dabei, eine Impfung für alle zu ermöglichen, die sich impfen lassen möchten. „Ich hoffe sehr, dass wir dieses Ziel ehestmöglich erreichen. Derzeit arbeiten wir an der Impfstrategie, um Vorgangsweise, Vorrang und Logistik für diese Schlüsselphase im Kampf gegen COVID-19 gut vorzubereiten“, sagt Anschober. Innerhalb der EU würden die reservierten Liefermengen jeweils nach Bevölkerungsanteil aufgeteilt. Österreichs Bevölkerungsanteil entspreche etwa zwei Prozent. (Gro/APA)

*https://www.who.int/publications/m/item/draft-landscape-of-covid-19-candidate-vaccines

 

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