Schwindel schlägt auf die Psyche
Angst und Depressionen sind sehr häufig. Dabei gibt es verschiedene Komorbiditäten, die diese psychiatrischen Symptome auslösen können, so auch Störungen des Innenohrs.

Eine aktuelle US-amerikanische Studie bestätigte: Patienten mit vestibulären Erkrankungen leiden signifikant häufiger an Angst und Depressionen als gesunde Menschen. Mehrere Studien hatten bisher die Prävalenz von Angst und Depressionen bei Patienten mit vestibulären Erkrankungen untersucht, allerdings mit uneinheitlichen Ergebnissen.
Wissenschaftler um Cory Hyun-su Kim von der Medical University of South Carolina in Charleston fassten nun erstmals die verfügbare Evidenz zu einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse zusammen. Ihr Ziel war es, die Häufigkeit und Schwere von Angst- und Depressionsstörungen zu erfassen und mit gesunden Kontrollgruppen zu vergleichen.
Die Forscher werteten dafür 85 Studien mit mehr als 760.000 erwachsenen Patienten aus. Sie ihrer Analyse berücksichtigten sie die verschiedenen Innenohrstörungen wie
- benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS),
- Morbus Menière,
- vestibuläre Migräne,
- Vestibularisneuritis sowie
- unspezifische periphere vestibuläre Störungen.
Das Ergebnis ist eindeutig: Menschen mit Schwindelerkrankungen leiden deutlich häufiger unter Angst und Depression als gesunde Personen:
- Angststörungen traten bei 31,4% gegenüber 8,3% bei gesunden Personen auf,
- Depressionen bei 28,3% verglichen mit nur 4,7% in der Kontrollgruppe.
Das relative Risiko war damit sowohl für Angst (RR 1,5) als auch für Depressionen (RR 2,9) deutlich erhöht.
Bemerkenswert ist, dass die Wissenschaftler die erhöhte Prävalenz über verschiedene vestibuläre Erkrankungen hinweg beobachten konnten. Besonders hoch waren die Belastungen bei Morbus Menière (Angst: 47%, Depression: 43%). Generell zeigten anfallsartig verlaufende Erkrankungen wie der BPLS oder die vestibuläre Migräne einen stärkeren Zusammenhang mit Angst und Depression als die eher kontinuierlich verlaufende Vestibularisneuritis. Sogar bei vestibulären Störungen ohne klare Diagnose war die Prävalenz von Angst und Depression erhöht.
Regulation des autonomen Nervensystems gestört
Patienten mit vestibulären Erkrankungen hatten nicht nur häufiger, sondern auch stärkere psychiatrische Symptome. Das zeigte die Auswertung aller gängiger Fragebögen zur Erfassung von Angst und Depression. Ein zentrales Ergebnis ist dabei die signifikante Korrelation zwischen dem subjektiv empfundenen Schweregrad des Schwindels (Dizziness Handicap Inventory, DHI) und den Angst- und Depressionssubskalen der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS).
Interessant ist ebenso, dass die situationsabhängige Angst (State-Anxiety) erhöht war, die dauerhafte, persönlichkeitsbedingte Ängstlichkeit (Trait-Anxiety) dagegen nicht. Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass in erster Linie der Schwindel selbst die Angstsymptome auslöst und nicht primär Ausdruck einer vorbestehenden Angststörung ist.
Mehrere Mechanismen können den Zusammenhang zwischen Schwindel und psychischen Beschwerden erklären. Chronischer Schwindel führt häufig zu Unsicherheit, Kontrollverlust und Einschränkungen im Alltag, was Angst und depressive Symptome begünstigt.
Daneben spielen offenbar auch gemeinsame biologische Prozesse eine Rolle: Sowohl bei vestibulären Erkrankungen als auch bei Angststörungen ist die Regulation des autonomen Nervensystems gestört, was sich u.a. in einer verminderten Herzfrequenzvariabilität zeigt.
Zudem bestehen enge neuronale Verbindungen zwischen Gleichgewichtssystem, autonomem Nervensystem und limbischem System. Auch Neurotransmitter wie Serotonin und Noradrenalin, die sowohl Emotionen als auch motorische Funktionen regulieren, scheinen beteiligt zu sein.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Unvorhersehbarkeit vieler vestibulärer Erkrankungen. Besonders episodische Verläufe gehen mit einer höheren psychischen Belastung einher.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass psychische Symptome bei Schwindel-Patienten häufig sind und Ärzte diese gezielt erfassen und mitbehandeln sollten.
Kim CH et al. Anxiety and Depression in Adults With Vestibular Disorders: A Systematic Review and Meta-Analysis. Laryngoscope. 2026; 136(2): 535–546. doi: 10.1002/lary.70055