5. Feb. 2026Zum Auftakt der 25. Schmerzwochen

ÖSG: Patienten mit neuropathischen Schmerzen sind oft unterversorgt

Neuropathische Schmerzen sind weit verbreitet, doch werden sie oft nicht erkannt und nur unzureichend behandelt. Die Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG) setzt sich für eine bessere Versorgung der Betroffenen ein.

ÖSG: Patienten mit neuropathischen Schmerzen sind oft unterversorgt
ÖSG/APA-Fotoservice/Schedl
V.l.n.r.: Prim. Univ.-Prof Dr. Rudolf Likar (Generalsekretär der ÖSG), Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna (Präsident der ÖSG), OÄ Dr. Waltraud Stromer (Vizepräsidentin der ÖSG), Univ.-Prof Dr. Wilhelm Eisner (Past-Präsident der ÖSG)

Rund 7–10% der europäischen Bevölkerung leiden an neuropathischen Schmerzen, bei Menschen mit Diabetes sind es sogar bis zu 34%. Neuropathische Schmerzen fühlen sich anders an als klassische (nozizeptive) Schmerzen, bei denen Gewebe verletzt oder entzündet ist, und sie sind auch schwer zu erkennen. Sie entstehen, wenn Nerven selbst geschädigt oder fehlgesteuert sind. Typisch ist die Kombination aus Gefühlsstörungen wie Taubheit oder vermindertes Empfinden und Plussymptomen wie brennende Dauerschmerzen, Schmerzattacken oder Überempfindlichkeit bei Berührung, erklärt OÄ Dr. Waltraud Stromer, Vizepräsidentin der ÖSG.

Die Ursachen für neuropathische Schmerzen können vielfältig sein, etwa

  • Phantomschmerz,
  • Plexusausriss,
  • Nervenverletzungen als Folge von Operationen,
  • Bandscheibenvorfall,
  • Rückenmarksverletzungen,
  • Thalamusschmerz,
  • Polyneuropathie,
  • Trigeminusneuralgie,
  • Multiple Sklerose,
  • Diabetes oder
  • Chemotherapien

Wichtige Grundsätze in der Therapie von neuropathischen Schmerzen

Eine leitliniengerechte Diagnostik ist der erste Schritt zu einer adäquaten Therapie.
Die Leitlinien empfehlen

  • bestimmte Antidepressiva (trizyklische Antidepressiva, selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer),
  • Antikonvulsiva oder
  • bei lokalisierten Schmerzen topische Therapien wie Lidocain- oder Capsaicin-Pflaster.

Klassische Schmerzmittel wie NSAR oder Paracetamol zeigen bei neuropathischen Schmerzen keinen relevanten Nutzen und können bei Dauertherapie sogar zu schweren Nebenwirkungen führen. „Sie sollten daher nicht als alleinige Therapie in der Behandlung von neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden“, warnt Dr. Stromer.

„Trotz adäquater Therapie gibt es immer 20–40% Non-Responder – hier muss man auf andere Medikamente switchen. Häufig wird ein Cocktail aus mehreren verschiedenen Medikamenten eingesetzt“, führt die ÖSG-Vizepräsidentin aus.

Sie weist auch darauf hin, dass ein rascher Therapiebeginn wichtig ist, da es sonst zu einer Chronifizierung kommt. Schmerzfreiheit kann meist nicht erzielt werden, aber zumindest eine spürbare Linderung, besserer Schlaf und bessere Lebensqualität.

Die ÖSG betont die Bedeutung einer multimodalen, interdisziplinären Behandlung, die nicht nur medikamentöse, sondern auch physikalische, psychologische und auch regenerative Therapieansätze kombiniert. „Neuropathischer Schmerz betrifft den ganzen Menschen. Eine erfolgreiche Behandlung braucht Zeit, Expertise und das Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen mit einer multimodalen Schmerztherapie“, erläutert Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna, Präsident der ÖSG und Leiter der Univ.-Klinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin der MedUni Wien.

Aurikuläre Vagusnervstimulation (aVNS)

Eine Therapiemethode, die zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die aurikuläre Vagusnervstimulation (aVNS), die eine gute Wirksamkeit und ein geringes Nebenwirkungsprofil aufweist. Dabei wird mit einem schwachen Stromfluss am Ohr ein Ast des Vagusnervs stimuliert, wodurch der Körper in einen Ruhemodus schaltet.

Am Klinikum Klagenfurt startet nun eine neue kleine Studie, in der die aVNS als integraler Bestandteil einer vierwöchigen multimodalen Schmerztherapie bei chronischen Rückenschmerzpatienten untersucht wird. Damit können auch operative Eingriffe vermieden werden.

„Die aVNS stellt eine innovative Ergänzung bestehender Therapiekonzepte dar und kann insbesondere im Rahmen multimodaler Schmerzprogramme einen wichtigen Beitrag leisten“, erklärt Studienleiter Prim. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, Generalsekretär der ÖSG und Vorsitzender der Sektion Schmerz der ÖGARI (Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin). Auch mehrere Reviews und Metaanalysen belegen die Wirksamkeit, Sicherheit und Kosteneffizienz der aVSN bei verschiedenen chronischen Schmerzindikationen.

Seit 2025 ist die aVNS für chronische myofasziale Schmerzen, Migräne ohne Aura und abdominelle Schmerzen bei Reizdarmsyndrom über eine spitalsambulante Leistung im österreichischen LKF-System (Leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung) abrechenbar.

Psychische Belastung und besondere Situation bei MS/CFS

Nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Belastung von Patienten mit neuropathischen Schmerzen ist sehr groß (Depression, Angst, erhöhtes Suizidrisiko). Ganz besonders bei jenen, die nicht oder nicht gleich auf eine Therapie ansprechen, unterstreicht Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner, Past-Präsident der ÖSG. Die Betroffenen benötigen daher auch psychologische Betreuung, wie dies in einer multimodalen und interdisziplinären Schmerztherapie vorgesehen ist.

Prof. Eisner betont zudem, wie wichtig es ist, den Patienten einfühlsam und respektvoll zu begegnen. Doch gerade bei der Multisystemerkrankung Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS), bei der Schmerz zu den definierenden Kernsymptomen zählt, ist dies häufig nicht der Fall.

In Österreich sind derzeit rund 80.000 Menschen von MS/CFS betroffen, und sie werden nicht selten als "Simulanten" abgestempelt. Die Situation bei ME/CFS wurde zuletzt auch vom Rechnungshof stark kritisiert, es seien zu wenige Daten und große Versorgungsmängel vorhanden.

Auch vielen Ärzten fehlt es noch an Wissen zu diesem Krankheitsbild, es besteht jedenfalls dringender Handlungsbedarf auf allen Ebenen. Unterstützung können Betroffene bei der Österreichischen Gesellschaft für ME/CFS, Selbsthilfegruppen sowie einigen wenigen spezialisierten Einrichtungen und Fachärzten finden.

Aufbau von Schmerzzentren, Weiterbildung und Forschung

Die integrative Schmerzmedizin ist zwar im Österreichischen Strukturplan Gesundheit verankert, so Prof. Likar, die Umsetzung in Bundesländern lässt aber noch zu wünschen übrig. In Wien wurden bereits zwei von drei geplanten multimodalen und interdisziplinären Schmerzzentren etabliert, in den Bundesländern fehlen sie allerdings noch. „Jedes Bundesland braucht zumindest ein spezialisiertes Schmerzzentrum mit Kassenfinanzierung“, betont Prof. Likar.

Um die Expertise in der Schmerzmedizin zu stärken, setzt sich die ÖSG auch sehr für die Weiterbildung von Allgemeinmedizinern und Fachärzten ein. Bisher haben 1744 Ärztinnen und Ärzte in Österreich das ÖÄK-Diplom „Spezielle Schmerztherapie“ erworben. Außerdem gibt es das ÖÄK-Zertifikat „Interdisziplinäre Schmerztherapie im intramuralen Bereich“.

Was die Forschung für neue Schmerzmedikamente betrifft, so kommen derzeit keine neuen Produkte auf den Markt und sind auch nicht in Sicht, so die Experten. Wenn überhaupt, dann sind es nur Kombinationspräparate von bereits bekannten Substanzen. Dies hängt einerseits mit der Opioidkrise in den USA und andererseits mit den hohen Kosten bis zur Zulassung eines neuen Medikaments zusammen.

Quelle: Pressegespräch der ÖSG zu neuropathischem Schmerz; Wien, 28.1.2026