Sport und Bewegung haben bei MS viele Vorteile
Es gibt praktisch keinen Grund, warum Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose nicht regelmäßig sportlich aktiv sein sollten. Sie profitieren unter anderem in puncto Gleichgewicht und Selbstwert, auch Stoffwechsel- oder andere neurologische Komplikationen lassen sich hintanhalten. Experten und Betroffene geben dazu praktische Tipps.

Die 24-jährige Valentina Strobl hat zwar kürzlich ihre Karriere im internationalen Parasport beendet. Sportlich aktiv bleiben möchte sie jedenfalls weiterhin. „Ich trainiere regelmäßig im Fitnessstudio, gehe Ski fahren oder Skitouren und im Sommer gerne wandern“, berichtet die Tirolerin.
Außerdem ist Strobl passionierte Reiterin. Der Höhepunkt ihrer Laufbahn im Leistungssport war die Teilnahme an den Paralympics Tokyo im Jahr 2021. Sie ging dort mit dem heimischen Nationalteam in der Paradressur an den Start. Auch an mehreren internationalen Turnieren und bei Championaten vertrat sie gemeinsam mit ihrem vierbeinigen Sportpartner Bequia Simba das Team Österreich.
Im Alter von 13 Jahren erhielt Strobl die Diagnose Multiple Sklerose. Der Verdacht entstand nach mehreren Attacken mit extremem Schwindel und Gleichgewichtsproblemen.
Ihren Lieblingssport, das Reiten, einzustellen war keine Option. Ganz im Gegenteil: Das Reiten habe ihr nach der Diagnose geholfen, wieder ein Gefühl für ihr Gleichgewicht zu entwickeln. „Am Anfang ist es mir sogar leichter gefallen als gehen und laufen“, erzählt Strobl im Podcast PARA:Sport.
Nach der MS-Diagnse zurück ins Leben finden
„Auch für meinen mentalen Zustand war der Sport sehr wichtig. Ich habe mir als Teenager sehr schwer getan mit der Diagnose, doch die Verpflichtung dem Pferd gegenüber hat mir viel Motivation gegeben, wieder zurück ins Leben zu finden“, sagt Strobl.
Da die Einschränkungen sich jedoch auch beim Reiten bemerkbar machten, musste sie die Abstimmung mit ihrem Pferd neu erarbeiten. Die Einschränkungen waren der Grund dafür, warum Strobl als Paradressurreiterin klassifiziert wurde. Bei Bewerben ist sie zuletzt im Grad IV angetreten ist.
Nach wie vor merke sie trotz guter medikamentöser Einstellung, dass sie etwa linke Seite nicht so gut ansteuern kann: „Auch in puncto Gleichgewicht bin ich sehr sensibel, und alle Bewegungen mit der linken Hand muss ich genau kontrollieren.“ Doch gerade da hilft der jungen MS-Patientin das Training im Fitnessstudio: „Ich habe zunächst weniger Gewicht verwendet bzw. weniger Wiederholungen mit links gemacht und mich langsam gesteigert, um einen Ausgleich zu schaffen“, berichtet Strobl.
Besserung von Motorik und Lebensqualität bei MS
Den Wert von Bewegung und Sport für Patientinnen und Patienten mit MS unterstreicht auch Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien. Ganz besonders wenn motorische Beschwerden bestehen und das Gleichgewicht betroffen ist, profitieren die Patientinnen und Patienten davon, so Berger. „Bewegung bedeutet eine Besserung der Symptomatik und der Lebensqualität.“
Aber auch Betroffenen ohne Symptome legt der MS-Spezialist regelmäßige Bewegung nahe. „Dank der modernen Therapien können viele MS-Patientinnen und -Patienten heute ein Leben führen wie Menschen ohne neurologische Erkrankungen. Dennoch besteht mit zunehmendem Alter ein Risiko für Demenz, Schlaganfall oder metabolische Erkrankungen – und dieses lässt sich mit Bewegung drastisch reduzieren.“
Berger rät, dabei diejenigen Sportarten zu wählen, die den persönlichen Neigungen und Interessen entsprechen. „Ganz wichtig ist auch der gezielte Aufbau etwa nach längeren Pausen und das Einhalten von Regenerationszeiten.“ Entscheidend sei jedenfalls, dass die Bewegungs- und Sportprogramme langfristig umgesetzt werden.
Therapeutische Fortschritte
Bewegung und Sport stehen damit genauso wie die symptomatische Physiotherapie für eine der Säulen im Therapiekonzept bei MS. „Wir haben in den letzten 30 Jahren dank der Zulassung neuer Therapien erhebliche Fortschritte gemacht“, betont Berger. Bei einer Vielzahl der Betroffenen kann heute das Therapieziel „Keine Krankheitsaktivität“ gut erreicht werden. Allerdings ist die Erkrankung auch in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit noch immer stark stigmatisiert. Sie wird häufig mit starker motorischer Behinderung assoziiert. Mit Sicherheit leistet die sportliche Aktivität von MS-Erkrankten – auch als „Role Models“ für andere Betroffene – einen Beitrag zur Entstigmatisierung.
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