Nationales Krebsrahmenprogramm 2026–2035
Am 30. Jänner haben das Gesundheitsministerium und die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) gemeinsam das Nationale Krebsrahmenprogramm 2026–2035 vorgestellt. Dieses ist ein strategischer Kompass, der die Richtung für die Krebsbekämpfung und -versorgung in den nächsten zehn Jahren vorgibt – allerdings nicht bindend.

Die Zahl der Menschen mit oder nach Krebsdiagnose in Österreich nimmt stetig zu, einerseits aufgrund der demografischen Entwicklung, andererseits infolge des besserer Überlebensraten durch moderne Therapien. Derzeit leben hierzulande rund 409.000 Menschen mit Krebs. „Direkt oder indirekt ist fast jede Person einmal in ihrem Leben von Krebs betroffen – entweder als Patient oder als Angehöriger“, stellt Gesundheitsministerin Korinna Schumann fest.
Das Programm stellt die Weichen für eine bessere Krebsbekämpfung und -versorgung in der nächsten Dekade. Es ist als Arbeitsauftrag für Entscheidungsträger und Stakeholder im Gesundheitssystem zu sehen, so die Ministerin. Aber nicht nur für diese, sondern im Sinne des Ansatzes „Health in All Policies“ auch für die Verantwortlichen in den Bereichen Wissenschaft, Bildung, Arbeitswelt und Soziales.
Fortsetzung des ersten Krebsrahmenprogramms
Das Krebsrahmenprogramm 2026-2035 wurde in einem breiten Beteiligungsprozess von mehr als 100 Personen über einen Zeitraum von über zwei Jahren (vom ersten Konzept im Oktober 2023 bis zur Freigabe im Jänner 2026) erarbeitet. Es umfasst vier Handlungsfelder, 22 Ziele und 113 Maßnahmen, wie Dr. Karin Eglau, MPH, Geschäftsbereichsleiterin der GÖG, ausführt.
Das neue Programm baut auf dem ersten Nationalen Krebsrahmenprogramm 2014–2025 auf. Dieses konnte einige Erfolge erzielen, so etwa das Rauchverbot in der Gastronomie, die Aufnahme der HPV-Impfung in den Impfplan, die Erstellung einer Muster-Geschäftsordnung für Tumorboards oder das Abhalten von gezielten Kommunikationstrainings für Gesundheitsberufe in der Onkologie.
Prävention und Früherkennung
Laut dem neuem Krebsrahmenprogramm sind die Gesundheitsförderung und die Primärprävention (Bewegung, Ernährung, Rauchstopp, Impfungen) weiter zu stärken. Einzelne Aktivitäten sollen besser vernetzt werden. Evidenzbasierte und qualitätsgesicherte Screening- und Früherkennungsprogramme sind weiter auszubauen, zunächst für das Kolonkarzinom. Ein Pilotprojekt dazu gab es bereits in der Steiermark und in Wien.
In weiterer Folge sollen nach Empfehlung des Nationalen Screening-Komitees neue Screeningprogramme pilotiert werden, etwa für die Früherkennung von Prostata-, Gebärmutterhals- und Lungenkrebs (siehe dazu auch Kasten). Das ist insofern von Bedeutung, als die meisten Menschen zwar über Früherkennungsangebote Bescheid wissen. sie nutzen diese aber vor allem dann, wenn sie klar empfohlen, persönlich kommuniziert und niederschwellig organisiert sind.
Drei Netzwerke für ein Kontinuum in der Versorgung
Für eine hochqualitative Diagnostik, Therapie und Nachsorge ist ein Kontinuum in der Betreuung – von der Diagnose über die Therapie bis zur Nachsorge – von großer Bedeutung. „Dies ist in Wien im Bereich Hämatologie bereits vor vielen Jahren durch die Schaffung des Hämatologie-Verbund Wien gut gelungen“, erläutert Prim. Univ.-Prof. Dr. Felix Keil, 3. Medizinische Abteilung (Hämatologie und Onkologie), Hanusch-Krankenhaus. Hier besteht eine durchgängige Versorgungskette vom Hausarzt über die ambulante Betreuung in den Gesundheitszentren der ÖGK bis zur stationären Versorgung in der hämato-onkologischen Abteilung am Hanusch-Krankenhaus und in besonderen Fällen auch im AKH Wien.
Neben der stationären und der ambulanten Ebene sieht Prof. Keil den Einsatz von multiprofessionellen Teams (Cancer Nurses, Sozialarbeiter, medizinische Dokumentationsassistenten, Diätologen, Physiotherapeuten) als drittes wichtiges Netzwerk in der Versorgung. Der Ausbau dieser Teams ist im Krebsrahmenprogramm vorgesehen, ebenso wie jener von Drehscheiben- und Lotsenfunktionen für Patienten (Begleitung durch das gesamte Versorgungsystem).
Nachsorge für (ehemalige) Krebspatienten
Ein weiteres Handlungsfeld des Programms ist Leben mit und nach Krebs. „Krebs ist heute eine gut behandelbare chronische Erkrankung geworden. Viele Patienten leben noch 20 bis 30 Jahre nach einer Krebsdiagnose“, sagt Dr. Eglau. Deshalb sei auch die Nachsorge besonders wichtig, um die Lebensqualität der Betroffenen über einen langen Zeitraum zu erhalten.
So soll etwa die Einführung des Survivorship Passport (SUPA) für die strukturierte Nachsorge von Kindern und Jugendlichen nach einer Krebserkrankung sorgen. Ein Pilotprojekt dazu gab es bereits. Die Möglichkeit zur Rehabilitation für Krebspatienten gibt es bereits seit 2016.
Patientensicht berücksichtigt
Auch die Patientenperspektive ist im Papier verankert. „Wir waren erstmals intensiv in die Überarbeitung des Krebsrahmenprogramms eingebunden und viele unserer Vorschläge wurden in der neuen Version berücksichtigt“, sagt Anita Kienesberger von der Allianz onkologischer PatientInnenorganisationen. Sie kritisiert jedoch, dass das Rahmenprogramm nicht bindend ist – im Gegensatz zu den Programmen in anderen EU-Ländern.
Bestehende Probleme in der Praxis
Angesprochen auf lange Wartezeiten und Überlastung in den onkologischen Ambulanzen und Abteilungen, räumt Gesundheitsministerin Schumann bestehende Schwachstellen ein. Sie versichert aber, dass „im Zuge der Gesundheitsreform alle Beteiligten mit voller Kraft an einer Verbesserung der Versorgung arbeiten“.
So müssten etwa der private Bereich zurückgedrängt, Nachwuchskräfte besser gefördert, Arbeitsbedingungen für die Pflege verbessert, Digitalisierung und Vernetzung vorangetrieben werden. Und eine bessere Vorsorge werde langfristig zu einer geringeren Zahl an Krebserkrankungen beitragen.
Warum Experten ein Lungenkrebs-Screeningprogramm in Österreich empfehlen
Lungenkrebs zählt zu den tödlichsten Krebserkrankungen in Österreich. Und zwar nicht, weil sie nicht adäquat behandelt werden könnten. Grund ist eher, dass die Diagnose zu spät kommt. Rund 68% der Diagnosen erfolgen erst in den Stadien III oder IV. Nur etwa 20% werden in den frühen Stadien I oder II erkannt werden.
Entsprechend hoch ist die Mortalität bei Lungenkrebs: Für rund 4000 Menschen jährlich endet die Erkrankung tödlich. 2023 verloren in Österreich 21% aller an Krebs verstorbenen Männer und 18% aller an Krebs verstorbenen Frauen ihr Leben infolge von Lungenkrebs. „Die Zukunft der Lungenonkologie beginnt daher nicht im Therapieraum, sondern in der systematischen Früherkennung. Ein konsequenter ,Stage Shift‘ hin zu frühen Stadien ist die Grundlage für bessere Überlebenschancen“, erklärt Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour,Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Lungenforschung und pneumologische Onkologie sowie Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie an der Klinik Floridsdorf.
Studien zeigen, dass ein risikobasiertes Niedrigdosis-CT-Screening die Sterblichkeit bei Lungenkrebs signifikant senken kann. Und auch aktuelle Programmdaten aus anderen Ländern belegen eine deutliche Reduktion der krankheitsspezifischen Mortalität. „Österreich sollte dieses Potenzial nutzen“, plädiert Prim. Valipour für die Einführung eines entsprechenden Screeningprogramms in Österreich.
Auch Prim. Priv.-Doz. Dr. Thomas Winder, PhD, Leiter der Abteilung für Innere Medizin II (Onkologie, Hämatologie, Gastroenterologie und Infektiologie) am LKH Feldkirch, unterstreicht die Bedeutung der Früherkennung für eine erfolgreiche Therapie und eine höhere Überlebensrate beim Lungenkarzinom: „Je früher wir Lungenkrebs erkennen und je gezielter wir behandeln, desto größer sind die Chancen auf Heilung und langfristiges Überleben. Wird Lungenkrebs in Stadium I diagnostiziert, liegt die 3-Jahres-Überlebensrate bei 84%, in Stadium IV nur mehr bei 21%.“
Quelle: Pressegespräch des Karl Landsteiner Instituts für Lungenforschung und pneumologische Onkologie sowie des Future Health Lab mit freundlicher Unterstützung von AstraZeneca Österreich – „Zukunft der Krebsmedizin“: Früher finden. Besser behandeln. Länger leben – am Beispiel Lungenkrebs; Wien, 29.1.2026
Pressegespräch der GÖG und des Gesundheitsministeriums – Präsentation des Nationalen Krebsrahmenprogramms 2026–2035; Wien, 30.1.2026
