Sara Josephine Baker – Vom viktorianischen Mindset in die Moderne der öffentlichen Gesundheit
Wie eine Familientragödie eine Tochter des viktorianischen Bürgertums in New York dazu brachte, ihre Pläne von Ehe und Mutterschaft aufzugeben und eine Pionierin der öffentlichen Gesundheitsversorgung zu werden.

Dr. Sara Josephine Baker, M.D., Dr.P.H., als Director of the Bureau of Child Hygiene im Jahr 1922.
Sara Josephine Baker wird 1873 in Poughkeepsie, N.Y., in eine typische viktorianische Mittelschichtsfamilie jener Zeit geboren. Ihre Eltern sind der Anwalt Daniel Mosher Baker und dessen Ehefrau Jenny Harwood Brown. Jo, wie Sara Josephine im Kreis der Familie genannt wird, durchlebt eine glückliche Kindheit und hat ein gutes, von Zuneigung und Unterstützung geprägtes Verhältnis zu beiden Eltern. Ihre Mutter ist nach den Maßstäben der Zeit eine progressive Frau mit hoher formaler Bildung.
Sie gehört zu den ersten Absolventinnen des Vassar College, einer der international führenden und progressivsten Bildungseinrichtungen für Frauen weltweit. Jo wächst mit der Erwartungshaltung seitens ihrer Familie auf, ebenfalls dort zu studieren. Dies entspricht aber nicht ihren persönlichen Ambitionen, sie betrachtet Vassar nur als eine dem Familienwillen geschuldete Notwendigkeit. Sie selbst strebt den zutiefst viktorianischen Idealen der Ehe und Mutterschaft entgegen und sieht auf diesem Weg wenig Notwendigkeit für eine höhere Ausbildung. Trotzdem besucht sie die Misses Thomas’ School for Young Ladies in Poughkeepsie und bereitet sich dort auf das Vassar College vor.
Tragödie und Neuorientierung
Alle familiären Planungen werden aber im Jahr 1890 zunichte gemacht, als ein Typhusausbruch in Poughkeepsie epidemische Ausmaße erreicht und das Leben ihres Vaters und ihres Bruders fordert. Die 16-jährige Jo findet sich daraufhin in der Verantwortung wieder, ein Einkommen für die Familie zu erwirtschaften. Sie gibt ein ihr bereits zugesprochenes Vassar-Stipendium auf und beschließt, Ärztin zu werden, um ihrer Familie ein geregeltes Einkommen zur Verfügung zu stellen. Diese Absicht stößt in ihrem Umfeld aber auf viel Ablehnung, da der Arztberuf zu jener Zeit mehrheitlich als männliche Domäne gesehen wird und Frauen als dafür ungeeignet erachtet werden. Baker motivieren diese konservativen Stimmen aber und verfestigen ihre Entschlossenheit. Später erinnert sie sich: When I encountered only argument and disapproval, my native stubbornness made me decide to study medicine at all costs and in spite of everyone.
So beschäftigt sich Sara Josephine Baker im Selbststudium mit Chemie und Biologie und bereitet sich auf die New York State Regents examinations vor, die eine Zulassungsvoraussetzung für das Medizinstudium sind. Als sie selbige 1894 besteht, schreibt sie sich am Woman’s Medical College of the New York Infirmary ein, das ursprünglich von der Pionierärztin Elizabeth Blackwell und ihrer Schwester Emily gegründet worden war. Dort hat sie Kontakt zur ersten Generation amerikanischer Frauen, die sich den Weg zu einem Medizinstudium erkämpft hatten, und findet für ihr weiteres Leben einflussreiche Role Models, darunter das Fakultätsmitglied Mary Putnam Jacobi.
Nach ihrem Studienabschluss 1898, bewirbt sich Baker für ein einjähriges Praktikum am New England Hospital for Women and Children in Boston. Dort arbeitet sie in einer Ambulanz, in der viele Bewohner aus den ärmsten Stadtteilen versorgt werden. In diesem Umfeld entwickelt sie ein ausgeprägtes Interesse an den kausalen Zusammenhängen zwischen Armut und Krankheit. Daraus erwachsen in weiterer Folge eine Leidenschaft und ein Engagement für die Sozialmedizin, die ihre gesamte weitere Karriere prägen werden.
New York, New York!
1899 eröffnet Baker gemeinsam mit einer Freundin eine private Praxis in New York. Im ersten Jahr machen die beiden Frauen aber nicht annähernd genug Umsatz, um die Praxis auch nur kostendeckend zu betreiben. Um diese finanzielle Schräglage auszugleichen, suchen sich beide Nebenbeschäftigungen und arbeiten als medizinische Gutachterinnen für die New York Life Insurance Company. Sie gehören damit zu den Pionierinnen in der Branche und ebnen anderen Ärztinnen den Weg. Baker arbeitet zusätzlich noch als Gesundheitsinspektorin für New York City und erweitert ihr professionelles Netzwerk in die Gesundheitsverwaltung der Metropole.
Als Gesundheitsinspektorin taucht Baker in die Untiefen der städtischen Slums ein und sieht sich, zuerst im Außendienst, dann im Rahmen von Verwaltungstätigkeiten, mit der Tragödie der unfassbar hohen Säuglingssterblichkeit dieser Tage konfrontiert. In den heißen Sommermonaten, in denen die unhygienischen Bedingungen in den zahlreichen Elendsquartieren von New York City klimabedingt ihren Höhepunkt erreichen, sterben wöchentlich 1.500 Neugeborene an Diarrhoe. Selbst eine Dekade später, während des Ersten Weltkriegs, wird sie noch prägnant und öffentlichkeitswirksam zu Protokoll geben: It’s six times safer to be a soldier in the trenches of France than to be born a baby in the United States.
Bakers revolutionäre Tätigkeit in der New Yorker Gesundheitsverwaltung
1907 wird Sara Josephine Baker zum Assistant Commissioner of Health ernannt. Sie leitet Impfprogramme gegen Pocken und kümmert sich um Fragen der Hygiene und der sanitären Versorgung. Im selben Jahr ist sie bei der Festnahme von Mary Mallon zugegen – einer Köchin, die in der Folge als Typhoid Mary berühmt-berüchtigt wird und die unwissentlich Typhus in der Stadt verbreitet, während sie in verschiedenen New Yorker Bürgerhaushalten arbeitet. Bei der Festnahme versucht Mallon, Baker mit einer Gabel zu attackieren. Nachdem die ambitionierten Widerstand leistende Köchin in einen Krankenwagen gezerrt worden ist, muss sich die Gesundheitsinspektorin auf sie setzen, um weitere Fluchtversuche zu unterbinden.
1908 übernimmt Baker die Leitung des neu gegründeten Bureau of Child Hygiene der Stadt, der ersten Behörde dieser Art in den Vereinigten Staaten. Präventivmedizin existiert zu dieser Zeit de facto nicht. Auf Grundlage ihrer bisherigen Arbeit zur Krankheitsprävention und Gesundheitsaufklärung entwickelt Baker aber erste Programme zur grundlegenden Hygiene für in Elendsvierteln lebende Einwanderer.
Was ethnische Vorurteile gegenüber diesen Zuwanderer-Communities betrifft, ist Baker ein Kind ihrer Zeit und teilt sie über weite Strecken. Sie ist aber auch ein mustergültiges Beispiel dafür, dass historisch bedeutende Figuren genauso in Schattierungen zu lesen sind wie alle anderen Menschen. Und so treibt ein feministisch-progressiver Geist ihre intensive Beschäftigung mit Frauenrechten, wohl wenig überraschend angesichts der Tatsache, dass Baker homosexuell ist. Intellektuelles Forum und Ventil für diese freiheitlichen Bestrebungen ist der Heterodoxy Club, eine radikale Diskussionsgruppe, in der Baker gemeinsam mit mehr als hundert anderen Frauen Mitglied und als Dr Joe bekannt ist.
Im Sommer 1908 führt Sara Josephine Baker ein Experiment in der Lower East Side durch. Der Stadtteil ist zu dieser Zeit das am dichtesten besiedelte Gebiet der Erde und ein einziger Slum. Die hygienischen Bedingungen in den dunklen und kaum durchlüfteten Mietskasernen, die beinahe den gesamten Baubestand des Stadtteils ausmachen, sind katastrophal. Um dem Problem der hohen Säuglingssterblichkeit Herrin zu werden, veranlasst Baker, dass alle frischgebackenen Mütter der Lower East Side zumindest einmal von einer professionellen Hebamme besucht und in der grundlegenden Pflege von Neugeborenen unterwiesen werden.
Die Maßnahme zeigt Ergebnisse, und Baker baut auf diesem ersten Erfolg auf: Ihre Behörde lässt zum ersten Mal Hebammen zu, reguliert deren Ausbildung und das gesamte Gewerbe. Sie etabliert Baby Health Stations im Stadtteil, an denen kostenlose Milch an junge Mütter verteilt wird. Die von Baker gegründete Little Mothers’ League bringt den zahlreichen Mädchen, die als ältere Kinder in vielen Einwandererfamilien die Hauptlast der Kinderbetreuung tragen, grundlegende Prinzipien der Ernährung und Hygiene von Kleinkindern bei.
So unglaublich es auch erscheinen mag, aber nicht alle sind mit den von Baker initiierten Maßnahmen zufrieden. Eine mehrere Dutzende Männer zählende Gruppe von New Yorker Ärzten reicht beim Bürgermeister eine Petition ein, um Bakers Behörde zu schließen und den von ihr etablierten Nanny-Staat wieder abzuschaffen – weil er deren Geschäft ruiniere. Der so Petitionierte erkennt aber den Wert einer systematischen, urbanen Gesundheitsversorgung und wird nicht im Sinne der Antragsteller tätig. Baker kommentiert den Sachverhalt dahingehend, dass ihr nur eine gleichlautende Petition der Bestatter-Vereinigung mehr Freude hätte bereiten können.
1909 gründet sie die American Child Hygiene Association und wird 1917 deren Präsidentin. Im selben Jahr ist sie die erste Frau, die am Bellevue Hospital Medical College der New York University, der späteren New York University School of Medicine, einen Doktorgrad in Public Health erwirbt.
Ruhestand, Ehrenamt und Ableben
Die von Sara Josephine Baker im Rahmen ihrer Tätigkeit in der Gesundheitsverwaltung von New York etablierten Programme haben einen enormen Einfluss auf die Mütter- und Säuglingssterblichkeit in der Stadt. Als sie 1923 in den Ruhestand geht, weist New York City die niedrigste Säuglingssterblichkeit aller großen amerikanischen Städte auf. Alle 48 Bundesstaaten haben ein Amt für Kindergesundheit nach New Yorker Vorbild eingerichtet. Aber auch der Ruhestand hält Baker nicht davon ab, sich weiterhin für die Dinge zu engagieren, die ihr am Herzen liegen. So tritt sie 1923/24 als Angehörige des Gesundheitsausschusses des Völkerbundes auf und arbeitet als Beraterin für Kinderhygiene für das New York State Department of Health, das US Department of Labor und das US Public Health Service. Darüber hinaus ist sie in zahlreichen Vereinigungen aktiv, darunter in nicht weniger als 25 medizinische Gesellschaften.
Mitte der 1930er-Jahre zieht sie sich gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Ida Wylie, und der Ärztin Louise Pearce nach New Jersey zurück, wo die drei Frauen gemeinsam in einem Haus leben. Am 22. Februar 1945 stirbt Sara Josephine Baker im Alter von 71 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung und wird am Rural Cemetery in ihrem Geburtsort Poughkeepsie beigesetzt.
- Parry MS. Sara Josephine Baker (1873–1945). American Journal of Public Health 2006 96(4) 620–621 doi:10.2105/AJPH.2005.079145
- Baker, S. Josephine, “The Baby.” Chapter VII Child Hygiene. New York, NY: Harper & Brothers Publishers, 1925.
- Butler-Wall K. Politics and Personal Life. OutHistory 2026 online publication
- Zuger A. A Life in Pursuit of Health. The New York Times 2013 October 28 online publication
- Women in Medicine Legacy Foundation. Dr. Sara Josephine Baker: A Lasting Legacy in Public Health. Women in Medicine Legacy Foundation 2024 June 20 online publication
