
MS: Frühere Diagnose dank revidierter Kriterien
Die Autorinnen und Autoren der vorliegenden prospektiven Kohortenstudie untersuchten, wie sich die 2024 revidierten McDonald-Kriterien unter Bedingungen der klinischen Routinediagnostik auswirken. Demnach wurde nun bei mehr Patientinnen und Patienten bereits bei der initialen Abklärung die Diagnose einer Multiplen Sklerose (MS) gestellt.

In die prospektive monozentrische Kohorte wurden Erwachsene aufgenommen, die zwischen Oktober 2020 und Juni 2025 erstmals mit einem verdächtigen klinischen Ereignis vorgestellt wurden oder bei denen ein radiologisch isoliertes Syndrom (RIS) vorlag.
Alle erhielten eine konventionelle Diagnostik mit kontrastmittelgestützter MRT von Gehirn und Rückenmark, Messung visueller evozierter Potenziale (VEP) und somatosensorisch evozierter Potenziale sowie Liquoruntersuchung.
Die neu in die Kriterien aufgenommenen MRT-Marker Central Vein Sign (CVS, Zentrales Venenzeichen) und Paramagnetic Rim Lesions (PRL, Paramagnetische Randläsion) sowie die optische Kohärenztomografie (OCT) standen dagegen nicht systematisch zur Verfügung.
Mehr MS-Diagnosen beim ersten Ereignis
215 Patientinnen und Patienten wurden in die Analyse eingeschlossen. 135 (63%) waren Frauen, das mediane Alter betrug bei Diagnosestellung 34 Jahre (Interquartilsabstand [IQR] 27–45). Bei 207 Personen lag ein erstes demyelinisierendes Ereignis vor, acht waren asymptomatisch und erfüllten die Kriterien eines RIS. Unter den klinisch symptomatischen Personen war eine Optikusneuritis mit 76 Fällen (37%) die häufigste Erstmanifestation. Es folgten spinale Symptome bei 41 (20%) und Hirnstammsymptome bei 30 (14%).
Nach den Kriterien von 2017 erhielten 181 von 215 Teilnehmenden (84%) bei der initialen Abklärung die Diagnose MS. 26 Teilnehmende (12%) wurden als klinisch isoliertes Syndrom (CIS) klassifiziert. Acht Fälle (4%) stufte man als RIS ein.
Bei Anwendung der 2024 revidierten Kriterien stieg die Zahl der MS-Diagnosen dagegen auf 201 von 215 (93,5%). 13 Patientinnen und Patienten (6%) blieben als CIS eingestuft, eine Person (0,5%) als RIS. Der Unterschied zwischen beiden Kriterienversionen war signifikant (McNemar-Test, p <0,0001).
Auch innerhalb der klinischen Subgruppe zeigte sich der Unterschied. Von den 207 Patientinnen und Patienten mit einem ersten demyelinisierenden Ereignis erfüllten 194 (94%) die 2024-Kriterien. Mit den Kriterien von 2017 wären es hingegen nur 181 (87%) gewesen (p = 0,0002).
Von den acht asymptomatischen Personen mit RIS konnten sieben (88%) bereits anhand der neuen Kriterien als MS klassifiziert werden. Nach den Kriterien von 2017 war dies bei keiner Person möglich (p = 0,016).
Die Revision steigerte somit den Anteil der Patientinnen und Patienten, bei denen sich bereits beim ersten klinischen Ereignis eine MS diagnostizieren lässt. Dabei wurden die neuen MRT-Marker und OCT in der untersuchten Kohorte nicht berücksichtigt.
Optikus als fünfte Topografie
Von den 20 zusätzlichen MS-Diagnosen gegenüber den Kriterien von 2017 entfielen 13 (65%) auf Patientinnen und Patienten mit CIS. Bei elf dieser 13 (85%) war die Aufnahme des Nervus opticus als fünfte neuroanatomische Topografie entscheidend. Bei sechs der elf wurde die Optikus-Beteiligung durch MRT und VEP nachgewiesen, bei einer ausschließlich durch VEP und bei vier ausschließlich durch MRT. Zwei weitere CIS-Fälle erfüllten die neuen Kriterien aufgrund einer Dissemination im Raum über mindestens vier von fünf Topografien.
Insgesamt zeigte sich bei 116 der 201 diagnostizierten Patientinnen und Patienten (58%) eine Optikus-Beteiligung. In 103 dieser Fälle (89%) trugen VEP zum Nachweis bei.
Liquor bleibt zentral
Eine zunehmende Rolle spielte auch die Liquordiagnostik. Von den 20 zusätzlichen Diagnosen entfielen sieben (35%) auf Patientinnen und Patienten mit RIS. In allen sieben Fällen ermöglichten entzündliche Liquorbefunde – oligoklonale Banden und/oder ein erhöhter Index der freien Kappa-Leichtketten (KFLC) – die MS-Diagnose bei einer Dissemination im Raum in zwei oder drei von fünf Topografien.
„Mit der Aufnahme des Kappa-Index gewinnt die Liquordiagnostik zusätzlich an Bedeutung und kann zu einer schnelleren und standardisierteren Diagnosestellung beitragen“, berichtete Prof. Dr. Thomas Skripuletz. Er ist Oberarzt an der Klinik für Neurologie mit Klinischer Neurophysiologie der Medizinischen Hochschule Hannover.
RIS wird früher als MS klassifiziert
Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen den Kriterienversionen betrifft das RIS. Von den acht Personen mit RIS konnten nach den 2024-Kriterien sieben (88%) bereits bei der initialen Abklärung als MS klassifiziert werden. Bei allen sieben trugen entzündliche Liquorbefunde zur Diagnose bei. Unter den Kriterien von 2017 war eine MS-Diagnose bei RIS definitionsgemäß nicht möglich.
Aussagekraft durch Studiendesign begrenzt
Die Studie weist mehrere Einschränkungen auf. Es handelt sich um eine monozentrische Untersuchung an einem universitären tertiären Zentrum. Die neuen diagnostischen Marker CVS, PRL und OCT wurden nicht systematisch erhoben.
Zudem war die Nachbeobachtungszeit bei einem Teil der Patientinnen und Patienten kurz. Die Untersuchung war nicht darauf ausgelegt, diagnostische Spezifität oder mögliche Fehlklassifikationen formal zu bestimmen. Denn es gab keine systematische Kontrollgruppe von Personen ohne Verdacht auf eine entzündlich-demyelinisierende Erkrankung.
Auch die Übertragbarkeit auf nicht selektierte Patientenkollektive und nicht spezialisierte Versorgungseinrichtungen ist nach Angaben der Autorinnen und Autoren begrenzt.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die 2024 überarbeiteten McDonald-Kriterien den Anteil der Erstdiagnosen erheblich erhöhen, und zwar um fast zehn Prozentpunkte“, so das Fazit von Studienleiter Prof. Skripuletz.
Bisher unklare Fälle ließen sich jetzt schneller und zuverlässiger einordnen. Die meisten zusätzlichen Diagnosen resultierten aus der Berücksichtigung des Sehnervs als fünftem Ort für Entzündungsherde. „In unserer Studie war die Einbeziehung der Sehnervenbeteiligung der Hauptgrund für die frühere Diagnose“, so Prof. Skripuletz.
- Konen F et al., Applying the 2024-revised McDonald criteria for multiple sclerosis using conventional diagnostic tools: a single-centre prospective cohort study in Germany. eClinicalMedicine – The Lancet Discovery Science, 2026; 98: 104098. doi: 10.1016/j.eclinm.2026.104098
- Presseaussendung Medizinische Hochschule Hannover