8. Feb. 2024Andere Länder, andere Apotheken – Teil 1

Besuch in einer XXL-Apotheke in der Schweiz

Mit über 400.000 Besucherinnen und Besuchern täglich gilt der Hauptbahnhof Zürich samt darunterliegendem Einkaufszentrum als meistfrequentierte Adresse in der Schweiz. Dementsprechend breit gefächert ist das Publikum der dort ansässigen Amavita Bahnhof Apotheke. „Die Palette reicht von der Politikerin bis zum Obdachlosen“, sagt Yves Platel, der die Apotheke gemeinsam mit Megy Keller leitet.

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Galenica

Im November ließen die beiden die Sektkorken knallen – vor Freude wie aus Erleichterung. Da zog die Apotheke nach 3-jährigem Umbau von einem Provisorium in die 300m2 großen und 7m hohen Räumlichkeiten zurück. In dem denkmalgeschützten Ambiente stehen seither 16 Kassen und 3 Beratungsräume zur Verfügung. Eine XXL-Apotheke! Ein 100-köpfiges Team, das im Übrigen 20 Sprachen spricht, ermöglicht Öffnungszeiten von 7 Uhr früh bis Mitternacht und Montag bis Sonntag. Das ebenfalls am Wochenende geöffnete Einkaufszentrum bringt der Apotheke mit angeschlossener Drogerie und Parfümerie jede Menge Laufkundschaft. Fazit: „Beinahe die Hälfte des Umsatzes fallen auf Nicht-Rezeptpflichtiges“, erzählt Platel. Der Französischschweizer hat neben Pharmazie auch ein Psychologiestudium in der Tasche, was in Sachen Mitarbeiterführung weiterhilft. Die Leitung der Bahnhof Apotheke ist schon seine zweite Karriere. Etliche Kundinnen und Kunden erinnern sich noch an seine erste Laufbahn als Profi-Schwimmer und Olympionike.

Leitung ist nicht gleich Eigentum

Platel und Co-Leiterin Megy Keller, ebenfalls Apothekerin, teilen sich die Geschäftsführung. Die Apotheke gehört ihnen aber nicht. Für Schweizer Verhältnisse ist das nicht so ungewöhnlich. Dort wird ein Drittel von mehr als 1.800 Apotheken als Kettenapotheken betrieben, Tendenz steigend. Amavita ist die größte Kette und die Filiale am Zürcher Hauptbahnhof so etwas wie das Flaggschiff. Die Marke gehört wie Sun Store und – als Joint Venture – auch Coop Vitality zu Galenica, mit fast 370 Standorten der größte Apothekenbetreiber des Landes. Der börsengängige Gesundheitskonzern Galenica verfügt auch über einen Pharmagroßhandel oder einen Vertrieb für OTC-Produkte, Hautpflege, sowie Komplementär- und Pflanzenmedizin.

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Galenica

Amavita Apotheke

Was bedeutet es, für eine Apothekenkette zu arbeiten? Die pharmazeutische Verantwortung liegt bei der jeweiligen Geschäftsführung einer Apotheke, die sich auch ihr Team aussucht. Platels Belegschaft etwa besteht derzeit zu einem Fünftel aus Pharmazeutinnen und Pharmazeuten. Die größte Gruppe bilden Pharma-Assistentinnen und -Assistenten, gefolgt von Drogistinnen und Drogisten. Die Zentrale wiederum sorgt für standardisierte Prozesse wie ein einheitliches Qualitätsmanagement-System, übernimmt die Buchhaltung und die Logistik. Die Zentrale regelt zudem, welche Apotheke welches Freiwahl-Sortiment bekommt, orientiert sich dabei aber an den Kundenwünschen. Für den Standort Hauptbahnhof waren regionale Produkte als Mitbringsel für Reisende naheliegend.

Generika werden gepusht

„Mit einer nachhaltigen Generika-Substitutionsrate leistet Galenica einen Beitrag zur Senkung des Kostenanteils im Schweizer Gesundheitswesen“, sagt Virginie Pache, Leiterin der Apothekensparte von Galenica. Wo immer es ein Generikum oder Biosimilar als Alternative gibt, scheint dieses sofort im Kassencomputer auf. An der Tara informiert man ausgiebig darüber. „Unsere Kundinnen und Kunden dürfen immer das Originalmedikament haben, zahlen dann allerdings einen höheren Selbstbehalt“, sagt Platel. Seit heuer übernimmt die verpflichtende Grundversicherung einen empfindlich geringeren Anteil vom Original, sofern es ein Generikum gibt. Es sei denn, auf der Verordnung ist „Nicht substituieren“ vermerkt, was laut Platel hingegen kaum mehr vorkommt.

Schutzimpfungen in Apotheken

Ein weiterer Unterschied zu Österreich: In Schweizer Apotheken wird längst geimpft. Covid hat auch die letzten der 26 Schweizer Kantonsregierungen davon überzeugt, dass dies sinnvoll ist. „Kaum sind wir umgezogen, war Grippeimpfen das große Thema“, erzählt Platel. Je nach Kanton werden – nach dementsprechenden Weiterbildungen – bis zu 13 entgeltliche Impfungen angeboten.

In der Schweiz dürfen Apothekerinnen und Apotheker generell mehr als anderswo. Einen Mangel an pharmazeutischem Personal gibt es trotzdem. Wie Impfen wird auch die Diagnose und Behandlung häufiger Probleme und Krankheiten neuerdings im Pharmaziestudium vermittelt. Schon bisher gab es das beliebte Weiterbildungsangebot „Anamnese in der Grundversorgung“. Das zeigt sich in vielen weiteren Dienstleistungen gegen Gebühr, etwa Allergie-, Diabetes-, Lungen- Herz- oder Hörchecks, CRP-Messungen oder Urintests auf Blasenentzündung.

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Galenica

Megy Keller und Yves Platel

„Wir Apotheken sind oft die erste Anlaufstelle in Sachen Gesundheit“, betont Platel. Dazu hat 2019 auch eine Neuregelung beigetragen: Eine Reihe rezeptpflichtiger Medikamente dürfen die Apotheken seither auch ohne Rezept abgeben. „Es bedarf aber einer Beratung und obendrein müssen wir die Abgabe dokumentieren.“ Es gehe um häufige Indikationen wie Bindehautentzündungen und Arzneimittel wie die „Pille danach“ oder Kleinpackungen von Potenzpillen oder kortisonhaltige Salben bei Ekzemen.

Interdisziplinäres Arbeiten

Bei Hautproblemen kommt, „so wir eine ärztliche Expertise brauchen“, der „Onlinedoctor“ ins Spiel. Ein Beispiel: Eine Patientin leidet unter einer juckenden Stelle. Die Apotheke verschickt ein Foto davon an eine dermatologische Ordination, wo eine Diagnose gestellt und virtuell eine Handlungsempfehlung abgegeben wird.

Die Erweiterung von Kompetenzen kommt für Schweizer Apotheken zur rechten Zeit. Denn sie konkurrieren bei der Abgabe von Medikamenten, für die es eine Verordnung braucht, mit den noch immer recht beliebten ärztlichen Hausapotheken und bei vielen rezeptfreien Arzneimitteln mit den Drogeriemärkten. Gebietsschutz gibt es ebenfalls keinen. So befindet sich am Hauptbahnhof noch eine 2. Apotheke, die zur Kette Medbase gehört.

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Galenica

Amavita Apotheke Kassenbereich

Expertise eingekauft

Allgemein gilt: Die Bedeutung von medizinischem Cannabis steigt. Nachdem die Verschreibungsmöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte 2022 liberalisiert wurden, hat Galenica den Pionier in Sachen medizinisches Cannabis an Bord geholt: Manfred Fankhauser war der erste Schweizer Apotheker, der mit Cannabispräparaten wie Dronabinol handeln durfte.

Obendrein könnte längerfristig auch Cannabis für den Freizeitkonsum ein Thema für die Apotheken werden. In Basler Apotheken läuft jedenfalls gerade ein Pilotversuch mit dem Ziel, Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das Konsumverhalten zu evaluieren.

Schweizer Apotheken im Durchschnitt

In der durchschnittlichen Schweizer Apotheke arbeiten 12 Personen, davon 4 Apotheker bzw. Apothekerinnen. Täglich fallen 166 Kundenkontakte an. Auf eine Apotheke kommen 4.800 Einwohnerinnen und Einwohner, wobei es große kantonale Unterschiede gibt. Pro Rezept gibt es zweierlei Gebühren: Der Medikamentencheck betrifft das Arzneimittel, der Bezugscheck die jeweilige Person an einem Tag. In Summe macht das mindestens 8 Euro, die direkt mit der Versicherung verrechnet werden. Etwas mehr als ein Drittel aller Medikamentenpackungen berappen die Menschen selbst.