Adipositas: Wie Gene und Umwelt zusammenspielen
Die Forschung zur Adipositas ist geprägt von Durchbrüchen – und Rückschlägen. Trotz neuer Adipositasmedikamente bleibt das Thema weiterhin eine Herausforderung, wie PD Dr. Eleonora Seelig, Leitende Ärztin am Kantonsspital Baselland, berichtete.

Weltweit sind über 600 Millionen Menschen von Adipositas betroffen – definiert als ein BMI über 30 kg/m2 (über eine mögliche Neudefinition wird derzeit diskutiert). Auch bei Kindern wird die Adipositas, die laut Schätzungen die Sterblichkeit um bis zu 40% erhöht, zunehmend zum Problem.
„Der Anteil der Menschen mit Adipositas ist in den letzten 50 Jahren explodiert“, sagte PD Dr. Seelig. Diese Entwicklung lasse sich nicht mit genetischen Veränderungen erklären – dazu sei der Zeitraum viel zu kurz. Für die Endokrinologin ist die rapide Zunahme ein klarer Beweis dafür, dass Adipositas nicht nur erblich determiniert ist, sondern stark durch Umweltfaktoren beeinflusst wird.
Dazu gehören etwa die immer gegenwärtigen, leicht verfügbaren hochkalorischen Lebensmittel in unseren Supermärkten und die Tatsache, dass wir uns immer weniger bewegen. Und wer – auch nur in geringem Maße – über längere Zeit mehr Energie aufnimmt, als er verbrennt, nimmt zwangsläufig zu.
Wie Gene das Körpergewicht regulieren
Heißt das, die Adipositas ist allein durch bewusste Ernährung und Bewegung vermeidbar? „So einfach ist das nicht“, betonte PD Dr. Seelig. Denn nicht jeder reagiert gleich auf die gleiche Umgebung. Während manche Menschen ihr Gewicht mühelos halten, nehmen andere unter denselben Bedingungen deutlich zu.
Studien an Zwillingen belegten etwa schon ab den 1970er Jahren, dass das Körpergewicht deutlich stärker von genetischer Veranlagung als von der Umwelt geprägt ist. Eineiige Zwillinge weisen eine Gewichtskonkordanz von 70 bis 90% auf – selbst wenn sie in unterschiedlichen Haushalten aufwachsen.
Die Gene steuern dabei vor allem drei Faktoren, die über das Körpergewicht bestimmen:
- die Steuerung des Appetits,
- das Sättigungsgefühl,
- und den Energieverbrauch.
Diese Mechanismen werden in den Appetitzentren des Gehirns, insbesondere im Hypothalamus, reguliert.
Hormone, die den Hunger steuern
Ein Beispiel für einen der kleinen Regulatoren, die für den Erhalt des Körpergewichts zuständig sind, ist das Hormon Leptin. Es wird im Fettgewebe produziert und signalisiert dem Gehirn, wie viel Treibstoff aktuell im Körper gespeichert ist.
Fluktuationen im Leptinspiegel führen dazu, dass Menschen hungrig werden und beginnen, nach einer Mahlzeit zu suchen. Dies dient primär dazu, den Energiebedarf des sehr energiehungrigen Gehirns zu decken, erklärte PD Dr. Seelig.
Fehlt das Hormon – wie bei seltenen genetischen Defekten – verspüren Betroffene ein unkontrollierbares Hungergefühl. Eine Behandlung mit Leptin kann in solchen Fällen zu einer deutlichen Gewichtsreduktion führen.
Die Entdeckung von Leptin in den 1990er Jahren wurde als bahnbrechend gefeiert. Forschende aus aller Welt dachten, man habe die Adipositas bald besiegt. Die Erfahrung, die auch einige Pharmahersteller machen mussten: Bei „normaler“ Adipositas hilft die Leptintherapie nicht.
„Übergewichtige Menschen haben bereits hohe Leptinspiegel, weil sie viel Fettgewebe haben, in dem Leptin produziert wird. Das Problem ist eher, dass ihr Körper nicht mehr angemessen darauf reagiert – eine sogenannte Leptinresistenz.“
Heute verstehe man die Signalaktivierung von Leptin etwas besser. Man wisse auch, warum die Leptin-Supplementierung bei der normalen Adipositas nicht funktioniere, so die Expertin.
Lebensstil oder genetisches Risiko: Was wiegt schwerer?
Neben Leptin scheiterten aber auch andere Versuche, medikamentös an der Appetitregulation anzugreifen. Auf Kongressen höre man nebenbei gelegentlich von gescheiterten Studien, deren Daten größtenteils nicht veröffentlicht sind, sagte PD Dr. Seelig, „immer ein schlechtes Zeichen“. Die erste Ausnahme könnten die nun boomenden neuen Adipositas-Medikamente wie die GLP-1-Analoga sein, die ebenfalls unter anderem auf Appetitzentren im Gehirn abzielen.
Wenn Patientinnen und Patienten eine Adipositas entwickeln, liegt das meist nicht an der Dysfunktion einzelner Gene wie im Beispiel der Leptin-Defizienz. Bei den meisten Betroffenen liegt hingegen eine polygene Vererbung vor. Das bedeutet, dass eine Vielzahl von kleinen genetischen Veränderungen im Erbgut vorliegen, die gemeinsam das Risiko für Übergewicht beeinflussen.
Betroffen sein können etwa Gene, die für die Regulation des Appetits oder des Stoffwechsels wichtig sind. „Je mehr solcher Risikovarianten eine Person hat, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Laufe ihres Lebens eine Adipositas entwickelt“, erklärte PD Dr. Seelig. Die Forschung gehe heute von einer Vererbbarkeit der Adipositas von bis zu 70% aus.
PD Dr. Seelig verwies in dem Zusammenhang auf eine 2024 erschienene Forschungsarbeit im hochkarätigen Journal Cell Metabolism. Darin sequenzierte man das Genom von über 300.000 Teilnehmenden aus der UK-Biobank und verglich das Ergebnis mit dem Lebensstil der Teilnehmenden sowie mit deren BMI.
Die Studie zeigt, dass Menschen, die viele Mutationen tragen, die eine Gewichtszunahme begünstigen, auf einem „höheren Ausgangsniveau“ in Richtung einer Adipositas starten. Im Gegensatz zu Menschen mit einem niedrigen genetischen Risiko haben sie ein zweifach höheres Risiko für die Erkrankung – auch bei gesundem Lebensstil.
Eine Kombination aus hohem genetischen Risiko und ungesundem Lebensstil führt dabei fast unweigerlich zur Adipositas, sagte PD Dr. Seelig. Damit sei aber auch bewiesen, dass sich die Adipositas trotz ihrer Vererbbarkeit durch Umwelt- oder durch Lifestyle-Modifikation beeinflussen lässt, fasste die Expertin die gute Nachricht der Studie zusammen.
Während genau diese Lifestyle-Modifikationen vor einigen Jahren noch der Goldstandard der Adipositas-Therapie waren, nehmen seit einigen Jahren die neuen Adipositas-Medikamente zunehmend diesen Platz ein. Besonders vielversprechend sind GLP-1-Analoga wie Semaglutid. Die neuen Medikamente senken den Appetit und führen zu einer durchschnittlichen Gewichtsreduktion von bis zu 15 %.
GLP-1-RA: Gamechanger für die Adipositas?
Einen der größten Vorteile der neuen medikamentösen Adipositas-Therapie sieht PD Dr. Seelig darin, dass GLP-1-Analoga neben dem Gewicht innerhalb kürzester Zeit auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken.
Doch die neuen Medikamente sind keine Wunderwaffen, erinnerte PD Dr. Seelig. Ein großes Problem der neuen Wirkstoffe ist etwa, dass die Behandlung zur Abnahme der Muskelmasse führen kann. Daher sollten Paientinnen und Patienten begleitend auf eine hohe Proteinzufuhr und gezieltes Muskeltraining achten.
Darüber hinaus sind GLP-1-Analoga derzeit für eine maximale Therapiedauer von drei Jahren vorgesehen. Was nach den drei Jahren passieren soll, ist derzeit noch recht unklar. Denn nach dem Absetzen der Medikamente kommt es meist dazu, dass Patientinnen und Patienten das abgenommene Gewicht wieder zunehmen.
PD Dr. Seeligs eigene Erfahrungen mit Betroffenen zeigt aber, dass das kein Schicksal sein muss. „Einige schaffen es mit gezielter Ernährung und Sport, das Gewicht nach dem Stopp der GLP-1-Analoga auch längerfristig zu halten.“
Seelig E. Adipositas: beeinflussbar oder Schicksal? FomF Allgemeine Medizin Update Refresher, Basel, 21.–25.1.25
Seelig E. Adipositas: beeinflussbar oder Schicksal? FomF Allgemeine Medizin Update Refresher, Basel, 21.–25.1.25
