26. Feb. 2025Langzeitfolgen von SARS-CoV-2 und anderen Viren

Postakute Infektionssyndrome haben einen langen Atem

Fünf Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie sind schwere akute Erkrankungsverläufe kein großes Thema mehr. Doch Postakute Infektionssyndrome in Form von Langzeitschäden wie Long Covid, Post-Covid oder ME/CFS sind nach wie vor sehr präsent.

Post-Covid-Konzept. Hoffnung und das Ende. Lange Covid; langfristige Wirkung
Abbildung: Parradee/AdobeStock

Und auch andere Infektionen, z.B. mit dem Epstein-Barr-Virus, können zu postakuten Infektionssyndromen (PAIS) führen. Die Co-Leiterinnen des im Vorjahr eingerichteten Nationalen Referenzzentrums für postvirale Syndrome, Univ.-Prof. Dr. Kathryn Hoffmann und Assoz. Prof. DDr. Eva Untersmayr-Elsenhuber, sprachen in einem APA-Interview über die aktuelle Situation und die Herausforderungen, die bewältigt werden müssen.

Menschen mit Immundefekten, Immunsuppression oder anderen schweren Erkrankungen seien durch eine akute Infektion weiterhin gefährdet, so Prof. Hoffmann. Doch das Hauptproblem seien derzeit die langfristigen Folgeschäden, die SARS-CoV-2 im Körper anrichten kann – auch nach milden oder moderaten akuten Infektionen.
Dies reiche von schweren gesundheitlichen Schäden wie Lungen- oder Herzmuskelentzündungen über eine deutliche Risikoerhöhung unter anderem für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Diabetes, Autoimmun- und demenzielle Erkrankungen bis hin zu postakuten Infektionssyndromen (PAIS). Dazu gehören etwa das posturale Tachykardiesyndrom POTS oder die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatiguesyndrom (ME/CFS).

SARS-CoV-2: Akutinfektionen vermeiden

Mit der Impfung ist das Post-Covid-Syndrom zwar zurückgegangen und die neueren Varianten induzieren weniger häufig ein Post-Covid-Syndrom. Doch das Problem besteht weiter. Denn jede SARS-CoV-2-Infektion birgt das Risiko von Langzeitfolgen und erhöht auch insgesamt das Risiko für Infektionen, da die Immunabwehr des Körpers geschwächt wird.

„Der beste Schutz ist es, die Akutinfektion zu verhindern“, betonte Prof. Untersmayr-Eisenhuber. Dies gelinge am besten durch die (Auffrischungs-)Impfung insbesondere von Risikogruppen und älteren Personen. Wirksam sind auch das Tragen von Schutzmasken, das Lüften von Räumen bzw. den Einsatz von Abluftsystemen und Luftreinigern sowie das Vermeiden von Menschenansammlungen in Zeiten hoher Infektionslast.

PAIS: Auswirkungen auf Sozialleben und die Wirtschaft

Wie viele Betroffene von Langzeitschäden nach postviralen Erkrankungen es in Österreich gibt, lässt sich nicht konkret sagen. Bezüglich ME/CFS, der schwersten Form, würden internationale Daten bestätigen, dass die Annahme von rund 80.000 Betroffenen in Österreich gut hinkomme. 20–25% davon sind laut internationalen Studien sogar haus- bzw. bettgebunden, so Prof. Hoffmann.

Doch auch leichter Betroffene leiden oft unter gravierenden Einschnitten, da sie bspw. Arbeitsstunden reduzieren müssten und damit ihrer Karriere schaden oder ihr Sozialleben und ihre Hobbys der Erholung opfern müssten, erklärte Prof. Untersmayr-Elsenhuber.
Das zieht auch soziale und finanzielle Probleme nach sich: Betroffene von postakuten Infektionssyndromen müssten sich etwa beim Partner mitversichern oder ihre eigene Wohnung aufgeben.

Insgesamt führen SARS-CoV-2- und andere Infektionserkrankungen und insbesondere deren Langzeitfolgen zu häufigeren und längeren Krankenständen und damit auch zu einem großen volkswirtschaftlichen Schaden, da viele junge Menschen oft nur mehr eingeschränkt oder gar nicht mehr arbeitsfähig sind.

Weiterbildung von Gesundheitspersonal über PAIS nötig

Häufig sind sich Post-Covid- bzw. PAIS-Betroffene des möglichen Grundes ihrer Beschwerden gar nicht bewusst. Sie können oft keinen Zusammenhang zwischen ihren Symptomen und vorangegangenen Infektionen herstellen. Ärzte müssten daher diesbezüglich noch einmal aufmerksamer sein, wenn sie mit Beschwerden wie etwa Schwindel oder ständigem Kranksein konfrontiert werden, so Prof. Hoffmann.
Deshalb sei es auch wichtig, bei der Aus- und Weiterbildung von Gesundheitspersonal anzusetzen, was das Referenzzentrum auch ganz intensiv macht, ergänzte Untersmayr-Elsenhuber. Und auch im Medizinstudium und in den Ausbildungen der anderen Gesundheitsberufe müsse das Thema PAIS Niederschlag finden.

Auch Fehldiagnosen seien Prof. Hoffmann zufolge leider ein Problem, so etwa die Vermischung von chronischer Fatigue mit ME/CFS, das Nichterkennen der schweren Belastungs-Entlastungsstörung PEM (Post-Exertional Malaise) oder die Verwechslung von POTS und Mastzellenüberaktivität mit Panikattacken oder einer Angststörung. Auch deshalb sei die Wissensvermittlung der neuesten Erkenntnisse von zentraler Bedeutung.

Verfügbare Medikamente und Therapien

Was die Behandlung von postakuten Infektionssyndromen betrifft, so ist bis heute nur eine symptomlindernde Therapie möglich. Neben einer Stabilisierung der Patienten kann in vielen Fällen auch eine Verschlechterung der Erkrankungen verhindert werden, betonten die beiden Expertinnen.
Bei PEM und ME/CFS sei „Pacing“ das „Um und Auf“. Dabei gehe es darum, „dass man hier quasi die individuellen Aktivitätsgrenzen definiert und über diese Aktivitätsgrenzen nicht drüber geht“. Ohne Pacing habe auch die symptomatische Behandlung nicht den gewünschten Erfolg, wie auch eigene Forschungen gezeigt hätten.

Prof. Untersmayr-Elsenhuber und Prof. Hoffmann verwiesen auch auf die seit kurzem bei der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) verfügbare Off-Label-Liste mit Medikamenten, die bei postviralen Zuständen oder ME/CFS von Ärzten verschrieben werden können und bei denen die Kasse auch die Kosten übernimmt.

Die Abklärung und auch Verschreibung kann beim Hausarzt oder bei Fachärzten erfolgen. Als Beispiel nannte Prof. Untersmayr-Elsenhuber das Mastzellaktivierungssyndrom, das oft als Komorbidität bei Post-Covid oder auch ME/CFS vorliegt. Hier könnten etwa Antihistaminika vom Hausarzt verschrieben werden. Wichtig sei aber immer auch die klinische bzw. labordiagnostische Diagnosestellung.

Spezialisierte Behandlungsstellen gefordert

Hausärzte sollten für die Betroffenen mit postakuten Infektionssyndromen auch weiterhin die ersten Ansprechpartner bleiben. Die aufwendige und zeitintensive Diagnostik von postviralen Erkrankungen müsste freilich auch finanziell abgedeckt werden. Für speziellere Fälle und komplexere Fragestellungen, die vom hausärztlichen Bereich nicht abgedeckt werden können, brauche es jedoch spezialisierte Behandlungsstellen, wie Prof. Untersmayr-Elsenhuber darlegte. Diese wurden auch von Patientenvertretern und auch von Gesundheitsminister Johannes Rauch gefordert. Sie liegen im Zuständigkeitsbereich der Bundesländer.

Sie gab zudem zu bedenken, dass es für Betroffene schwer bis unmöglich ist, die vielen nötigen vielen verschiedenen Fachärzte, Labore oder Untersuchungseinrichtungen aufzusuchen. Schließlich verfügen sie nur über sehr begrenzte Energieressourcen. „Es wäre daher wünschenswert, wenn diese vielfältigen Wege dann vereinfacht werden in einer Behandlungsstelle.“ Auch Telemedizin und Hausbesuche müssten mitgedacht werden.

Von einer künftigen Bundesregierung wünschen sich die Expertinnen, dass die Versorgung der Patienten, weiterverfolgt und ernst genommen werde. Natürlich gehe es dabei immer auch ums Geld, „denn Anlaufstellen werden etwas kosten, wenn man versucht, das bestmöglich umzusetzen“. Auch vermehrte Forschungsförderung ist den Co-Leiterinnen des Referenzzentrums ein Anliegen.

Begriffserklärung:
Long Covid, ME/CFS und Co.

Von Long Covid spricht man, wenn Betroffene nach einer Covid-Infektion auch nach mehr als 4 Wochen noch über Beschwerden klagen. Halten die Beschwerden länger als 12 Wochen an und sind nicht mit einer anderen Diagnose erklärbar, so spricht man vom Post-Covid-Syndrom. Als schwerste Ausformung gilt das postakute Infektionssyndrom ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom).

Long Covid

Es werden mehrere Gruppen von Long Covid differenziert: Erstens jene Betroffene, die durch einen schweren akuten Verlauf langanhaltende Schäden erleiden (durch Lungenentzündung, Herzmuskelentzündung, Lungenfibrose, Nierenschäden etc.). Die zweite Gruppe umfasst jene, bei denen durch eine Covid-19-Infektion neue Erkrankungen entstehen oder bereits bestehende verschlechtert werden (etwa Autoimmun-, Lungen-, Herz- und Stoffwechselerkrankungen, Dysfunktionen im Immunsystem oder demenzielle Erkrankungen). Halten die Probleme länger an, spricht man von Post-Covid.

Post-Covid-Syndrom

Als dritte Gruppe gilt die Neuentstehung des eigentlichen postakuten Infektionssyndroms Post-Covid. Die Betroffenen leiden unter schweren Dysfunktionen und weisen ähnliche Symptome wie bei ME/CFS auf. Die Dysfunktionen betreffen etwa das autonome Nervensystem, das Immunsystem, das Endothel der Gefäße, die Energiegewinnung in den Mitochondrien auf Zellebene, die Durchblutung von Gehirn und anderen Organen bzw. Gewebestrukturen, die Transmittersubstanzen zwischen den Nervenzellen oder das Darmmikrobiom. Auch Schädigungen von spezifischen Nervenfasern kommen vor, ebenso die Reaktivierung von sich latent im Körper befindlichen Viren wie z.B. Herpesviren.

Mögliche Folge sind die schwere Belastungs-Erholungsstörung PEM (Post-Exertional Malaise), Dysautonomien wie etwa orthostatische Hypotonie oder das Posturale Tachykardie-Syndrom (POTS), bei dem der Puls im Stehen übermäßig ansteigt. Außerdem können Schlafstörungen, das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS), kognitive Dysfunktion, Mikrothromben und vieles mehr auftreten.

ME/CFS

ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) ist eine eigenständige schwere Erkrankung, die von der WHO bereits 1969 beschrieben und anerkannt wurde. Die Entstehungsmechanismen sind nach wie vor nicht hinreichend geklärt. Laut aktuellem Forschungsstand geht man davon aus, dass eine Fehlregulation des Immunsystems und des autonomen Nervensystems Grundlage für die Erkrankung sind.
Als Auslöser gelten in erster Linie bakterielle oder virale Infektionen. Auch Operationen oder Traumata werden als mögliche Trigger genannt. Betroffene leiden unter einer stark beeinträchtigten Leistungsfähigkeit (PEM), die mindestens 6 Monate andauert, und weiteren, teils schwerwiegenden Symptomen, wie sie auch beim Post-Covid-Syndrom auftreten können.
Die Krankheit kann – je nach Schweregrad – zu einer Behinderung und sogar zu Bettlägerigkeit und Pflegebedürftigkeit führen. Laut MedUni Wien sind 60% der Patienten nicht in der Lage, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen, 25% sind sogar bettlägerig.

Schwere Belastungs-Erholungsstörung (PEM)

Die schwere Belastungs-Erholungsstörung PEM (Post-Exertional Malaise) ist mögliche Folge einer postviralen Erkrankung wie etwa einer Covid 19-Infektion. Körperliche und kognitive schrittweise Aktivierung wirkt hier nicht unterstützend, sondern hat einen negativen Effekt. Belastungen können zu einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes führen, der sofort oder mit zeitlicher Verzögerung (ca. 12–48 Stunden) eintreten kann. Auch Sinnesreize oder Infektionen können eine Verschlechterung auslösen. Um PEM zu vermeiden, wird Betroffenen empfohlen, die Aktivitäten in jenem Rahmen zu halten, in dem sie zu keiner Verschlechterung führen („Pacing“). Entscheidend für die Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen wie etwa Depressionen ist der unverminderte Antrieb und Motivation der Patienten, die Symptomentstehung erst nach Belastung, dafür langanhaltend, und ein deutlicher Abfall der Performance bei der Wiederholung von Tests (Kraft, Ausdauer und Kognition) nach einer für gesunde Menschen ausreichenden Pause.