Covid-19-Pandemie: Das waren die 10 größten Belastungen für Hausärzte
Hausärzte spielten eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Covid-19-Pandemie. Doch diese Leistungen hatten ihren Preis: Sie belasteten die Grundversorgung und beeinträchtigten die Patientenbetreuung.
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Prof. Dr. Sally Hall Dykgraaf, Australian National University in Canberra, und Kollegen führten eine Sekundäranalyse eines integrativen systematischen Reviews internationaler primärmedizinischer Versorgungssysteme durch. Dabei untersuchten sie die Herausforderungen und Belastungen, denen Hausärzte und Grundversorgungsdienste während der Pandemie ausgesetzt waren.
Von 1745 geprüften Studien wurden 108 aus 90 Ländern einbezogen. 78 dieser Studien dokumentierten negative Auswirkungen, Probleme und Herausforderungen in der primären Gesundheitsversorgung. Zehn zentrale Belastungspunkte, die die Versorgung während der Pandemie beeinträchtigten, wurden identifiziert und in vier Themenbereiche gegliedert.
Anpassung an neue Arbeitsweisen
1. Schnelle Umstellung in einem Umfeld mit hohem Druck: Hausärzte mussten sich laufend an die dynamische Pandemie-Situation anpassen. Besonders fordernd war die rasche Einführung virtueller Konsultationen, oft ohne ausreichende Schulung in digitalen Technologien. In Kanada erschwerte die gleichzeitige Sicherstellung von Effizienz, Einhaltung von Gesundheitsrichtlinien und Mitarbeitersicherheit den Veränderungsprozess. Neue Versorgungsformen wie elektronische Rezepte verlangten Anpassungen bei Apotheken, Ärzten und Lieferdiensten, etwa in Katar und Südafrika.
2. Einführung von Infektionsschutzmaßnahmen (IPC): Trotz der allgemeinen Akzeptanz von IPC fehlte es an Wissen über Präventionsmaßnahmen und den Umgang mit Verdachtsfällen. Besonders der Einsatz persönlicher Schutzausrüstung (PSA) bereitete Probleme. In Australien war die Isolation von Patienten ohne Vorscreening schwierig. In Großbritannien führte die Telefon- und Online-Triage zu Bedenken über Fehldiagnosen und die Erkennung schwerer Krankheitsverläufe. Ein PSA-Mangel belastete viele Länder: In Griechenland kauften Ärzte ihre Schutzkleidung selbst, in China wurde PSA improvisiert hergestellt.
Wechselnde Bedürfnisse der Gemeinschaft
3. Sicherstellung routinemäßiger und präventiver Versorgung: Pandemiebedingte Einschränkungen reduzierten nicht-Covid-19-bezogene Behandlungen drastisch. Viele Patienten mieden aus Angst vor Ansteckung medizinische Einrichtungen, was zu verzögerten Diagnosen und unzureichender Betreuung chronischer Erkrankungen führte. In Katar etwa blieben Kinderimpfungen aus, in afrikanischen Ländern wurden Malaria- und Tuberkulose-Behandlungen vernachlässigt.
4. Verschärfung sozialer Ungleichheiten: Die Pandemie verstärkte gesundheitliche Ungleichheiten. Besonders betroffen waren Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status, ethnische Minderheiten, Drogenabhängige, ehemalige Strafgefangene und Bewohner ländlicher Gebiete. In einigen Ländern waren Tests und Behandlungen für einkommensschwache Gruppen unerschwinglich.
5. Psychische Belastungen: Die Nachfrage nach psychiatrischen und psychosozialen Diensten stieg, konnte aber oft nicht gedeckt werden. Gleichzeitig litten Hausärzte unter Stress, Überarbeitung, Ansteckungsangst und fehlender Unterstützung. Isolation durch den Wegfall kollegialer Kontakte führte in einigen Fällen zu Depressionen.
Belastung der Ressourcen und Systeme
6. Finanzielle Einbußen: Hausärzte verzeichneten Einnahmeverluste durch weniger persönliche Konsultationen, höhere Verwaltungskosten und Investitionen in digitale Infrastruktur. In den USA und Kanada wurden viele Praxen unrentabel, da Vergütungen an persönliche Arztbesuche gekoppelt waren.
7. Personalengpässe: Erkrankte oder exponierte Mitarbeiter fielen aus. In Griechenland wurden Hausärzte in Spitäler versetzt, in den USA waren finanzielle Anreize nötig, um Personal trotz hoher Belastung zu halten.
8. Mangel an Ressourcen: Virtuelle Konsultationen offenbarten Infrastruktur-Defizite, etwa beim Internetzugang oder digitalen Kompetenzen. In afrikanischen Ländern fehlten Wasser- und Sanitäreinrichtungen für Hygienemaßnahmen, in Europa mangelte es an Pulsoximetern.
Unklare Zusammenarbeit mit dem Gesundheitssystem
9. Unsicherheit durch wechselnde Richtlinien: Ständig angepasste Gesundheitsrichtlinien sorgten für Verwirrung. In Großbritannien mussten Hausärzte selbst Informationen zu Impfplänen aufbereiten.
10. Fehlende Koordination: Uneinheitliche politische Reaktionen und mangelnde zentrale Steuerung behinderten die Pandemie-Bekämpfung. In Kanada wurde die Rolle der primären Gesundheitsversorgung unterschätzt. Hausärzte in Deutschland und Kanada forderten eine stärkere Integration in künftige Pandemieplanungen.
Die Autoren schlussfolgern, dass Hausärzte und primäre Gesundheitsdienste entscheidend zur Bewältigung der Pandemie beitrugen, jedoch erheblichen Belastungen ausgesetzt waren. Die identifizierten zehn Belastungspunkte sollten als Grundlage für künftige Pandemie-Planungen dienen. Es ist unerlässlich, Hausärzte stärker in die öffentliche Gesundheitsvorsorge und politische Entscheidungen einzubinden, um widerstandsfähige Gesundheitssysteme für kommende Krisen zu schaffen.