Phytoöstrogene – sorgen für Harmonie im Körper

Illustration Soja
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Phytoöstrogene werden als sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe in die Gruppe der Polyphenole eingeordnet. Aufgrund ihrer strukturellen Ähnlichkeit mit weiblichen Geschlechtshormonen sind sie befähigt, an humane Östrogenrezeptoren zu binden und damit hormonähnliche Effekte zu verursachen.¹ Sie kommen zum Einsatz, wenn es darum geht, leichte klimakterische Beschwerden zu lindern.

Der Begriff „Phytoöstrogen“ wurde von dem finnischen Wissenschaftler Dr. Herman Adlercreutz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt.²

Phytoöstrogene werden in vier Strukturklassen eingeteilt, und zwar in Isoflavone, Lignane, Coumestane und Stilbene.³ Die für die menschlichen Hormonrezeptoren relevantesten Isoflavone sind Genistein, Daidzein, Formononetin und Biochanin A¹, wobei Genistein die stärkste Affinität zum Östrogenrezeptor hat.

Isoflavone sind mit dem natürlichen 17β-Östradiol strukturell verwandt und binden fast ausschließlich an den β-Subtyp des Östrogenrezeptors¹̛ ⁴, der vor allem an den Ovarien, den Knochen und den Gefäßen lokalisiert ist. Isoflavone können sowohl östrogene als auch antiöstrogene Wirkungen entfalten und werden damit zu den sog. SERM (selektive Östrogenrezeptormodulatoren) gezählt.⁵ Sie beeinflussen über den Östrogenrezeptor die Transkription und die Zellproliferation, modulieren Enzymaktivitäten sowie die Signalübertragung und besitzen auch antioxidative sowie antithyreoidale Eigenschaften.

Anthranoidfreie Extrakte aus der Wurzel des Sibirischen Rhabarbers (Rhapontik-Rhabarber) werden auch aufgrund ihres Gehalts an östrogenwirksamen Stilbenderivaten zur Behandlung klimakterischer Beschwerden genutzt. Die entscheidenden Inhaltsstoffe sind die Stilbenderivate Rhaponticin und Desoxyrhaponticin.⁵

Die aktuelle S3-Leitlinie „Peri- und Postmenopause-Diagnostik und Interventionen“ hält bei Extrakten aus Sibirischem Rhabarber, Rotklee oder Soja einen „Nutzen für möglich“. Phytoöstrogene reduzierten in Studien signifikant die Frequenz von Hitzewallungen, nicht aber nächtliche Schweißausbrüche. Laut Leitlinie zeigte Genistein die zuverlässigste Wirkung. Isoflavonen wird ab einer Tagesdosis von 30mg eine mögliche Wirkung attestiert.⁶

Health Claims

Für Phytoöstrogene sind keine Health Claims definiert.

Steckbrief

Vorkommen

Besonders reich an Isoflavonen sind Soja und Rotklee. Die Sojabohne enthält vor allem die Phytoöstrogene Daidzein und Genistein. Formononetin und Biochanin-A sind wichtige Inhaltsstoffe des Rotklees. Lignane sind in Leinsamen, Sesamsamen, Sonnenblumenkernen und Hopfenzapfen zu finden. Cumestanderivate wie Cumestrol sind vor allem in Gemüsekeimlingen wie Luzernen oder Sojasprossen enthalten², Stilbene in Weintrauben und Erdnüssen.³

Mögliche Anwendungsgebiete⁴

Phytoöstrogenen werden neben den positiven Wirkungen bei menopausalen Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen weitere gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt:

  • Verringerung des Herz-Kreislauf-Risikos in der Menopause⁴
  • antioxidative Wirkung⁴
  • osteoprotektive Wirkung¹̛ ⁴
  • mögliche tumorpräventive Eigenschaften (Lignane)⁴

Praxistipps

  • Grundsätzlich sind die Einnahmevorschriften des jeweiligen Präparates einzuhalten, die vom Hersteller empfohlene tägliche Verzehrmenge sollte nicht überschritten werden.
  • Empfehlenswert ist eine regelmäßige Einnahme über einen längeren Zeitraum (mindestens zwei Monate).
  • Phytoöstrogene sind gut verträglich, gelegentlich kann es jedoch, vor allem unter hoher Dosierung, zu Kopfschmerzen oder leichten Magen-Darm-Beschwerden kommen.
  • Werden Nahrungsergänzungsmittel über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr eingenommen, empfiehlt es sich, evtl. im Zuge der jährlichen Vorsorgeuntersuchung, mit dem Gynäkologen Rücksprache zu halten.
  • Nach einer umfassenden Risikobewertung wurde die Sicherheit von Isoflavonen auch von der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) bestätigt. In Interventionsstudien traten selbst bei einer Anwendungsdauer von bis zu drei Jahren keine klinisch relevanten Veränderungen von Brust, Endometrium oder Schilddrüse auf.⁸
  • Für gesunde Frauen nach der Menopause oder in der Perimenopause gelten folgende Dosierungen als hinreichend sicher: bis zu 100mg/d Isoflavone aus Soja bei einer Einnahmedauer von bis zu zehn Monaten, bis zu 43,5mg/d Isoflavone aus Rotklee bei einer Einnahmedauer von bis zu drei Monaten.¹
  • Die Einnahme von Phytoöstrogenen sollte bei hormonabhängigen Erkrankungen des Brustdrüsengewebes oder der Gebärmutter, aktuell oder in der Anamnese, nur nach Absprache mit dem Arzt erfolgen!!
  • Das deutsche Bundesamt für Risikobewertung empfiehlt aus Sicherheitsgründen, Isoflavone bei Frauen mit aktuellen Brustkrebserkrankungen beziehungsweise in der Anamnese nicht anzuwenden.

Im Wechselspiel

Es sind keine relevanten Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen bekannt. Lediglich die in Soja enthaltene Phytinsäure kann die Resorption von Calcium reduzieren.⁴

Quellen

  1. Teuscher, Lindequist, Melzig, Biogene Arzneimittel, 8. Auflage 2020, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart
  2. https://www.altmeyers.org/de/naturheilkunde/phytoostrogene-110855
  3. https://flexikon.doccheck.com/de/Phyto%C3%B6strogen
  4. https://www.mikronaehrstoffcoach.com/de/at/mikronaehrstoffe/micronutrient..html
  5. Milek I., Das große PTA Handbuch – Praxiswissen für die Apotheke, 1. Auflage 2016, Deutscher Apotheker Verlag
  6. Peri- und Postmenopause, Diagnostik und Interventionen. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), der Österr. Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG) und der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG), AWMF Registernummer 015-062, Stand Januar 2020, www.awmf.org
  7. Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission vom 16. Mai 2012
  8. https://www.efsa.europa.eu/de/press/news/151021