3. Mai 2024medonline Medizingeschichte #22

„Nach mir werden Tausende kommen“ – Die Ärztin Nadeschda Suslowa

Nadeschda Suslowa wird am 13. September 1843 als Tochter des leibeigenen Bauern Prokofij Grigorjewitch Suslow und seiner Frau Anna Iwanowna in Panino, Gouvernement Nischni Nowgorod, im zaristischen Russland geboren.

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Ihr Vater steht in Diensten eines Adeligen und erweist sich als so geschickt, dass er für diesen in Folge mehrere Landgüter verwaltet. Es ist kein Zufall, als sich Prokofij um die Leitung eines Landsitzes im Umland von Moskau bemüht. In der Nähe der Großstadt kann er seinen Kindern eine Schulbildung zuteilwerden lassen.

Schule und Studium in St. Petersburg

Nadeschda und ihre ältere Schwester gehen auf eine Mädchenschule, welche zumindest die jüngere nur wenig begeistert. Sie interessiert sich für Naturwissenschaften und die werden in der Ausbildung von Mädchen nicht als notwendig erachtet.

Als die Familie ihrem Vater zu einer neuen Verwendung in die Hauptstadt St. Petersburg folgt, macht Nadeschda eine Ausbildung zur Hauslehrerin. 1859 besteht sie im Alter von 16 Jahren das Examen und erreicht damit den für eine russische Frau zu dieser Zeit höchstmöglichen Bildungsabschluss.

Die 1860er-Jahre sind in St. Petersburg von einem revolutionären Geist getragen, der auch Nadeschda politisch sozialisiert und den Wunsch in ihr reifen lässt, Ärztin zu werden. Als ihr die Medizinisch-Chirurgische Akademie eine Ausnahmegenehmigung erteilt, besucht sie dort ab 1861 Vorlesungen als außerordentliche Hörerin.

Nachdem sich Nadeschda im nächsten Schritt eine Sonderbewilligung für ein Knabengymnasium sichert, erlangt sie dort einen Maturitätsabschluss und kann sich als ordentliche Hörerin an der Universität einschreiben. Sie bleibt damit nicht die Einzige.

Als sich die revolutionäre Stimmung in Unruhen entlädt, sind auch die Universitäten davon betroffen. Dort macht man die jungen Studentinnen dafür verantwortlich und verbietet ihnen das Studium wieder.

Zürcher Jahre

Nadeschda, die zu dieser Zeit für eine als revolutionär geltende Zeitung schreibt, nimmt das zum Anlass, um ihre Heimat zu verlassen. Die 1833 gegründete Hochschule in Zürich ist die erste von einem demokratischen Staatswesen etablierte Universität und gilt als überaus fortschrittlich. Frauen sind seit 1840 als Hörerinnen zugelassen. Ab 1865 ist ihnen auch ein ordentlicher Abschluss möglich.

In diesem Jahr beginnt Suslowa ihr Studium dort fortzusetzen. Weil sie ein breites Vorwissen besitzt, kann sie schon 1867 einen Antrag stellen, um die Doktorprüfung ablegen zu können. Das sorgt mangels eines Präzedenzfalls zuerst für etwas Verwirrung bei den zuständigen Stellen. Im Hochschulgesetz finden sich keine Passagen in Bezug auf weibliche Studentinnen und wie mit ihnen zu verfahren sei.

In einem Ausdruck progressiver Pragmatik beschließt der Bildungsdirektor, dass Frauen für den Abschluss zuzulassen sind, nachdem sie im Gesetz nicht explizit davon ausgeschlossen werden. So promoviert Nadeschda Suslowa am 14. Dezember 1867 mit dem Dissertationsschreiben Beiträge zur Physiologie der Lymphherzen. Sie ist damit die Erste in der Schweiz und in Russland. An ihre Schwester schreibt sie: „Ich bin die erste, aber nicht die letzte. Nach mir werden Tausende kommen.“

Zurück in Russland

Im April 1868 heiratet Suslowa den Zürcher Augenarzt Friedrich Erismann, einen ehemaligen Kommilitonen. 1869 ziehen die beiden nach St. Petersburg, wo Friedrich als Augenarzt praktiziert und Nadeschda die erste weiblich geführte Praxis für Gynäkologie und Pädiatrie eröffnet. Die Anzahl russischer Studentinnen in Zürich explodiert im Windschatten Suslowas, endet aber 1873 abrupt. Zar Alexander II. hat Angst vor einer Revolution studierter Frauen und verbietet russischen Studentinnen aus Zürich, in ihrem Heimatland zu arbeiten.

Suslowas Ehe mit Erismann scheitert und wird im Jahr 1883 geschieden. Nadeschda heiratet in der Folge den russischen Histologen Alexander Jefimowitsch Golubew, mit dem sie zuerst in Nischni Nowgorod eine gemeinsame Praxis gründet, bevor sie mit ihm in den Kurort Aluschta auf die Krim zeiht. Die beiden behandeln dort Mittellose und bauen eine kostenlose Schule, ein Gymnasium und ein Krankenhaus auf. Neben ihrer karitativen Arbeit interessiert sie sich zunehmend für philosophische Fragen und verfasst Fachbücher. Am 20. April 1918 stirbt Nadeschda Suslowa im Alter von 74 Jahren in Aluschta.