31. Dez. 2020Hellhörige Eltern und gute Behandlungsmöglichkeiten

Kaum mehr Komplikationen bei Otitis media

Mit zunehmenden Infekten in der kalten Jahreszeit hat auch die Otitis media wieder Saison. Nicht immer ist sofort ein Antibio­tikum indiziert, wie die Grazer HNO-Ärztin Dr. Christiana Brezjak-Kahlert im Interview erklärt.

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Welche Klientel präsentiert sich in Ihrer Praxis mit akuter Otitis media? Ausschließlich Kinder oder auch Erwachsene?

Brezjak-Kahlert: Von Mittelohrentzündungen sind überwiegend Kinder betroffen, aber auch Erwachsene sind nicht vor einer Otitis media gefeit.

Warum sind Kinder ­besonders häufig von Mittelohrentzündungen ­betroffen?

Brezjak-Kahlert: Kinder bekommen sehr häufig Mittelohrentzündungen, weil ihr Immunsystem noch nicht so gut ausgebildet ist und sie dadurch zu gehäuften Infekten neigen. Die Eustachische Röhre ist strukturell und funktionell noch nicht ausgereift, und viele Kinder haben auch hypertrophe Adenoide.

Welche Risikofaktoren gibt es bei Erwachsenen?

Brezjak-Kahlert: Risikofaktoren bei Erwachsenen sind z.B. eine chronische Sinusitis oder eine Septumdeviation, bei der es auf der betroffenen Seite gehäuft zu Mittelohrentzündung kommen kann. Eine einseitige rezidivierende Otitis media im Erwachsenenalter sollte aber zum Beispiel auch an eine maligne Erkrankung im Nasopharynx denken lassen.

Schließlich gibt es auch noch einen vergleichsweise harmlosen Grund für eine Otitis media im Erwachsenenalter: exzessive Nasenspülungen mit Kochsalzlösung. Das habe ich nicht nur einmal gesehen. Die Betroffenen, die eigentlich nur ihren Schnupfen kurieren wollen, spülen sich quasi die Keime über die Tube ins Mittelohr.

Wann ist bei Mittelohr­entzündung eine symptomatische Therapie ausreichend, wann sind Antibiotika zwingend erforderlich?

Brezjak-Kahlert: Da gibt es ziemlich genaue Richtlinien: Je jünger das Kind ist, desto eher braucht es ein Antibiotikum. Bei Kindern unter sechs Monaten ist die Gabe eines Antibiotikums immer erforderlich. Bei Kindern zwischen sechs und 24 Monaten ist dann ein Antibiotikum notwendig, wenn eine beidseitige Mittelohrentzündung vorliegt, wenn das Kind über 39 °C fiebert oder wenn bestimmte Risikofaktoren vorliegen, z.B. eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte, ein Down-Syndrom oder eine bekannte Immundefizienz. Auch bei Zustand nach Cochlea­implantation und bei persistierender eitriger Otorrhoe ist die Antibiotikagabe von vornherein indiziert.

Bei Kindern ab zwei Jahren, die sich mit einseitiger Otitis media präsentieren, die nicht hoch fiebern und keine Risikofaktoren aufweisen, kann hingegen bis zu 48 Stunden zugewartet werden. Hier reicht zunächst eine analgetische Behandlung mit Ibuprofen oder Paracetamol dreimal täglich. Zusätzlich geben wir HNO-Ärzte gerne abschwellende Nasentropfen ohne Konservierungsstoffe. Nach 48 Stunden bestellt man das Kind nochmals zur Kontrolle und verordnet dann bei Bedarf ein Antibiotikum.

Was häufig passiert ist, dass die kleinen Patienten am Freitagnachmittag mit Ohrenschmerzen in die Ordination kommen. Besteht keine Indikation für eine sofortige Antibiotikagabe, kann man den Eltern das Rezept für das Antibiotikum sicherheitshalber mitgeben. Sollte sich der Zustand des Kinders innerhalb der nächsten 48 Stunden verschlechtern, können sie selbst mit dem Antibiotikum beginnen.

Welche Antibiotika kommen vorzugsweise zum Einsatz?

Brezjak-Kahlert: Mittel der Wahl ist Amoxicillin, 60 mg/kg KG pro Tag, aufgeteilt auf zwei bis drei Dosen, für eine Woche. Wurde innerhalb der letzten 30 Tage bereits Amoxicillin eingenommen, gibt man Amoxicillin plus Clavulansäure, weil dann oft Beta-Laktamase-positive Bakterien eine Rolle spielen. Die hat man beim letzten Mal vielleicht nicht mit erwischt.

Alternativ kann man Cephalosporine der 2. oder 3. Generation anwenden, z.B. Cefuroxim oder Cefpodoxim für fünf Tage, oder Makrolide. Da gibt es allerdings relativ hohe Resistenzraten.

Gibt es prophylaktische Maßnahmen, die helfen können, eine rezidivierende Otitis media in den Griff zu bekommen?

Brezjak-Kahlert: Insofern ja, als man die oben genannten Risikofaktoren aus der Welt schaffen kann. Bei Kindern wäre das die Entfernung der hypertrophen Adenoide, bei Erwachsenen zum Beispiel die Operation einer Septumdeviation.

Auch Rauchen im Haushalt ist ein signifikanter Risikofaktor für akute Otitis media. Das sollten Eltern betroffener Kinder wissen.

Sehen Sie heute noch schwere Verläufe und Komplikationen?

Brezjak-Kahlert: Um ehrlich zu sein, sehe ich in der Praxis kaum noch Komplikationen, weil mittlerweile die Behandlungsmöglichkeiten sehr gut sind.

Auch die Eltern sind viel hellhöriger als früher. An der HNO-Klinik habe ich im Dienst ab und zu eine Mastoiditis gesehen, aber das ist nichts im Vergleich zu früher. Einer meiner Kollegen, der mittlerweile in Pension ist, hat laut eigenen Erzählungen in seiner Ausbildungszeit noch in jedem Dienst eine Mastoiditis behandelt.

Gibt es etwas, das Sie Ihren Kollegen im hausärztlichen Bereich gerne mit auf den Weg geben wollen?

Brezjak-Kahlert: Vielleicht, dass man sich bei sonst gesunden Kindern ruhig trauen soll, mit dem Antibiotikum ein bisschen zuzuwarten!

Zur Person

Sissi Furgler

Dr. Christiana Brezjak-Kahlert ist Fachärztin für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde sowie Kopf- und Halschirurgie. Sie führt ihre Praxis als KFA-Vertragsärztin und Wahlärztin in Graz Andritz.
www.hno-graz.at

Dieser Beitrag erschien auch im Printmagazin Medical Tribune